Der Skandal von Nürtingen rankt sich um eine Pflanze mit der Bezeichnung Mon810. Das Kürzel steht für eine gentechnisch veränderte Maissorte des amerikanischen Agrarriesen Monsanto. Sie sollte auf einem Versuchsfeld des Hofguts Tachenhausen in der Gemarkung Oberboihingen angebaut werden. Betreiberin des Guts ist die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen. Der Versuchsleiter heißt Andreas Schier.

Bundesweit sind 4.400 Hektar für den Anbau von gentechnisch verändertem Mais angemeldet. Der Gesetzgeber schreibt strenge Kontrollen vor. Auch der Versuch in Oberboihingen ist ordnungsgemäß beantragt, seine Durchführung genehmigt, die Bedingungen sind transparent. Aber er wird nicht mehr stattfinden. Die Hochschule hat ihrem Forscher so dringend nahegelegt, seine Versuche einzustellen, dass er sich beugen musste. Wie konnte es dazu kommen, dass eine Hochschule höchstselbst ihre im Grundgesetz verankerte Forschungsfreiheit beschneidet?

Andreas Schier liebt seinen Acker. »Das ist einer der besten Böden Deutschlands«, schwärmt der 54-jährige Phytomediziner und Pflanzenbiotechnologe. »Da bekommen Bauern feuchte Augen vor Freude, wenn sie das sehen.« Schiers Freude ist seit zwei Wochen getrübt. Auf seinem Versuchsfeld sind noch Spuren von Stroh und Reste eines Grabens zu sehen. Das Feld war besetzt, ist für Experimente nicht mehr zu gebrauchen.

Am Morgen des 9. April hat Schier einer »dringenden Empfehlung der Hochschulleitung und des Hochschulrates« (Originalton ihrer Pressemitteilung) nachgegeben und seine Versuche eingestellt. Am Abend des 9. April sitzt er auf einem Podium und diskutiert im Rahmen einer lange zuvor geplanten Studium-generale-Veranstaltung die Vor- und Nachteile der Gentechnik. Der Hörsaal ist überfüllt, ein weiterer, in den Schiers Auftritt per Videoleitung übertragen wird, ebenfalls. Es scheint, viele sind gekommen, um das Opfer zu sehen oder den bußfertigen Sünder. Aber Schier gibt weder die eine noch die andere Rolle.

Andreas Schier ist ein Mann mit Überzeugungen. Er hat an der Universität Hohenheim studiert und promoviert. Er hat für die Schering AG in Berlin im Bereich Pflanzenschutz gearbeitet. Seit 1991 lehrt er an der Hochschule Agrarwirtschaft. Seit 1996 betreibt er Versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen, zunächst mit Zuckerrüben, dann mit Mais. Der Professor glaubt an die Gentechnik. Diesen Glauben lässt er sich nicht von ein paar Aktivisten nehmen.

Schier ist selbst Aktivist. Er ist Vorstand im Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik, einem Verbund von Forschern, die über ihre Arbeit aufklären wollen. Seine Kritiker werfen ihm vor, da sei auch die Industrie im Spiel. »BASF, Monsanto oder BayerCropScience sind nur Fördermitglieder«, kontert er. Eine Schwächung seiner wissenschaftlichen Unabhängigkeit kann er darin nicht erkennen. Schiers Ergebnisse sind weithin anerkannt – wenn er welche liefern kann. Sechsmal wurden die Feldversuche seit 1996 zerstört. Seine jüngste Arbeit weist nach, dass der gentechnisch veränderte Mais nicht nur seinem Fraßfeind, dem Maiszünsler, widersteht, sondern auch eine geringere Belastung mit Pilzgiften aufweist.

»Das will niemand so genau wissen«, sagt der Professor. »Meine Kollegen in der agrarwirtschaftlichen Fakultät forschen über das Saugen von Kälbern oder Ziegen als Landschaftspfleger. Die sind die Guten, nur ich bin der Böse. Das Böse.«

Das Böse? »Das ist Monsanto«, sagt Johanna Rehse. Vor Kurzem hat die junge Frau mit den Sommersprossen und den Dreadlocks ihr Abitur gemacht. Nun zieht sie von Stadt zu Stadt, besucht Freunde – und besetzt Felder. Für sie ist Widerstand gegen Gentechnik eine Selbstverständlichkeit. Kein Demonstrationsrecht, sondern Demonstrationspflicht. »Mir ist es egal, wo das Feld liegt, das ich besetze«, sagt sie. »Hauptsache, der Gendreck kommt weg.«

In Nürtingen sei richtig was los gewesen. »Am Abend nach der Besetzung hatten wir 70 Leute auf dem Feld. Das war schon cool.« Der Aufwand der Besetzer ist beachtlich. Sie errichten meterhohe Holztürme und übernachten in luftiger Höhe, um einem polizeilichen Zugriff zu entgehen. Sie stellen Zirkuszelte auf, richten Feldküchen ein. Wer bezahlt all das? »Das meiste Equipment kommt von irgendwelchen Organisationen. Das Zelt gehört zum Beispiel der Freiburger Volxküche. Und wir nehmen eine Menge Spenden ein.« Zum Vergrößern des Ausschnitts klicken Sie bitte auf das Bild BILD

Was mobilisiert die Gegner, was lässt sie in ihre Brieftaschen greifen und in Schlafsäcken frieren? Am meisten Angst an der Gentechnik machten ihr die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe, die drohende Abhängigkeit von den Multis, sagt Johanna Rehse. »Der Feind ist nicht die Hochschule, auch nicht Professor Schier. Der Feind heißt Monsanto.« Darum sei Nürtingen nur ein Teilerfolg. Es sind noch über 4.000 Hektar Monsanto-Mais angemeldet dieses Jahr. »Da ist noch einiges zu tun.«

Hat sie keine Angst davor, wegen schwerer Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch verurteilt zu werden? »Kein Stück. Bisher gab es keine klaren Urteile, viele Prozesse sind abgesagt oder vertagt. Aber ich würde auch 30 Tagessätze bezahlen, wenn ich verurteilt würde.«

Und die Argumente, die für die Forschung sprechen? Dass Gentechnik den Einsatz von Spritzmitteln verringern könnte, sei doch Schwachsinn, sagt Johanna Rehse. Das wisse sie, auch ohne wissenschaftliche Studien zu lesen. Die finde sie zu anstrengend, sie rede einfach viel mit Leuten.

Sie genießt sichtlich den Frühling des Protests. Auch wegen der Anerkennung, die sie vor Ort erfährt. »In Nürtingen hatten wir eine Schulklasse auf dem Feld.« Der Lehrer hatte mit seinen Schülern gerade im Ethikunterricht zivilen Ungehorsam durchgenommen. »Der kam hoch erfreut zu uns. Schließlich waren wir der lebende Beweis, dass ziviler Ungehorsam etwas bewirken kann.«

Kathrin Mendler studiert in Nürtigen Agrarwirtschaft. »Das kann doch nicht sein, dass die da auf dem Acker hocken und die Forschung kaputt machen«, sagt sie und hat einen offenen Brief an die Hochschulleitung verfasst und Unterschriften gesammelt: »Gemäß dem Leitsatz ›Freiheit für Forschung und Lehre‹ fordern wir, dass der besetzte Acker so schnell wie möglich geräumt und die Forschung im Bereich der Gentechnik wieder aufgenommen wird.« Das Ergebnis waren 160 Bekenntnisse zur Freiheit der Forschung in nur zwei Stunden. »Da haben Biolandwirte unterschrieben, obwohl die garantiert nicht für die Gentechnik sind. Forschung an einer Hochschule muss stattfinden dürfen, wo denn sonst?«, sagt Mendlers Kommilitone Felix Grebhardt.

Den Studenten ist es wichtig, alle Seiten kennenzulernen, den Biolandbau, die konventionelle Landwirtschaft und eben auch die Gentechnik auf dem Acker. »Das ist Forschung zum Anfassen«, sagt Martin Frech. »Wir sehen die Maispflanzen nicht nur im Lehrbuch. Es ist beeindruckend, wenn die einen Pflanzen vom Maiszünsler zerfressen werden und die anderen völlig unbehelligt dastehen.« Mendler, Grebhardt und Frech schwärmen von ihrer Hochschule, von der engen Zusammenarbeit mit den Professoren, vom weiten Ausbildungsspektrum, von der Praxiserfahrung.

»Wir haben die Besetzer gefragt: Warum sitzt ihr jetzt schon hier? Für die Aussaat ist es doch noch zu kalt«, berichtet Grebhardt. »Die wussten gar nicht, wann Mais ausgesät wird.« Auch sonst habe sich in den Diskussionen gezeigt, wie wenig die Besetzer von Landwirtschaft verstünden.

Nun betreiben die Studenten Gegenaufklärung. Sie geben Interviews, informieren die Presse, reden mit der Hochschulleitung. Allzu optimistisch sind sie nicht. »Nach einem solchen Kniefall vor den Forschungskritikern ist ein Wiedereinstieg schwierig«, sagt Kathrin Mendler und verweist auf die notwendige Zusammenarbeit mit Unternehmen und Drittmittelgebern. »Warum sollten die noch mit der Hochschule kooperieren? Um wieder versetzt zu werden?«

Rektor Werner Ziegler, seit September 2007 im Amt, ist so krank, dass er eine USA-Reise absagen musste. Nun sitzt er doch mit seinen Prorektoren Cornelia Niederdrenk-Felgner und Willfried Nobel sowie Kanzler Roland Bosch am großen Tisch in seinem Amtszimmer, um den Konflikt mit der Forschungsfreiheit zu erklären. Die Hochschulleitung ist sich einig: Sie habe in letzter Minute den Ruf ihrer Institution gerettet. »Wir sind als Gen-Hochschule, als Monsanto-Hochschule beschimpft worden«, sagt Ziegler. »Es gab Kritik von außen wie von innen, von Studenten und Kollegen. Ehemalige haben angerufen, Lokalpolitiker.«

Die Kritik ist nicht neu. Seit 1995 gibt es Proteste gegen die Versuche auf dem Hofgut der Hochschule. »Am Anfang waren das einzelne Gruppen«, sagt Ziegler. »Inzwischen ist die Gegnerschaft jedoch in gesellschaftliche Kreise hineingewachsen, von denen wir das nie vermutet hätten.« Die Feldbesetzung sei nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.

Im Rektorat herrscht Einigkeit. In der Abwägung zwischen Forschungsfreiheit und Genprotest habe die Hochschule gegen den massiven Druck der öffentlichen Meinung keine andere Wahl gehabt. »Die Freiheit der Forschung kann keine Freiheit per se sein«, sagt Prorektorin Cornelia Niederdrenk-Felgner. »Sie können doch auch keine Schusswaffenforschung betreiben, indem Sie auf lebende Menschen zielen.«

Die Mission von Rektor Ziegler lautet also: den Ruf der Hochschule retten. Dass er selbst nicht viel von grüner Gentechnik hält, daraus macht der Wirtschaftswissenschaftler keinen Hehl. Hat die Agrarwirtschaft – immerhin Gründungsfakultät der Hochschule – bei der Hochschulleitung überhaupt noch eine Bedeutung? »Wir sind stolz darauf«, sagt Ziegler. »Aber dass wir vom Biolandbau bis zu den Gentechnikversuchen ein breites Spektrum in der Agrarwirtschaft bieten, dass wir das Nürtinger Schweinebett erfunden haben, dass wir alte Kultursorten reaktivieren, all das drang überhaupt nicht mehr durch. Wir wurden auf die Gentechnik reduziert.«

So sei die »dringende Empfehlung der Hochschulleitung und des Hochschulrates« an den Kollegen Schier, seine Experimente einzustellen, immer dringender geworden. »Der Hochschulratsvorsitzende hat mit Mitgliedern des Hochschulrats gesprochen und mich ermutigt, auch in seinem Namen zu sprechen«, sagt Ziegler. Im Namen des Hochschulrates? »Im Namen des Vorsitzenden, nicht im Namen des Rates«, sagt Ziegler. Jürgen Hilse, der Vorsitzende des Hochschulrates, ist im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Göppingen und amtierender Bundesobmann der Sparkassen.

Rektor Ziegler hat seinem Kollegen Schier und der Hochschule eine Denkpause verordnet, ein Moratorium. Man wolle die Entwicklung zunächst einmal beobachten, wissenschaftlich, ökonomisch, politisch. Fünf Jahre soll die Denkpause dauern. Dann scheidet Ziegler aus dem Amt.

Die Leserbriefseite der Nürtinger Zeitung ist das Stimmungsbarometer der Region. »Endlich geht die Saat auf, die ich jahrelang unter meine Schüler im Ethikunterricht gesät habe«, schreibt Günther Balz aus Oberboihingen. »Respekt vor diesen mutigen und entschlossenen Menschen«, bekräftigt Peter Schönhaar aus Unterensingen. »Danke auch an die Nürtinger Zeitung mit der guten Berichterstattung und der Redaktionsmeinung«, schreibt Gerhard Härer aus Aichtal.

Die Nürtinger Zeitung hat durchaus ihren Anteil am Sieg über Gentechnik und Forschungsfreiheit. Daraus macht der Lokalredakteur Andreas Warausch keinen Hehl. Viel Platz hat die Zeitung den Positionen der Gentechnikgegner im Laufe der Jahre eingeräumt. Früher durften Leserbriefschreiber schon mal ??ber »Schiersche Menschenversuche« schimpfen. Auch in der aktuellen Berichterstattung steht im Zentrum die Position der Feldbesetzer. Andreas Schier kommt kaum zu Wort. Der sei ziemlich arrogant, kanzele die Sorgen der Menschen als unbegründet und emotional ab. »Er ist hart angegangen worden und im Lauf der Zeit selbst hart geworden«, sagt Warausch.

Tut sich die Redaktion mit dem Forscher deshalb so schwer? »Wir fühlen uns als Anwalt der Leute«, sagt der Redakteur. »Und die Ängste der Leute sind höher zu bewerten als die Freiheit der Forschung.« Die Nürtinger Zeitung steht mit ihrer Haltung nicht allein. Auch Ulrich Stolte, Mitglied der Esslinger Lokalredaktion der Stuttgarter Zeitung, hat die Hochschule zum Stopp der Experimente beglückwünscht, unter der Überschrift Bessere Welt. Auch seine Redaktion hatte den Stimmen der Protestler viel Raum gegeben. Dabei verbreitete sie auch Fehlinformationen über die biologischen Risiken der Versuche.

»Die Biologie können wir Lokalredakteure kaum beurteilen«, sagt Warausch und schildert sein Dilemma: Wem soll er denn glauben? Dem Forscher? Der ist voreingenommen. Dem Unternehmen? Das will Geld verdienen. Dann glaubt er lieber den Ängsten seiner Mitbürger.

Aber in einem Punkt ist er sich auch ohne Biologiekenntnisse ziemlich sicher: »Die Genforschung hier ist tot.«