Kommunizieren
Ich maile, also bin ich
Sie sind überall, und sie werden immer mehr: Wie E-Mails unseren Arbeitsalltag stärker bestimmen, als uns lieb ist
Wie haben wir eigentlich früher angefragt? Informiert? Unterlagen verschickt? Vereinbarungen getroffen und festgehalten? Immer wenn der »Systemadministrator« mir automatisch mailt, dass mein »Postfach die maximal zulässige Größe überschritten« hat, frage ich mich: Wie haben wir früher gearbeitet? Ehrlich gesagt, ich weiß es kaum noch.
Dabei ist es gerade mal zehn Jahre her, dass sich die Kommunikation nach draußen und sogar innerhalb der Redaktion fast ganz ins Netz verlagert hat. Das ging schleichend. Es gab kein warnendes Ding-Dong, das den Anfang eines neuen Kommunikationszeitalters markiert hätte, so wie heute jede neu eintreffende E-Mail sich akustisch ins Bewusstsein drängt – falls man diesen Ding-Dong-Wahnsinn, der einen alle paar Minuten unterbricht, nicht schlauerweise abstellt.
Gearbeitet haben wir auch vor der E-Mail-Revolution. Vielleicht etwas langsamer. Im Ernstfall eines internen Konfliktes oder bei bedeutenden Absprachen schrieben wir »Hausmitteilungen«. Sie mussten mit Durchschlag getippt oder anschließend kopiert, in Umschläge gesteckt und per Hauspost im Wägelchen zu den Empfängern gerollt werden. Solchen Aufwand trieben wir nur, wenn etwas unbedingt schriftlich festgehalten und dann abgeheftet werden musste. Das kam nicht allzu oft vor. Ansonsten haben wir viel telefoniert, zeitweise gefaxt und persönlich miteinander gesprochen.
Natürlich machen wir das alles auch heute noch. Doch der alltägliche Taktgeber und unser Hauptkanal der Kommunikation ist längst das E-Mail-Postfach geworden. Es füllt sich unablässig mit Wichtigem, Dringendem, Belanglosem, auf jeden Fall mit Zeug, das man nur selten blockweise ignorieren kann. Und weil E-Mail nicht persönlich in den siebten Stock oder sonst wohin getragen werden muss, sondern wie von Zauberhand blitzschnell und direkt jeden Bildschirm in der großen globalisierten Welt erreicht – praktischerweise mit Manuskripten, Fotos, Tabellen, Grafiken, Filmen im Beipack –, wächst die Zahl der E-Mails exponentiell – und vielen Bildschirmarbeitern über den Kopf. Ein Stoßseufzer wie »Diese E-Mails sind die Pest!« löst in kundiger Runde das ganz große Nicken aus.
Nein, ich werde jetzt nicht verraten, wie viele Mails oder Instant Messages ich pro Tag bekomme. Denn da gibt es inzwischen eine Art heimliches Rattenrennen. Kaum noch jemand, der, entspannt aus dem Urlaub zurück, nicht schon bald jammert, wie viele Nachrichten er nun wieder sortieren und löschen müsse. Man könnte auch sagen: Da platziert einer geschickt seine drei-, sogar vierstelligen Erfolgszahlen. Nur wer im Kommunikationsfluss oben mitschwimmt, wer erreichbar und gefragt ist, wer sendet und empfängt, ist wichtig. Sisyphos hat bestimmt auch mal zwischendurch seinen Felsbrocken gewogen und dann mit dem Gewicht geprahlt.
Dabei kann die zauberhafte Geschwindigkeit der elektronischen Kommunikation uns auf gleich mehrere Weisen zur Plage werden. Nicht nur, dass auf eine Mail-Anfrage eine schnelle Antwort erwartet und dieser Erwartungsdruck womöglich noch durch ein zusätzliches Telefonat bekräftigt wird: »Ich hatte Ihnen gestern unsere Pressemitteilung geschickt, können Sie schon sagen, wie Sie mit dem Thema umgehen wollen?« Nein, die Leichtigkeit des Sendens erzeugt Kommunikationsunfälle, die von keiner Kaskoversicherung abgedeckt würden, weil sie so oft vorkommen.
Da ist zum Beispiel die Geschichte des Kollegen A., der die x-te Anfrage einer engagierten Öffentlichkeitsarbeiterin genervt an seine Ressortkollegin weiterleiten wollte. Dazu tippte er eilig die Worte: »Liebe B., bitte kümmere Du Dich mal um diese PR-Tussi, die mich schon seit Wochen nervt...« Dummerweise hatte er in seinem Eifer zuvor den Antwort-Button gedrückt, was ihm anhand einer neuen Mail der PRTussi peinlich bewusst wurde: »Ich fürchte, lieber Herr A., diese Mail war nicht für mich gedacht...«
Oder derjenige, den man eigentlich sprechen müsste, ist gerade nicht zu erreichen, die Sache soll aber schnell vom Tisch – schon packen wir Dinge in eine E-Mail, die sich nicht dafür eignen. Zum Beispiel Vertrauliches. Kritik an Mitarbeitern. Oder wir vergessen, beim Weiterleiten einer E-Mail den Schwanz älterer Nachrichten und Antworten zu löschen. So bescheren wir einem weitgefassten cc-Empfänger-Kreis leichtsinnig Einblicke in unseren Schriftverkehr, der weder von der Aussage noch vom Tonfall her für alle gedacht war.
Immer sofort zu antworten – womöglich unterwegs und gehetzt, mit zwei Daumen auf dem BlackBerry oder dem Smartphone tippend – ist oft nicht ratsam. Und sogar brandgefährlich, falls Ärger im Spiel ist. Für solche Fälle habe ich mir angewöhnt, zwar meinen Zorn in die Tasten zu hauen, die spontane E-Mail jedoch erst mal an mich selbst zu schicken. So konnte ich anderen im Lauf der Jahre ein paar beleidigte, unhöfliche, ungerecht urteilende Mails ersparen. Als Wutventil taugten sie dennoch, obwohl sie keiner gelesen hat. Hoffentlich auch nicht die Kollegen vom EDV-Support…
Jeder entwickelt so seine Mail-Gewohnheiten, passend zur jeweiligen Persönlichkeit. Kollege C., nicht mehr ganz jung, fühlt sich prinzipiell »nicht angesprochen«, wenn ihn ein Fremder per E-Mail für ein Thema interessieren oder um etwas bitten will. Kollege D., 20 Jahre jünger, sieht es dagegen als unhöflich an, jemanden direkt am Telefon oder gar persönlich »zu überfallen«, ohne ihn mit einer Mail »mindestens vorgewarnt« zu haben.
Dabei sollte gerade die E-Mail sorgfältig formuliert sein, denn schließlich ermöglicht sie nur eine sehr abgespeckte Art der Kommunikation. Kein wohlwollendes Lächeln, kein zögerlicher Tonfall, keine Geste unseres Gegenübers hilft uns bei der richtigen Interpretation. Da bekommen Kleinigkeiten, etwa die Grußformel am Ende, einiges an Gewicht: Schreibt der Sender »Mit besten Grüßen aus Frankfurt«, wird der Empfänger sicher nicht mit »herzlichen« oder gar »lieben«, sondern allenfalls »mit freundlichen Grüßen« antworten – man passt sich an, versichert sich gegenseitig einer gemeinsamen Kommunikationsebene, auf der bitte nichts schiefgehen soll.
Schief geht noch genug: Das Management des überbordenden elektronischen Briefkastens verschlingt mehr und mehr Zeit, die fehlt für menschliche Begegnungen, also wird noch mehr gemailt – ein moderner Teufelskreis. Am Ende wundert sich der Kontaktscheue über seine Erfolglosigkeit, obwohl er doch so fleißig tippt. »Wer E-Mails sät, wird EMails ernten«, schreiben Günter Weick und Wolfgang Schur in ihrem Buch Wenn E-Mails nerven.
Das Buch schildert, wie weit einige von uns auf dem Burn-out-gefährlichen Weg zum Info-Junkie schon vorangeschritten sind: Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben schwindet zusehends, mit BlackBerry, Smartphone und Handy sind uns Instrumente zugewachsen, die diesen Prozess gewaltig beschleunigen. Schließlich ist der ideale Wissensarbeiter jederzeit erreichbar, aufnahmebereit und sofort in der Lage, neue Informationen zu interpretieren, sie aufzubereiten und weiterzugeben. Dabei jongliert er mit allen technischen Wunderwaffen seiner Zeit.
Klingt anstrengend – und ist es auch. Jedenfalls auf Dauer. Doch welcher Weg führt von der Erkenntnis zur Veränderung? Die Unternehmensberater Weick und Schur empfehlen, abends, am Wochenende und im Urlaub Computer-Mail und BlackBerry auszuschalten; in wirklich dringenden Fällen klingele sowieso das Handy. Wir sollen der »Boss bleiben« und uns keinesfalls von E-Mails durch den Tag treiben lassen. Morgens sollen wir die erste Arbeitsstunde für Wesentliches nutzen, raten Weick und Schnur, und erst dann ins Mail-Postfach sehen, am besten zu festgelegten Zeiten und nur, wenn wir die Nachrichten auch gleich bearbeiten können. Sonst lesen wir vieles doppelt, arbeiten ineffizient und leiden bald an mentaler Erschöpfung.
Schon versprechen Softwareexperten Abhilfe: In naher Zukunft sollen elektronische Heinzelmännchen den nächsten Schwall der Mail-Datenflut nur dann auf unseren Bildschirm lenken, wenn wir gerade gestört werden dürfen. Um den richtigen Zeitpunkt dafür herauszufinden, müssen sie zuvor wochenlang unsere private Arbeitsweise aufzeichnen – eine gute Sekretärin hätte es wohl schneller drauf. Das Ganze klingt etwa so überzeugend wie damals die Verheißungen vom papierlosen Büro. Heute wachsen auf meinem Schreibtisch weiter die Papierberge, in meinem Postfach stauen sich die E-Mails, mein Glaube an Heinzelmännchen ist längst gestorben.
Wie haben wir eigentlich früher gearbeitet?
Linksammlung:
http://piology.org/mail
Kleine E-Mail-Schule
www.focus.de/digital/handy /e-mail-flut_aid_138331.html
Interview mit der St. Gallener Kommunikationsexpertin Miriam Meckel (»Das Glück der Unerreichbarkeit«)
- Datum 8.5.2008 - 10:38 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
- Kommentare 6
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Ich bin mit dem Netz aufgewachsen und kenne es nicht anders. Fax oder gar etwas banales per "Brief" zu verschicken ist mir unbekannt. Ich benutze die Briefpost eh nur noch, und zwar genervt, wenn es aus formalen Gründen wie für eine Unterschrift notwendig ist. Gleichzeitig aber muss ich sagen das ich Emails wohl ähnlich bewusst nutze wie "früher" die Leute die Briefpost. Ich denke Leute die das aber als neue Technologie erfuhren waren davon, je nachdem, erstmal so begeistert dass das Benutzen exzessiv wurde und auch wenn es nicht notwendig ist. So hat sich das dann irgendwie wohl im Berufsleben vieler eingebürgert... jedenfalls liegt das nicht an der Email sondern am Umgang damit. Ähnliche nerverei ist mit altmodischen Briefen ja auch denkbar, wenn jeder wegen jeder Kleinigkeit einen Brief schickt hat man auch nicht schlecht zu tun die Morgenpost zu erledigen. Ich hab auch keine Skrupel meine Mailbox nur alle 3-4 Tage zu überprüfen und alle Emails die einen seltsamen Betreff oder Absender haben werden per Tastenkombination geschwind markiert und gesammelt gelöscht. Bisher ging da nichts wichtiges Verloren, aber es kann einem ja auch mit Briefen passieren das man mal was wegwirft was man irrtümlich für Werbung oder so hält. Also Leute, man muss sich sein Umfeld ja auch ein biserl erziehen und wenn die Leute merken man ist nicht andauernd erreichbar dann werden die sich drauf einstellen - müssen! Und sind in wirklichkeit vielleicht sogar selbst froh darüber ;-)
und für telefone gibt es jetzt auch anrufbeantworter! die antworten garnet. die muss man abhören!
Spätestens wenn man an einer Ausleihe einer Bibliothek steht, wird einem klar das durch die
Elektronik nichts schneller geht.
Es handelt sich gewissermassen um eine optische Täuschung.
Früher hatten die Briefe die wirklich geschrieben und gesandt worden sind einen Wert.
Die Informationsflut im Netz macht es Vielen schwer zwischen wichtig und unwichtig zu
unterscheiden als auch zwischen recht und unrecht und richtig und falsch.
Mails verführen dazu spontan schnell unüberlegt Meinungen zu verbreiten.
Die Welt wird frecher, dümmer, oberflächlicher jeden Tag.
Da alle was sagen können wird gar nicht unterschieden oft nicht mal mehr gemerkt
wer gar nicht zu sagen hat/sagen kann - so viel und so umfangreich kommt dieses nichts.
Subjektiv kann man Wissen erwerben, aber weder lernen wie man lernt noch worauf es ankommt.
Vollgestopft mit vielen Einzelinformationen verliert man den Sinn für das Wesentliche
und das Gedächtnis wird nicht geschult.
Zuletzt sind es 7 Milliarden kleiner Politiker nur niemand ist da der die Dinge zusammenhält
oder Verantwortung übernimmt.
... ist die z.Zt. aktuelle Verwechslung der Informations- auf der einen, mit der Wissensgesellschaft auf der anderen Seite, die mit der Technologie einhergeht und sich gegenseitig bedingt. Je schneller und spontaner etwas wird, umso unüberlegter und allgemein flacher wird es. Nicht zwangsläufig,aber in der Masse schon. Im Beruflichen, wie im Privaten auch..Was BEADDRIX da schrieb trifft es genau auf den Punkt, meine Hochachtung für Ihren Kommentar. Dem möchte ich nur hinzuzufügen, dass uns m.E. die Unmöglichkeit, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden längst an jeder Ecke begegnet, bei allen Massenmedien, vor allem dem Fernseher. .Und noch - ganz allgemein - eine Kleinigkeit: wie jemand ohne einen guten alten, handgeschriebenen Brief und einen solchen Austausch (!) mit ihm wichtigen Menschen, ja ohne eine solche Kultur leben kann, erschließt sich meiner Wenigkeit nicht, trotz allen Verweisen diesbezüglich auf das Großwerden mit den el. Medien. So jemand hat eines Tages gar nicht die Möglichkeit,eine alte verstaubte Kiste aufzumachen und die Briefe und Bilder IN DIE HAND ZU NEHMEN, zu lesen, sich anzuschauen, zu riechen. Und wenn er das will, dann muss er rechtzeitig die uniformierten, maschinell erstellten Sachen - doch noch ausdrucken. Ob dann so ein Mailausdruck mit einem handgeschriebenen Brief zu vergleichen ist....Das Digitale HEUTE UND JETZT hat auch heute und jetzt seine praktischen Seiten,keine Frage. Aber es ist DIE Kurzzeitgedächtnis-Platform aller Zeiten. Es gibt schon ganze Studien zu diesem Phänomen auch bzgl. des Internets. (hierzu empfiehle sich der Versuch einer Netzrecherche zu irgendeinem Thema, das etwa 10 Jahre zurückliegt, damals jedoch ein Web-Topthema war)Wer sich dazu noch im privaten der Vergänglichkeit seines digitalen Abbildes in Form seiner Korrespondenz und seiner schr. Kontakte und Bilder nicht bewußt wird, der läuft die Gefahr es spätestens ein paar Jahre später schwer zu bereuen, beim nächsten Plattencrash, Daten- oder Datenträger-Formatänderung usw. ... ..MfGZack34
Ich falle wohl in dieselbe Generation wie "Flexy," kommuniziere ebenfalls viel per E-mail (geht auch oft nicht anders, da reale Addressen oft unbekannt, der Weg zum Briefkasten weit und die Zeit, bis es ankommt, lang ist). Andererseits hat so ein handgeschriebener Brief, mit Füller auf gutem Papier, von einer wichtigen Person, etwas Schönes. Gewisse Dinge sollte man nach durchaus "analog" erledigen, nicht nur wegen der Unterschrift am Ende des Briefes, sondern auch wegen des gesamten Eindruckes, den so ein Brief hervorrufen kann.Ein Brief ist heute nicht mehr, war es vielleicht auch selten, ein Medium, um flache Inhalte zu verbreiten (von Werbung mal abgesehen), eignet sich dafür auch weniger als die billigere E-mail. Für wichtige Inhalte jedoch ist er, aufgrund der persönlichen Note, einfach aufgrund der Tatsache, dass man ihn anfassen, zeigen, aufbewahren, oder wütend zerreißen und wegschmeissen (kein Vergleich mit einem Klick auf "Löschen") kann, ein Medium, dass so schnell nicht an Bedeutung verlieren wird.
Vielen Dank für den treffenden und gut geschriebenen Artikel. Ich beschäftige mich seit längerem intensiv mit der Kommunikationsform E-Mail. Mein Arbeitgeber, das Schweizerische Produktivitätsinstitut, hat ein E-Mail-Management-Assessment entwickelt, dass online und kostenlos zur Verfügung steht. Es gibt Tipps und Tricks zur Bewältigung der E-Mail-Flut. Probieren Sie es aus!
http://www.produktive-schweiz.ch/E-Mail-Management-Assessment.41.0.html
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