Treffen Emils scharfe Strings
Sex mit Schafen, Luftballons, Fleischbergen – jede zehnte Website hat pornografische Inhalte. Mit Spaß hat das wenig zu tun
Es war just am Valentinstag 2008, als der Mitbegründer einer der größten Pornofilmproduktionen weltweit mit einer überraschenden Forderung von sich reden machte. Steven Hirsch, Geschäftsführer von Vivid Entertainment, warf den großen Suchmaschinen Google und Yahoo vor, zu wenig für den Jugendschutz zu tun. Sie hätten noch immer keine erkennbaren Schritte unternommen, Minderjährigen den Zugang zu pornografischem Material zu versperren. »Verantwortungsbewusste Unternehmen wie wir haben große Anstrengungen auf uns genommen, Minderjährige daran zu hindern, auf diese Seiten zu gelangen«, betonte Hirsch bei einer Veranstaltung der Eliteuniversität Yale zum Thema »Das Geschäft mit der Pornographie«.
Hirschs Vorstoß ist weniger ehrenwert, als er klingt. Worüber sich der Filmproduzent tatsächlich ärgert, ist die Tatsache, dass heutzutage jeder Internetnutzer kostenlosen Zugang zu pornografischen Inhalten hat. Und das ist schlecht fürs Geschäft, wenn man Pornovideos zu verkaufen versucht.
Nach Angaben von Microsoft South Africa enthalten 12 Prozent aller Websites pornografisches Material. (Die Zahl stammt aus dem Jahr 2006.) Ein kurzer Suchlauf bei Google genügt, und man findet Bilder zu allen denk- und undenkbaren Variationen, wie sich Menschen sexuell vergnügen können: Männlein mit Weiblein, Männlein mit Männlein, mit Tieren, mit Luftballons, Frauen mit bemerkenswertem Fassungsvermögen im Genitalbereich oder solche, die sich von ihren Männern zu unbeweglichen Fleischkolossen haben mästen lassen. Und tatsächlich sind die »Barrieren«, die man als User überwinden muss, um an diese Bilder und Filme zu gelangen, lächerlich. Oft muss man einfach nur den Idiotentest bestehen, die richtige Wahl zwischen »Ich bin zu jung« und »Ja, ich will hier wirklich rein« treffen.
Wer tatsächlich »reinwill«, darüber gibt es nur durch Befragungen gestützte Vermutungen. Das Washingtoner Pew-Institut fand in seiner Umfrage 2005 heraus, dass 21 Prozent der männlichen User Pornoseiten besuchen, jedoch nur 5 Prozent der Userinnen. Der Tracking-Service Netvalue, der mittlerweile zum Marktforschungsunternehmen Nielsen gehört, ermittelte im Jahr 2001, dass innerhalb der EU die Spanier am häufigsten nicht jugendfrei surfen, die Deutschen hingegen mit 60 Minuten pro Monat am längsten. Die meiste Zeit vor Pornoseiten verbrachten damals über 50-Jährige. Diese Zahlen bezogen sich auf Benutzer von Privatcomputern, deren Verbreitung seither stark zugenommen hat.
Sex im Internet ist sehr verlockend – für User wie für Anbieter. Statt wie damals mit hochgeschlagenem Mantelkragen Geschäfte frequentieren zu müssen, deren Besuch dem Ruf schaden konnte, sitzt der Konsument nun im Morgenrock vor dem Computer. Statt den Verkäufer mit rotem Gesicht nach Spezialware fragen zu müssen (»Haben Sie etwas mit behaarten Frauen über 50?«), gibt man nun »behaarte Frauen über 50« bei Google ein. Wenn es zu einem Verkaufsakt kommt, dann gleich dort, wo man solches Material üblicherweise konsumiert, im stillen Kämmerlein daheim.
Bereits in seinen Anfängen war im Netz Sex ein Thema. Es verband Menschen miteinander, die über Sex reden wollten. Als 1987 in die unzähligen Gruppen des damals wenige Jahre alten Usenet, einer Art virtuellen, rund um die Uhr aktiven Diskussionsrunde, Ordnung gebracht werden musste, war eine der ersten neu gegründeten Newsgroups alt.sex. Die Bezeichnung »alt.« zeigt an, dass sich die Gruppe außerhalb des Zugriffs- und Moderationsbereiches der Usenet-Organisatoren befindet. In diesem Bereich können bis heute alle möglichen Untergruppen gebildet werden, ohne dass sie zuvor von einem Moderator abgesegnet werden müssen. Entsprechend vielfältig sind die Themen, über die dort diskutiert wird: Es geht um Schafe, spezielle Fetische – bis hin zum Sex von und mit Amputierten. Auch über sexuellen Missbrauch wird ernsthaft gesprochen.
Usenet-Nachrichten konnten damals, als man noch mit einem langsamen analogen Modem online war, verhältnismäßig schnell empfangen werden. Erst als immer mehr Menschen an ihren Arbeitsplätzen schnelleren Zugang zum weltweiten Netz bekamen, wurde auch das Angebot professioneller Pornosites mit einschlägigem Bildmaterial größer. Im Fernsehen bekam man nicht annähernd solch deftiges Material geboten.
Heute erscheint den an der Darstellung von Sex Interessierten das Internet als Geschenk des Himmels. Welch sonderliche sexuelle Gelüste man auch immer zu verspüren glaubt – im Netz findet man unter Garantie Gleichgesinnte. Vor allem Menschen mit exhibitionistischer Veranlagung haben ein neues Ventil gefunden. Wer jemals auf die Seite von »String-Emil« geriet, wird danach Männerunterwäsche mit ganz neuen Augen sehen.
Doch das sexualisierte Netz ist gleichzeitig ein Geschenk des Teufels, eine Büchse der Pandora. Denn leider findet auch derjenige Gleichgesinnte, der auf der Suche nach Illegalem ist. Kindesmissbrauch ist zu einem großen Internetproblem geworden. Wie viele Pädophile die Anonymität des Netzes überhaupt erst dazu gebracht hat, sich in Chaträumen an Kinder heranzumachen, ist unbekannt.
Dabei ist das Internet selbst weder gut noch böse, sondern eben so wie die Menschen, die es benutzen und mit Inhalten füllen. Es hilft unzähligen, teils jungen Menschen, ihre sexuellen Unsicherheiten zu überwinden. Wer früher an Bravos Dr. Sommer schrieb und hoffen musste, eine Antwort zu bekommen, tippt heute sein Problem in eine Suchmaschine ein und wird umgehend feststellen, dass es auch andere Menschen mit gebogenen Penissen oder ungleich großen Brüsten gibt. (Und unzählige weitere, die genau darauf scharf sind.)
Aber es werden auch mindestens ebenso viele Menschen auf Ideen gebracht, die sie ohne das Netz vielleicht nicht gehabt hätten. Und mit denen sie vielleicht gar nicht umzugehen wissen. Sicher, man kann über ein ausschweifendes Sexleben leicht und locker in Weblogs erzählen. Dass der Besuch eines Swingerclubs allerdings zu schweren Beziehungsproblemen führen kann, wenn nicht beide Partner auf Gruppensex stehen, wird dort aber selten erwähnt. Und ob ausgiebiger Pornokonsum zu mehr und besserem Sex führt – oder zur Sexsucht beziehungsweise im Gegenteil zur Verarmung des Sexlebens –, ist umstritten. Der Experte Oswald Kolle befürchtete vor wenigen Jahren, dass vor allem Männer die Online-Bilder zum schnellen einhändigen Lustgewinn verwenden würden und sich nicht mehr auf Beziehungen einlassen würden.
Selbstverständlich können auch Kinder einschlägige Suchbegriffe googeln, sobald sie diese auf dem Schulhof aufgeschnappt haben (und ungefähr wissen, wie man sie schreibt). Was sie sich früher gegenseitig erst hinterm Busch gezeigt haben, sehen sie sich heute zuvor im Internet an. Von Erwachsenen werden sie dabei kaum gestört. Eigenartigerweise lassen sogar Eltern, die ihre Kinder beim Fernsehen niemals allein lassen würden, dieselben Kinder unbeaufsichtigt am Computer »spielen«. Auf den Jugendschutz dürfen sie sich dabei nicht verlassen. Denn jedes Land hat eigene Vorschriften, und sobald der Server einer Website irgendwo jenseits des Äquators steht, wird es fast unmöglich, seine Betreiber zu einem Verhalten zu zwingen, das zu unserer Rechtsauffassung passt.
Auch technische Lösungen bleiben vorerst ein schöner Traum. Etwa ein Filter, der alle leicht bekleideten Frauen wegblendet, die angeblich gleich ums Eck wohnen und zufällig gerade auf der Suche nach treuen Männern sind. Der verhindert, dass dem User sexuelle Inhalte aufgezwungen werden, und ihn stattdessen wieder aktiv danach suchen lässt – wenn er will. Vielleicht noch wichtiger wäre eine Art Handreichung für alle, die im Netz unterwegs sind. Die erklären würde, dass nicht alles, was man dort findet, zur Nachahmung empfohlen ist. Schon weil man keineswegs so anonym ist, wie man glaubt. Das gilt auch für jeden, der Inhalte ins Netz stellt: Alles kann und wird gegen ihn verwendet werden. Gerade diesen Punkt ignorieren immer mehr User. Und laden bedenkenlos selbst gedrehte Privatpornos auf Portalen wie Youporn oder Pornotube hoch.
Aus den Eigenproduktionen erfährt man übrigens einiges über die Auswirkungen der Unmengen an pornografischem Material im Netz. Denn die Menschen stellen in ihren Filmen genau das nach, was sie zuvor im Internet gesehen haben. Spaßhaben sieht anders aus.
Linksammlung
Man muss ja nicht immer reden Das Sexblog
Sigrid Neudecker ist der festen Überzeugung, dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten
Vorsicht! Websites enthalten nicht jugendfreies Material
www.fleshbot.com
Professioneller Weblog, berichtet launig über die Pornoszene
www.youporn.com
www.pornotube.com
www.redtube.com
bieten kurze Pornofilme, teils von Privatpersonen produziert und hochgeladen
www.string-emil.de
Ein außergewöhnlich veranlagter Mensch im Web, Website nicht immer erreichbar
- Datum 08.05.2008 - 12:42 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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"Aus den Eigenproduktionen erfährt man übrigens einiges über die Auswirkungen der Unmengen an pornografischem Material im Netz. Denn die Menschen stellen in ihren Filmen genau das nach, was sie zuvor im Internet gesehen haben. Spaßhaben sieht anders aus."
--> Ohje, bei mir zuhause geht es öfters so zu wie bei youporn, und ich dachte dabei, ich (und nicht nur ich) hätte Spaß gehabt. Naja, da muss ich in Zukunft die Pflichten nach Hobbes mit Ernst vollziehen.
Im Ernst, bis auf das zu moralische Ende war der Artikel ganz vernünftig und interessant.
Ich mag Studien. Mit ihnen kann ich alles belegen was ich nur belegen will. Jede 10. Seite im Netz enthält Sex. Mein Blog auch, ich veröffentliche da nämlich die einzelnen Kapitel eines Krimis den ich mit einer Co-Autorin geschrieben habe. In dem Krimi kommt Sex vor, also auch auf meinem Blog. Tatsächlich dürfte der Sexanteil unter einem halben Prozent der Texte liegen, Finanzmarkt und neoliberaler Wirtschaftsfaschismus machen ungefähr 80 Prozent aus. Aber Google leitet gerne die seltsamsten Fetischisten zu mir. Ach ja im wahren Leben hat Sex bei mir einen höheren Stellenwert als auf dem Blog. Sehr viel höher. Und damit kommen wir zu den Stammtischen. Wenn es nicht gerade um Jagd oder Angeln geht, dann geht es meist um Sex. Nein über Politik wird kaum noch gesprochen, das hat ja überhaupt keinen Sinn. Ich bin im Netz seit Anfang an dabei und erinnere mich noch gut, dass, das erste Bild was wir übertragen haben, mit 300 baud und kaum erkennbar eine nackte Tante war. Danach begann eine Phase des Sammelns. Wie wild wurde jeder Blödsinn und auch jede Perversion gespeichert. Irgendwann wurde jedem klar, dass dies ziemlich witzlos war, weil man nie ein zweites Mal auf die Bildchen blickte. Dann kamen die ersten Filme mit dem selben Ergebnis. Heute schaut kaum noch wer hin. Klar die Jungspunde, aber die sind genauso schnell wieder weg wie wir damals. Der Markt für Sex im Internet ist nicht nur gesättigt sondern eher übersättigt. Deshalb versuchen ein paar Leute das Ganze zum Thema zu machen um wenigstens noch ein wenig Aufmerksamkeit und damit Kunden zu bekommen. Was bleibt ist ein Bodensatz an Leuten die sich aus welchen Gründen auch immer in der Realität nicht einmal zu Blümchensex trauen und sich rein virtuell im Netz befriedigen. Für die ist es gut, das es das Netz gibt. Bei allen anderen ist egal. Das ist wie bei Frank am Stammtisch. Wenn sich Lotte die dralle Kellnerin einmal auf seinen Schoß setzen würde, würde er sterben vor Schreck, aber wir bewundern alle seine Geschichten was er denn für ein toller Hecht ist. Allerdings spiegelt das Netz das reale Leben der Menschen. Eben auch die grässlichsten Auswüchse. Allerdings bin ich skeptisch ob sich da wirklich etwas machen lässt. Die Herrschaften verstecken sich genau wie die Rassisten und Faschisten hinter anonymen Servern die mit normalen Ermittlungsmethoden nicht zu knacken sind. Erstaunlicherweise funktioniert auch da die Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen Brüdern ganz und gar nicht, die ja oft die Heimstatt für Kinderpornografie und Rassimus auf anonymen Servern bilden.
Zum Glück lesen Jugendliche und Kinder Erwachsenenzeiten wie www.zeit.de und so'n Kram nicht.
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