Gemeinhin stellt man sich Medien wie Pipelines vor, durch die Information fließt. Das ist auch vollkommen richtig, jedenfalls wenn diese Metapher wirklich verstanden wird. Vergegenwärtigen wir uns einmal ein Netz von Pipelines: Wie verändert es die Welt? Nicht nur durch das darin strömende Öl oder Gas, sondern auch durch seine Existenz. Es verteilt Zugangspotenziale, schließt Länder und Regionen zusammen, wirtschaftlich und politisch, es schafft Konflikte und Koalitionen – allein schon dadurch, dass es vorhanden ist.

Und nun das Internet: Es ist permanent und fast überall zugänglich, »information at your fingertips«, wie Bill Gates vor Jahren formulierte. Eine Alltagswirklichkeit wie die Tapeten in unseren Räumen. Immer da. Und während Sie diese Sätze lesen, schnurrt die Globalisierung um Sie herum weiter, und Sie können jederzeit via Internet in sie hineinsehen, sie eigenhändig weitertreiben. Das Netz stattet uns mit dem Potenzial aus, uns am Weltgeschehen, am Lokalgeschehen, am Individualgeschehen zu beteiligen, egal wo.

Was wollen Sie als Nächstes tun? An der New York Times Online mitschreiben, den Streit um einen Bebauungsplan in Kleinkleckersdorf weiterführen, auf Facebook oder Twitter mit einer Gruppe von Menschen kommunizieren, jemandem eine E-Mail senden? Oder einmal eine Zeit lang gar nicht auf Mails und Community-Nachrichten und SMS reagieren, was ja ebenfalls ein Signal ist? Tun Sie, was Sie wollen – durch sein bloßes Vorhandensein hat das Internet, so wie wir es heute kennen, unsere Existenz verändert. Unsere Art, die Welt wahrzunehmen und von ihr wahrgenommen zu werden.

Das Netz berührt alle Sphären des sozialen Daseins. Die Arbeit, den Güteraustausch, den Konsum, die Privatsphäre, die Öffentlichkeit. Schon allein dadurch, dass es möglich ist, mit Hilfe des Internets von einer dieser Sphären zur anderen zu springen, ja zwischen ihnen zu oszillieren. Was heutzutage – und zu Recht! – beklagt wird, nämlich die unablässige Störung und Unterbrechung, der Verfall der Konzentration, das sind Kosten; der Zugewinn ist die Freiheit, sich in jedem Moment für die Teilnahme an einer dieser Sphären entscheiden zu können.

Ein anthropologisch bedeutsamer Sprung liegt damit hinter uns. Denn mit dem Aufkommen der Arbeitsteilung und der mit ihr einhergehenden sozialen Schichtung, Strukturierung, Institutionalisierung wandelte sich auch die Wahrnehmungsweise der Menschen. Sie bewegte sich von der Gleichzeitigkeit zur Konzentration, von der Synchronizität zur Diachronizität. Die Aufmerksamkeit ging nicht mehr in alle Richtungen, der Mensch spezialisierte sich. Er wurde Handwerker, Priester, Machthaber. Mit dieser Finalität des Handelns ist nun heute nicht etwa Schluss; aber dass der Mensch im Netz wieder ein nach allen Seiten spähendes Wesen – dass er ein Gleichzeitiger wird, können die meisten von uns gut an sich selbst beobachten.

Nehmen wir die Arbeit. Als das Internet aufkam, dachten viele Experten, nun löse sich die alte Arbeitswelt auf, und wir würden alle zu selbstständigen Anbietern unserer eigenen Arbeitskraft werden – online, im Büro, im Wohnzimmer und, ganz toll, am Strand. Doch das war zu einfach gedacht, es kam nicht so. Die meisten von uns haben nach wie vor einen Arbeitgeber, haben Arbeitszeiten und einen außerhäuslichen Arbeitsplatz. Mit anderen Worten: Die Hülle hat Bestand, doch in ihrem Inneren hat sich vieles verändert und verändert sich weiter. Der durchschnittliche Arbeitnehmer entscheidet und verantwortet heute viel mehr als früher, er paktiert mit Lieferanten und Kunden, geht in Teams und verlässt sie wieder, muss im schnellen Takt lernen und verlernen. Der Mehrwert wird vielfach nicht mehr an den einzelnen Arbeitsplätzen geschaffen, sondern in der Beziehung zwischen den Menschen. »The link is more important than the thing«, heißt das in der Sprache des Marketingforschers Bernard Cova: Die Verbindung ist wichtiger als die Sache selbst.

All das erfordert von den Arbeitenden eine neue Form der Flexibilität, ermöglicht vom »Link« schlechthin, dem Internet. Kontakte, Kooperationen und Kontrakte werden vielfach über vernetzte Computer angebahnt. Nirgends hat das so drastische Effekte wie auf den Finanzmärkten.