Internet Lernen im Netz

Jedem Kind weltweit einen Laptop, Zugang zu Internet und Bildung – kein so großes Problem, glaubt der Informatiker Alan Kay, wenn nicht die Erwachsenen solche Angst vor Veränderungen hätten

DIE ZEIT: Hat das Internet die Kluft zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern noch vergrößert, weil der Zugang zum Netz abhängig ist vom gesellschaftlichen Status?

Alan Kay: An vielen Orten auf der Welt haben die Menschen nicht die Möglichkeit, Lesen und Schreiben zu lernen, sie haben keinen Zugang zu Büchern. Gleichzeitig hat das Internet noch seine Defizite, was den erzieherischen Wert angeht. Längst nicht alle bedeutenden Bücher sind dort frei zugänglich. In Zukunft allerdings werden alle neuen Ideen auf die eine oder andere Weise online verfügbar sein. Eines wird immer klarer: Die Erfindung von Computern war genauso wichtig wie die Erfindung der Druckerpresse. Den Umgang mit ihnen zu lernen ist daher so wichtig, wie richtig schreiben zu können.

ZEIT: Die Initiative »One Laptop per Child« (OLPC) will jedem Kind weltweit zu Computer und Internetzugang verhelfen. Kann ein Laptop für ursprünglich 100 Dollar wirklich bei der Lösung der weltweiten Bildungsprobleme helfen?

Kay: Denken Sie an eine Bibliothek. In vielen Ländern zählt die kostengünstige Ausleihe von Büchern zum Grundrecht auf Bildung. Doch ein Buch vorzuhalten ist für eine Bibliothek sehr teuer. Die Anschaffung, die Lagerung und das Verleihen kosteten laut einer Schätzung vor 40 Jahren schon 55 Dollar pro Buch, heute sicher ungleich mehr. Wenn Sie allein von den bislang erhältlichen Computern zum Preis von 200 Dollar ausgehen, gilt: Das ist immer noch viel Geld, aber es entspricht weniger als vier Büchern in der Bibliothek. Und auf einem solchen Gerät könnten Hunderte von Büchern gespeichert werden!

ZEIT: Die Massenproduktion der Laptops ist erst vor wenigen Monaten angelaufen. Kritiker bezweifeln den Nutzen des Projekts, da selbst der geplante Preis von 100 Dollar immer noch viel Geld sei und viele Schulen grundlegendere Probleme hätten, etwa fehlende Strom- und Wasserversorgung. Davon abgesehen: Sind Menschen in Entwicklungsländern, die den Umgang mit Hightech nicht gewöhnt sind, überhaupt für eine solche Technologie zu begeistern?

Kay: Ganz gleich, wo und unter welchen Umständen Kinder auf die Welt kommen, sie haben immer den Ehrgeiz, mit den Herausforderungen ihrer Umwelt zurechtzukommen. Bei Erwachsenen verhält es sich anders: Die meisten sind ängstlich gegenüber Veränderungen aller Art – in Europa und Amerika genau wie im Rest der Welt. Die wirkliche Frage wird also nicht sein, ob die Erwachsenen sich für ihre Kinder einen 100-Dollar-Laptop leisten können. Die wirkliche Frage ist, in welchem Umfang sie von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen. Denn dafür braucht es Menschen, die eine Motivation haben, zu lernen, neue Ideen zu entdecken und so ihre Denkweisen zu ändern.

ZEIT: Allzu oft sind die kulturellen Unterschiede sehr manifest. In vielen Gesellschaften haben zudem Mädchen weit weniger Zugang zur Bildung als Jungen. Gehen sie auch bei OLPC leer aus?

Kay: Die Verteilung der Computer übernehmen die jeweiligen Partnerstaaten, wir können da nur Überzeugungsarbeit leisten. Bei der Softwareentwicklung haben wir darauf geachtet, dass die Programme auch Mädchen ansprechen.

ZEIT: Wenn am Ende irgendwo das Geld nicht reicht, um für ganze Schulklassen den Computer anzuschaffen, entsteht dann nicht eine zweite Kluft zwischen Wissenden und Nichtwissenden?

Kay: Wenn nur das Fehlen von Technik die schlimmste Herausforderung wäre! In Wirklichkeit ist dieses Problem am leichtesten zu lösen. Die Einstellung der Lehrer und ihre Offenheit gegenüber Neuem, das ist das Entscheidende. Gute Lehrer bringen Kindern Konzepte nahe, Ideen, Sinnzusammenhänge. Viele der entscheidenden Erkenntnisse können sehr leicht auch ohne Hightech vermittelt werden – von Lehrern, die ihr Fach verstehen.

ZEIT: In Deutschland spielen Computer und Internet in der Lehrerbildung bislang nach wie vor kaum eine Rolle. Muss in Zukunft jeder Lehrer einen Computer beherrschen?

Kay: Genauso könnte man fragen: Muss jeder Lehrer schreiben und lesen können? – Ja, das muss er! Jeder Lehrer muss wissen, wie sich Computer am besten nutzen lassen zur Vermittlung von Ideen und Inhalten, sei es in Kunst, Musik, Mathematik oder den Naturwissenschaften. Computer sind besondere Medien, weil sie traditionelle Medien imitieren, aber auch neue Formen der Vermittlung hinzufügen können, die zuvor nicht vorstellbar waren. Sicher sind Unterrichtsgespräche wichtig, Bücher sind es auch. Aber der sichere Umgang mit Computern eröffnet Kindern den Zugang zu Ideen und Konzepten, die sich weder im Unterrichtsgespräch noch über Bücher erschließen.

Die Fragen stellte Jan-Martin Wiarda

Alan Curtis Kay, 68, gilt als einer der wichtigsten lebenden Computerpioniere. Alle modernen Benutzeroberflächen von Windows bis OS X wären ohne die Arbeiten des Informatikprofessors aus Massachusetts undenkbar gewesen. Kay ist Berater der Initiative OLPC (One Laptop per Child), die für Aufsehen sorgte mit der Idee, einen günstigen Laptop für Kinder in ärmeren Ländern zu entwickeln

Linksammlung

http://laptop.org
Die Website des Projektes »One Laptop Per Child«

http://www.ivr-usability.com/olpc/olpc.html
Demonstration der Benutzeroberfläche des OLPC, die eigens für die Bedürfnisse von Kindern entwickelt wurde (englisch)

 
Leser-Kommentare
    • bpitch
    • 06.05.2008 um 18:57 Uhr

    Sehr schön, hoffentlich laufen die Systeme dann mit Unix Kerneln :)

  1. 2. Aha

    die Benutzeroberfläche lässt sich also auch in Pink darstellen :-)Mal ehrlich: dass jeder Lehrer einen Computer bedienen können sollte ist doch nur die Meinung eines Fachidioten (man verzeihe den Ausdruck, er ist fest etabliert), der seinen Bereich als das Non-plus-Ultra sieht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • GZoST
    • 13.05.2008 um 13:18 Uhr

    Nein, das ist nur die Meinung von Fachidioten, die der Ansicht sind, dass Videos im Unterricht nützlich sein können. Die Fähigkeit, einen Diaprojektor oder einen Super-8-Projektor bedienen zu können, muss in jedem Fall ausreichen. Wobei - das konnten viele Lehrer auch nie richtig, und heute kann man da auch keine Schüler mehr um Hilfe bitten, weil die derartige Technik wahrscheinlich vorher noch nie gesehen haben.Dasselbe gilt natürlich für jede andere Technik jenseits von Kreide, Tafel und Rohrstock - oder habe ich da etwa den Wandel der Zeiten nicht mitbekommen?

    • GZoST
    • 13.05.2008 um 13:18 Uhr

    Nein, das ist nur die Meinung von Fachidioten, die der Ansicht sind, dass Videos im Unterricht nützlich sein können. Die Fähigkeit, einen Diaprojektor oder einen Super-8-Projektor bedienen zu können, muss in jedem Fall ausreichen. Wobei - das konnten viele Lehrer auch nie richtig, und heute kann man da auch keine Schüler mehr um Hilfe bitten, weil die derartige Technik wahrscheinlich vorher noch nie gesehen haben.Dasselbe gilt natürlich für jede andere Technik jenseits von Kreide, Tafel und Rohrstock - oder habe ich da etwa den Wandel der Zeiten nicht mitbekommen?

    • lispm
    • 08.05.2008 um 20:10 Uhr

    Computer in der Bildung einzusetzen macht schlechten Unterricht auch nicht besser. Man kann Computer (und deren Umfeld) aber nicht ignorieren. Ich sehe es bei Bekannten - es gibt keinen brauchbaren Umgang mit Computern in der Erziehung von Kindern. Die Eltern sind überfordert. An der Schule lernen sie auch wenig im Einheitsbrei der deutschen Erziehung, der kaum noch Platz für individuelle Entfaltung bietet (alle lernen passiv den gleichen Stoff). Da ist jede Menge Handlungsbedarf, sonst wird die Computernutzung weiter einseitig im extremen Medienkonsum (DVDs, Onlinespiele, Pornos, ...) bleiben.

    • Joela
    • 09.05.2008 um 22:21 Uhr

    Ich bin nicht der Ansicht, dass jeder Schüler mit einem Laptop ausgestattet werden sollte. Schon viele Erwachsene in den Industrienationen sind nicht mehr in der Lage, sich vom Bildschirm zu trennen und am Leben außerhalb des www teilzunehmen oder sich ohne PC zu beschäftigen. Umso weniger Kinder, deren Eltern möglicherweise nicht mal im Stande sind, ihre Kinder zu einem kritischen Umgang mit Medien zu erziehen (wozu m.E. auch zeitliche Begrenzungen der Aktivitäten am PC und im Netz gehören). Allerdings halte ich es für unabdingbar, die Schulen gut mit Computern auszustatten. Dazu gehört natürlich auch eine entsprechend gute Ausbildung der Lehrer, mit diesem Arbeitsmittel kompetent umgehen zu können. 

    • GZoST
    • 13.05.2008 um 13:18 Uhr

    Nein, das ist nur die Meinung von Fachidioten, die der Ansicht sind, dass Videos im Unterricht nützlich sein können. Die Fähigkeit, einen Diaprojektor oder einen Super-8-Projektor bedienen zu können, muss in jedem Fall ausreichen. Wobei - das konnten viele Lehrer auch nie richtig, und heute kann man da auch keine Schüler mehr um Hilfe bitten, weil die derartige Technik wahrscheinlich vorher noch nie gesehen haben.Dasselbe gilt natürlich für jede andere Technik jenseits von Kreide, Tafel und Rohrstock - oder habe ich da etwa den Wandel der Zeiten nicht mitbekommen?

    Antwort auf "Aha"

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