Einkaufen Pure Kauflust

Es geht ganz leicht, verfeinert den Geschmack, vermehrt das Wissen und ist in seiner Höchstform vollends virtuell: Ein Lob des Internet-Shoppens

Das erste Mal, dass ich dem amerikanischen Militär dankbar dafür war, dass es das Internet geschaffen hat, war an jenem Vormittag vor etwas über einem Jahr, als der Karton aus Belgien eintraf. In dem Karton waren Massen von kleinen Styroporteilchen, und darunter lag, honigfarben funkelnd, die Glaslampe, die bald im Wohnzimmer hängen sollte. Ein italienisches Modell aus den siebziger Jahren, das ich bei dem Händler gekauft hatte, auf dessen Homepage ich die letzten Wochen verbracht hatte – immer zwischen neun und elf Uhr abends, bis mich meine Frau ins Bett holte.

Meine Frau ist nicht davon überzeugt, dass das Internet uns glücklich machen kann. Wenn ich ihr einen Sessel aus den sechziger Jahren zeige, den ich für uns kaufen will, oder ein Sideboard, das doch besonders gut in ihr Arbeitszimmer passen würde, dann sagt sie immer: »Sehr schön, aber ich muss die Sachen im Original sehen.« Im Original? Damit hebelt sie natürlich das ganze Prinzip Internet aus und wirft mich auf das Grundproblem des Internet-Shoppings zurück: die Verwandlung von Information in Materie.

Das klingt kompliziert, bedeutet aber ganz schlicht: Das Internet besteht im Grunde aus nichts als Wünschen, Gedanken, Meinungen, Vermutungen, Ideen, Bildern oder eher Abbildern, also allem, was das Leben und Denken ausmacht – außer den Dingen, mit denen wir unser Leben einrichten. Das ist es wohl, was die Leute meinen, wenn sie »virtuell« sagen. Die Herausforderung ist nun: Wie kommt das Ding zu dir?!

Merkwürdig ist dabei, dass genau diese leichte Entrückung das Kaufen im Internet so viel einfacher macht. Man schaut sich keinen Schrank an, man dreht nicht diese Platte oder jene in der Hand herum, man überlegt nicht, welches Kissen man kauft – man tut etwas, das ziemlich distanziert ist, man klickt auf einen Knopf, man gibt ein paar Zahlen ein, und schon macht sich irgendwo auf der Welt ein Buch auf den Weg. Oder die Band, über die man gerade eine sensationelle Kritik gelesen hat, ist auf einmal da. Schon knallt die Musik aus den Boxen neben dem Computer.

Diese Mischung aus Verfügbarkeit und Distanz erklärt wohl den Erfolg von Shoppen und Klicken. Steil ist der Umsatz im E-Commerce angestiegen, in Deutschland von etwas mehr als einer Milliarde Euro 1999 bis auf prognostizierte 20 Milliarden Euro 2008. Es sind vor allem Kleider, die online gekauft werden, Bild- und Tonträger, Unterhaltungselektronik und Möbel. Im europaweiten Durchschnitt liegen die Deutschen recht weit vorn (ich bin mit meiner Kaufwut also nicht allein!), 41 Prozent kaufen im Internet, im EU-Durchschnitt sind es gerade mal 23 Prozent.

Dabei hilft das Internet nicht selten, sich selbst zu überrumpeln – das ist der Trick von eBay und ein bisschen auch die Magie der ganzen Sache. Man sollte das wissen, wenn man auf etwas bietet, das man nicht wirklich braucht – da entwickelt sich leicht eine Eigendynamik. Am Ende hat man Tausende von DVDs daheim, wie es einem meiner Freunde passiert ist, der wohl all die Filme nicht mehr anschauen könnte, selbst wenn er 112 würde. Ein anderer Freund hat seinen Keller voll mit all den Stühlen und Fotos und Lampen, denen er nicht widerstehen konnte.

Aber das sind die Sorgen von Anfängern oder aficionados. Für den normalen Käufer fängt das Shoppen im Internet ja meistens bei Amazon an – und schon hier, bei dieser relativ einfachen Form des Konsums, kann man das besondere Verhältnis zwischen dem Kunden und dem Internet studieren: Nicht der Käufer weiß, was er will, sondern der Anbieter weiß, was der Käufer will. Das ist so, als würde man einen Laden betreten und der Verkäufer sagte einem: Sie kochen doch gern, ich habe hier ganz exklusives Himalaya-Hochlandsalz! Und Ihre Frau hat Geburtstag, wie wäre es mit einer neuen Rolex, die alte haben Sie ja doch schon vor 15 Jahre gekauft?!

Und je mehr man bestellt, desto genauer werden die Vorschläge, die gemacht werden – Amazon schickt ja regelmäßig Mails mit Büchern und DVDs und Musik, die einem gefallen könnten. Man kann das lästig finden oder überflüssig. Tatsächlich wirkt diese Art des Einkaufens wie eine Schule des Begehrens, der steten Verfeinerung der Bedürfnisse und des Wissens. Man tastet sich vor, hangelt sich von einem Buch zum anderen, von einem Album zum anderen und lernt, welche Händler welches Regal von George Nelson oder Charlotte Perriand haben und wo man japanische Spezialküchenmesser bekommt, von deren Existenz man vor ein paar Minuten noch gar nichts wusste. Das Produktangebot vervielfacht sich ins Unermessliche – man kann davor kapitulieren, man kann es aber auch als großen Reichtum verstehen.

Rindfleisch aus Argentinien, Hühner aus Frankreich, Möbel aus San Antonio in Texas, alles ist verfügbar, alles kann verschifft werden, alles ist da, wenn man es will. Das hat, wie alles Kaufen, auch seine narkotisierende Wirkung, und manchmal halten sich Faszination und Ekel die Waage. Das Internet ist da nicht anders als alle nichtvirtuellen Suchtmittel. Aber da es sich vom Prinzip her eher im Reich der Ideen abspielt als im Reich der Dinge, bietet es auch einen Ausweg an aus der Existenz des reinen, gut gelaunten Konsumwesens.

Dann wird, ich weiß nicht, ob das die höchste Form des Internet-Shoppings ist, das Kaufen vollends virtuell. Wie viele Wohnungen habe ich mir schon im Kopf eingerichtet, mit all den Tischen und Lampen und Stühlen, die ich in Frankreich auf eBay und in Holland bei Bloomberry und in Belgien bei Furniture-Love nicht gekauft habe?! Wie viele Stunden habe ich in diesem Puppenhaus 2.0 verbracht?! Wie viele Leben, könnte man fast emphatisch sagen, habe ich darin gelebt, nicht ganz so irreal, wie man denkt?! So wird Internet-Shopping zur existenziellen Erfahrung. Nicht um das Besitzen geht es – sondern darum, etwas auszudrücken, zu lernen.

In gewisser Weise ist das Kaufen im Internet Kapitalismus in der Wohlfühlform, eine Art konsumistisches Ideal. Sicher gibt es Betrüger dort, wie anderswo auch, Gauner, die neue, effektive Mittel an die Hand bekommen. Es gibt aber auch eine neue Art von Vertrauen und sogar Kontrolle, denn im Elefantengedächtnis des Internets wird jede Kritik gespeichert, jede schlechte Erfahrung, die jemand mit einem Verkäufer gemacht hat. Es gibt eben beides dort, eine große Verwirrung und eine große Transparenz, und um sich zu orientieren und Sicherheit zu haben, sollte man sich an die Anbieter und Internetseiten halten, die seriös sind – und sich von dort aus weiter vorantasten.

Das Internet, könnte man schließlich etwas pathetisch sagen, bildet im Grunde die menschliche Seele ab, in ihren dunklen Seiten, in ihren Exzessen, in ihrer Schönheit. Es bleibt jedem selbst überlassen, was er sucht und in welche Ecken er sich begibt – und je nachdem steigt auch das Risiko, belogen oder betrogen zu werden. Ich habe das Internet bisher als einen seltsam altmodischen Ort der Ehrlichkeit erlebt, was sicher nicht repräsentativ ist.

Die junge Mutter, die mir neulich ein Kinderbett aus einem Vorort bis an den Hamburger Hauptbahnhof geschleppt hat und wartete, bis ich 25 Minuten zu spät dort eintraf, und mir dann noch auf meine 4 Euro 50 Cent zurückgab, weil das Kinderbett, das ich bei eBay ersteigert hatte, für 3,50 Euro weggegangen war – diese Frau, wie sie dort wartet, ist ein rührendes Bild von Vertrauen im Internet.

Ich weiß nicht, ob die Spezialisten beim amerikanischen Militär wussten, was sie taten, als sie sich das Internet ausdachten, und ich weiß auch nicht, welche Rolle die Hamburger Mutter und ich dabei spielen. Doch eines ist klar: Das Internet ist der effektivste Basar, den die Menschheit je hatte.

Linksammlung:

Webseiten, auf denen sich Möbel- und Designfreunde verlieren, bis sie der Partner vom Computer zerrt:

www.quittenbaum.de
www.momastore.org
www.markanto.de
www.bloomberry.com
www.furniture-love.com

Tauschbörsen:

www.dawanda.com
Designer und Hobbybastler verkaufen liebevoll gestaltete Werke

www.tauschring.de
erklärt das Prinzip »Gib und Nimm« und bietet Links zu lokalen Tauschringen

www.hitflip.de
Nutzer tauschen ausgelesene Bücher, übergehörte Tonträger und ausgespielte Spiele

www.bookcrossing.com
Hier mit einer Nummer markierte Bücher kann man auf Reisen schicken: sie auf einer Parkbank oder dem Klo liegen lassen. Mit Glück melden sich neue Leser

 
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    • Serie Internet-Spezial
    • Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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    • Schlagworte Amazon | Ebay | Tonträger | Rolex | DVD | Argentinien | Niederlande | Frankreich | Belgien | E-Commerce
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