Geldanlage Halal statt Haram

Weltweit boomt das Geschäft mit Islam-konformen Finanzprodukten – nur in Deutschland nicht. Warum ist das so? Eine Spurensuche

Im Büro von Murat Berkin riecht es nach Rosenwasser – eine Erinnerung an Mohammeds Schweißperlen, aus denen vor rund 1.400 Jahren die Rosen entstanden sind, wenn man dem Mythos Glauben schenkt. Berkin ist Türke und muslimischer Theologe, hat in Ankara und der »erleuchteten Stadt« Medina studiert, seit sechs Jahren lebt und arbeitet er in Berlin. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Damit ist er nicht allein: Über finanzielle Themen wollen sich auch andere muslimische Theologen nicht öffentlich äußern. Murat Berkin sitzt in einem schweren schwarzen Ledersessel in seinem Büro, direkt neben einer der zahlreichen Moscheen in Berlin-Kreuzberg. Für ihn besteht das größte Problem des Islams, ebenso wie aller anderen Religionen, darin, dass viele Gläubige die religiösen Regeln nicht mehr strikt einhielten. »Anstatt fünfmal täglich zu beten, besuchen viele Muslime nur noch freitags die Moschee. Oder sie trinken Alkohol oder essen Schweinefleisch«, sagt er. Im Notfall dürfe man das zwar, aber nur, wenn es gar nichts anderes zu essen gebe und man sonst verhungere. Ähnliche Vorgaben gebe der Islam beim Thema Geld. Nur um das eigene Leben zu retten, dürfe man sich auf Zinsgeschäfte einlassen, sagt der muslimische Theologe.

Die Vorgaben des Korans konkretisiert die Scharia, das islamische Recht, die sich neben dem Koran auf die Sunna beruft, die Überlieferungen vom Leben des Propheten Mohammed. Die Scharia verbietet Waffenhandel, Pornografie, Glücksspiel, den Kauf oder Verkauf von Schweinefleisch oder von Fleisch, das nicht nach muslimischen Regeln geschächtet wurde. Gleichermaßen haram – nicht erlaubt – sind Investitionen in Unternehmen, die mit diesen Produkten Geld verdienen. Und sie verbietet jegliche Art von Zins. Einem Muslim ist Riba – das heißt wörtlich »Zuwachs« oder »Vermehrung«, wird heute aber in der Regel mit Zins gleichgesetzt – untersagt, so heißt es an mehreren Stellen des Korans. »Oh ihr, die ihr glaubt«, steht etwa in Sure 2, Vers 278/279, »fürchtet Allah und verzichtet auf das, was noch übrig ist an Riba, wenn ihr Gläubige seid. Und wenn ihr dies nicht tut, dann ist euch Krieg angesagt von Allah und seinem Gesandten.« Zaid el-Mogaddedi, Managing Director des Institute for Islamic Banking and Finance in Frankfurt am Main, erklärt: »Mit Geldzinsen erzielt man einzig aus dem Faktor Zeit einen Gewinn. Zeit aber ist ein öffentliches Gut, über das allein der Schöpfer verfügt.«

Kaum ein Nichtmuslim kann sich vorstellen, wie Bankgeschäfte unter diesen Einschränkungen funktionieren sollen. Und doch gibt es seit 40 Jahren Scharia-konforme Finanzprodukte. Mitte der sechziger Jahre entstand die erste islamisch handelnde Bank. Der ägyptische Wissenschaftler Ahmed el-Naggar gründete gemeinsam mit dem Deutschen Sparkassenverband im ägyptischen Mit-Ghamr die erste Bank, die keinen Zinsen berechnete. Weltweit bieten heute über 300 Banken in mehr als 75 Ländern Produkte nach den Gesetzen des Islams für rund eine Million Kunden an. Zentren sind dabei die Golfregion und Malaysia. Nach Schätzungen des Islamic Financial Service Board kann das nach islamischem Recht verwaltete Vermögen bis 2015 auf insgesamt 2,8 Billionen Dollar anwachsen. »Durch die gestiegenen Ölpreise und die beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung sind immer mehr Menschen aus islamisch geprägten Ländern zu Geld gekommen«, sagt Manfred Piel vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

Ein Scharia-Board aus islamischen Gelehrten überprüft die Produkte

Aber auch für Nichtmuslime können Scharia-konforme Produkte attraktiv sein. »Von der US-Hypothekenkrise waren sie weniger stark betroffen«, sagt Hans-Georg Ebert, Professor für Islamisches Recht an der Universität Leipzig. »Hochspekulatives Kapital ist nach eigenen Auflagen in islamischen Bankprodukten ja nicht erwünscht.«

Zwar sind auch westliche Banken in das Scharia-konforme Fonds- und Zertifikategeschäft eingestiegen, sie beschränken ihre Aktivitäten jedoch weitgehend auf islamische Länder. Sie müssen garantieren, dass die Fonds und Zertifikate ausschließlich in Branchen investieren, die ethisch korrekt – halal – sind. Zudem dürfen die Unternehmen auch nicht zu stark fremdfinanziert sein.

Die fünf Zertifikate, die die Deutsche Bank ihren Kunden in Deutschland anbietet, bewirbt sie nicht aktiv. Sie wendet sich damit hauptsächlich an Kunden im Mittleren und Nahen Osten. Auch ABN Amro, BNP Paribas und UBS verkaufen auf dem deutschen Markt jeweils ein Zertifikat. Die Zusammensetzung der in die Finanzprodukte eingehenden Werte überprüft ein Scharia-Board aus islamischen Gelehrten – zwingende Voraussetzung für jedes islamische Finanzprodukt.

Fonds oder Zertifikate aufzulegen sei für eine Bank noch relativ unproblematisch, sagt Piel. Schwieriger werde es bei den typischen Bankprodukten wie dem Sparkonto oder dem Kredit für das neue Haus oder das Auto. Dabei existieren auch hier bereits seit den Anfängen des Islamic Banking Produkte, die den Zins umgehen.

Heute machen die islamischen Banken vor allem von drei Varianten Gebrauch. Bei der Murabaha leiht die Bank dem Kreditnehmer nicht direkt Geld, sondern kauft ein Objekt – zum Beispiel eine Immobilie – für ihn. Der Schuldner wiederum kauft es der Bank zu einem höheren Preis per Ratenzahlung ab. Eine zweite Form der Kreditgabe ist die Musharaka. Dieser Vertrag kommt zwischen Unternehmer und Bank zustande. Beide bringen Kapital ein und haben bei Fragen der Unternehmensführung Mitspracherecht. Sowohl Gewinn als auch Verlust teilen sie zu einem vorher vereinbarten Verhältnis oder nach Höhe der jeweiligen Einlage unter sich auf. Die dritte Form, die Mudaraba, funktioniert ähnlich, jedoch bringt nur die Bank Kapital ein. Der Kapitalnehmer wird von der Bank als Geschäftsführer eingesetzt. Den Gewinn teilen die beiden Partner nach einem vereinbarten Satz, den Verlust trägt der Kapitalgeber – dem Geschäftsführer wird in diesem Fall der Lohn gestrichen. »Islamic Banking funktioniert ein bisschen wie bei uns die 1.000 ganz legalen Steuertricks«, sagt der Leipziger Professor Ebert. Man müsse eben irgendwie einen Weg finden, das Zinsverbot und die ethischen Auflagen der Scharia zu umgehen.

Deutschland hinkt bei dem Geschäft mit den Scharia-konformen Produkten für Muslime noch hinterher. In England hingegen können Muslime ihre Geldgeschäfte seit mehreren Jahren religiös korrekt abwickeln. Bereits seit 2004 bietet die Islamic Bank of Britain die gesamte Produktpalette an. Im Jahr 2007 zählte sie 42.000 Kunden und damit fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr und verwaltet Vermögen in Höhe von 135 Millionen Pfund, eine Steigerung von über 60 Prozent.

Der Bedarf ist da, aber die Banken erkennen ihn nicht

Experten glauben nicht, dass Islamic Banking in der Bundesrepublik so erfolgreich sein wird wie in Großbritannien. »Die Bedingungen sind andere«, sagt Ebert. Die meisten der in England lebenden Muslime kommen aus Indien, Pakistan und Bangladesh. Damit sprechen sie die englische Sprache. Und sie kommen aus einem klar abgegrenzten Gebiet und legen die Scharia ähnlich aus, während die Muslime in Deutschland verschiedenen Rechtsschulen anhängen. Zusätzlich gebe es in Deutschland auch juristische Probleme, die der englische Gesetzgeber bereits behoben habe. So fällt bei der Murabaha, bei der eine Immobilie von der Bank an den Kunden weiterverkauft wird, in Deutschland zweimal die Grunderwerbsteuer an. Die britische Regierung hat die Steuer für den ersten Kauf abgeschafft. »Nur so kann eine Scharia-konforme Finanzierung im Wettbewerb bestehen«, sagt el-Mogaddedi.

Doch dass auch die Muslime hierzulande Interesse an Finanzprodukten haben, die ihre religiösen Vorschriften respektieren, zeigt kurioserweise ausgerechnet einer der größten Anlageskandale Deutschlands. Ende der neunziger Jahre hatten türkische Gesellschaften – Kombassan, Yimpaş, Jet-Pa und eine Reihe kleiner Unternehmen – in Moscheen, türkischen Zeitungen und Kulturvereinen für Korankonforme Geldanlagen geworben. Zwischen 200.000 und 300.000 in Deutschland lebende Türken konnten sie überzeugen, diese investierten rund fünf Milliarden Euro. »Das Geld wurde veruntreut, die Menschen haben alles verloren«, sagt el-Mogaddedi. Aber dieses Beispiel zeige, dass es sowohl ausreichend Liquidität als auch die Bereitschaft zur Scharia-konformen Anlage gebe. Wenn ein Muslim die Alternative zwischen zwei Anlageprodukten habe, die hinsichtlich Kosten und erwarteter Rendite vergleichbar seien, dann würde er sich für das Scharia-konforme Konzept entscheiden.

Die Zahlen sprechen für sich: Von den 3,4 Millionen Muslimen in Deutschland sind 1,8 Millionen Türken. Deren durchschnittliches Haushaltseinkommen liege mit monatlich rund 2.200 Euro für durchschnittlich 3,4 Personen netto zwar unter dem der Deutschen, die 2.600 Euro für durchschnittlich 1,8 Personen zur Verfügung hätten, die Sparrate der Türken sei jedoch höher als die der Deutschen, sagt der Experte. Die Banken aber hätten das noch nicht erkannt.

»Wir beobachten den Markt, sehen aber im Moment keinen Bedarf bei unseren Kunden«, sagt Postbank-Sprecher Ralf Palm. Oder die Deutsche Bank: Sie bietet neben der türkischen Beratung in ihren Bankamiz-Filialen kostenlose Überweisungen in die Türkei und muslimische Motive auf der EC-Karte an, aber keine Scharia-konformen Produkte. »Nach mehr fragen die Kunden in der Regel nicht«, sagt Sprecher Michael Lermer.

Obgleich die Banken einstimmig bestreiten, vom Koran legitimierte Produkte ins Portfolio nehmen zu wollen, ist ihr Interesse geweckt. Sogar die Sparkassen nehmen die religiöse Zielgruppe derzeit genauer unter die Lupe. Die Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe unterstützt das Forschungsprojekt »Islamische Finanzprodukte« der TU Chemnitz und der Universität Leipzig. »Wir untersuchen sowohl die Zielgruppen des Islamic Banking als auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die konkreten Produkte, die angeboten werden könnten«, sagt Hans-Georg Ebert, der das Projekt leitet. Zumindest als Nischenprodukt lohne es sich, islamische Bankprodukte auf dem deutschen Markt einzuführen, sagt er. Schon allein aus Wettbewerbsgründen. »Denn die Islamic Bank of Britain wird sicher bald auch hier aktiv.«

 
Leser-Kommentare
  1. Ich sag nur Selbstveralberung für Fortgeschrittene... <br> Es ist echt immer wieder unglaublich, was aus der religösen (im allgemeinen) Community für Konstrukte erdachte werden, nur um solche "Vorschrifen" zu umgehen. Man könnte sich ja auch drauf einigen, dass die Bibel und Koran etwas Lebensfremd sind. <br>Man ist ja unter den Christen auch soweit, dass man als gläubiger Christ auch mit Frauen spricht, wenn sie gerade "unrein" sein. (Um mal ein extremes und blödes Beispiel anzuführen)

  2. daß religiös Ungebildete wie [...]allen Ernstes vom Islam auf das Christentum, von der dortigen Bedeutung des Koran auf die Aussageart und Bedeutung der Bibel schließen....:"Man ist ja unter den Christen auch soweit, dass man als gläubiger Christ auch mit Frauen spricht, wenn sie gerade "unrein" sein. (Um mal ein extremes und blödes Beispiel anzuführen)"Sieht so aus, als ob der Islam siegt: die Köpfe der Dummen und pseudo-säkularen Opportunisten hat er jedenfalls schon besetzt....Erst wenn das letzte Dorf mit einer Moschee beglückt, das Zuckerfest am Ende des Ramadan die Bedeutung von Weihnachten verdunkelt, "unreine" Metzgereien der Dhimmis sich in hinterste Winkel verstecken müssen, und jede unverschleierte Frau jederzeit damit rechnen muss, daß sie auf offener Straße als Hure und Schlampe beschimpft wird, erst dann wird auch euch [...] die weltgeschichtliche Bedeutung des Christentums dämmern.....[Bitte unterlassen Sie Beleidigungen und vermeiden Sie sowohl Provokationen, als auch Pauschalisierungen. /Die Redaktion pt.]

  3. [Bitte unterlassen Sie persönliche Anfeindungen, auch wenn Sie provoziert werden. /Die Redaktion pt.]

  4. [S.o. /Die Redaktion pt.]

  5. [S.o. Bitte versuchen Sie, sachlich zu diskutieren. /Die Redaktion pt.]

  6. kommentar nr. ist ein pauschaler angriff auf eine weltreligion, uns war von herrn molic...
    ich bitte sie kontrollieren sie was für hetzerische kommentare diese person verfasst bevor sie meine kommentare löschen.
    weswegen wurde kommentar nr. 2 nur gekürzt und nicht gelöscht?

  7. kommentar nr.2

  8. die Schimpferei muß schon noch Inhalt beinhalten, damit sie die Zensur überwindet....nur rumschreien und Fahnen verbrennen bringt da nichts....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    schipfe nicht molinocampo.[...] (Bitte tun Sie genau das nicht und bleiben Sie sachlich. Die Redaktion / ft)

    schipfe nicht molinocampo.[...] (Bitte tun Sie genau das nicht und bleiben Sie sachlich. Die Redaktion / ft)

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