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Jeff Jarvis kündigte seinen Job als TV-Kritiker und wurde Blogger. Ein Gespräch über die Lust, einfach nur zu quatschen, Firmen zu jagen – oder den Journalismus neu zu erfinden von 

DIE ZEIT: Mister Jarvis, Sie waren bereits Journalist, als Sie zu bloggen begannen. Wieso haben Sie damit angefangen?

Jeff Jarvis: Ich saß in der letzten U-Bahn, die in das World Trade Center fuhr, gerade als das erste Flugzeug einschlug. Als der Südturm einstürzte, war ich eine Straßenkreuzung entfernt. Ich schrieb meine Nachrichten, doch am nächsten Tag hatte ich noch mehr zu sagen. Ich dachte, ich würde nur für ein paar Wochen bloggen. Als einige Blogger aus Los Angeles kommentierten, was ich geschrieben hatte, realisierte ich: »Aha, das hier ist eine Diskussion – sie passiert an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, und sie wird ermöglicht durch das Internet.« In dem Moment wurde mir klar, dass es mit dem eingleisigen Medienverständnis vorbei war. Später kündigte ich meinen Job als TV-Kritiker. Ich wollte weiterbloggen.

ZEIT: Sie bloggen alleine. Andere amerikanische Blogs wie Huffington Post oder Talking Points Memo haben schon Büros und Angestellte. Nähern sich erfolgreiche Blogs doch wieder den Standards der »alten Medien« an?

Jarvis: Einige Blogger verhalten sich wie Profijournalisten, das stimmt. Aber viele Blogger sind einfach nur Leute, die miteinander reden. Grundsätzlich ist ein Blog ein publizistisches Werkzeug, mit dem jeder machen kann, was er will. Interessant ist auch, dass die Verwendung von Blogs von Land zu Land unterschiedlich ist. Ich unterhalte mich oft mit Leuten aus Deutschland darüber, wieso Blogs hier noch nicht so aufgeblüht sind wie in den Vereinigten Staaten.

ZEIT: Haben Sie eine Antwort gefunden?

Jarvis: Ich habe alle Arten von Antworten gehört: Zum Beispiel, die Deutschen wären zu starrsinnig. Doch das glaube ich nicht. Ich schau mir diese TV-Shows an, in denen sie Wasser trinken und reden, reden, reden. Andere sagen, in Deutschland gebe es nicht dieselbe Kultur des Protestierens und Diskutierens. Aber das ist lächerlich, ihr hattet die 68er. Nun, ich habe noch keine gute Erklärung bekommen.

ZEIT: Fallen Ihnen noch andere nationale Unterschiede ein?

Jarvis: Viele Kulturen nutzen Blogs sehr unterschiedlich. Iranische Freunde, die ich durchs Bloggen kennengelernt habe, erklärten mir, dass, obwohl Blogger in Iran Probleme bekommen und verhaftet werden können, dort auch der Präsident bloggt. In Polen bloggten meines Wissens zunächst junge Frauen, in Deutschland geht es viel um Technik, in Großbritannien ist die Szene sehr politisch. In jedem Land wird die Plattform etwas anders genutzt.

ZEIT: Bevor Markos Moulitsas seinen Blog Daily Kos begann, war er völlig unbekannt – heute ist er eine wichtige Figur bei den Demokraten. Können Sie erklären, wie einige Blogger in den USA so mächtig werden konnten?

Jarvis: Egal, ob du einkaufen oder eine politische Bewegung starten willst: Durch das Internet ist es sehr einfach, sich zu vernetzen. Ich habe mich mal über Probleme mit meinem Dell-Computer beschwert. Plötzlich waren da Tausende von Leuten, die ähnliche Probleme hatten. Ganz ungeplant wurden wir zu einer Bewegung. Genauso versammeln sich Leute hinter den politischen Beschwerden auf Daily Kos. Früher musstest du hoffen, dass jemand in den klassischen Medien auf dich aufmerksam wird. Heute gibt es im Internet unbegrenzt Platz dafür. Und wenn sich Leute vernetzen, dringen Nachrichten leichter an die Oberfläche.

ZEIT: Wie gehen Firmen mit so etwas um?

Jarvis: Dell hat uns Blogger zunächst ignoriert, aber schließlich Techniker geschickt. Und die Blogger haben alle geschrieben: »Dell hat uns geholfen, ist das nicht großartig?« Dann hat Dell den sogenannten Idea Storm gestartet, bei dem Kunden im Internet Verbesserungsvorschläge machen können. Man bezeichnet das als Geschenk-Ökonomie: Kunden sind sehr großzügig, wenn man sie lässt.

ZEIT: Was bedeutet das für die klassischen Medien?

Jarvis: Die Zeiten sind vorbei, in denen eine Geschichte einmal aufgeschrieben wird und damit abgeschlossen ist. Geschichten sind Prozesse, an denen sich die Leser in Zukunft beteiligen werden. Der Journalismus kann wachsen – aber er muss seine traditionelle Form verlassen.

ZEIT: Was Sie sagen, klingt so, als müsste die New York Times in Zukunft wie Wikipedia aussehen.

Jarvis: Fast, aber nicht ganz. Es wird immer noch Redakteure geben, die Themen vergeben. Die alte Welt wird nicht durch die neue ersetzt werden und verschwinden. Stattdessen wird es um die Verbindung beider Welten gehen.

ZEIT: Was ist Ihre Prognose: Wie wird die Welt in zehn Jahren aussehen?

Jarvis: Gesellschaftliche Institutionen werden sich sehr verändern, Medien, Unterhaltung, Politik, Regierungsführung. Das Internet verändert auch Freundschaften. Meine Kinder sind bei Facebook. Das bedeutet, dass sie ihre Freunde nie aus den Augen verlieren werden, egal, wo sie sind. Unsere Vergangenheit wird immer bei uns bleiben – es gibt eine Art gegenseitig garantierter Bloßstellung. Und dass wir öffentlicher leben, ist wahrscheinlich gut für die Gesellschaft.

Die Fragen stellte Oskar Piegsa

Jeff Jarvis, Jahrgang 1954, arbeitete als Fernsehkritiker bei den Zeitschriften »TV Guide« und »People« und ist einer der Mitbegründer des Magazins »Entertainment Weekly«. Seit September 2006 unterrichtet er als Professor für interaktiven Journalismus an der City University of New York. Zurzeit arbeitet er an einem Buch über Google – unter Mithilfe der Leser seines Medien-Blogs auf www.buzzmachine.com

Linksammlung
Weblogs in deutscher Sprache:

www.spreeblick.com
Vorzeige-Blog (Grimme Online Award Spezial 2006), Unterhaltung, Kultur, Meinung, höchst eigener Sound

www.spiegelfechter.com
Durchdachte politische Texte, nicht immer ausgewogen

www.bildblog.de
Findet Fehler in der »Bild«- Zeitung, 2005 Grimme Online Award in der Kategorie Information

www.popkulturjunkie.de
Musik, Kino, Fernsehen

www.elektrischer-reporter.de
Mario Sixtus führt Video- Interviews mit Netzpersonen

www.lawblog.de
Ein Rechtsanwalt schreibt über seine Arbeit

www.shopblogger.de
Neulich am Pfandautomaten: Was bewegt den Eigentümer eines kleinen Supermarktes?

www.bestatterweblog.de
Neulich am Sarg: Ein Bestatter schreibt über seine Arbeit

www.taxi-blog.de
Erlebnisse eines Paderborner Taxifahrers

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