Im Keller gefangen

Nach den ersten Meldungen über den Missbrauchsfall in Amstetten wurden in Österreich sofort Erinnerungen an den Fall Natascha Kampusch wach. Im August 2006 war es der damals 18-Jährigen in Wien gelungen, aus einem Kellerverlies zu entkommen, in dem sie ein Entführer acht Jahre lang gefangen gehalten hatte. Das plötzliche Auftauchen von Natascha Kampusch löste eine Welle der Sensationsgier aus. Innerhalb kurzer Zeit wurde die junge Frau zum Medienstar und ist es noch immer.

Diesmal reagiert das Land anders. Die Ereignisse von Amstetten sind so monströs, dass Österreich nur langsam aus seiner Schockstarre erwacht.

Die Polizei spricht von einer Geschichte, die so schrecklich sei, dass man sie kaum glauben möchte.

Diesmal ist der Täter kein Außenseiter wie Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil, der sich nach einer Amokflucht vor einen Zug warf.

Der Täter stammt aus der Mitte der Gesellschaft: Josef F. hat in Amstetten, einer Kleinstadt 100 Kilometer westlich von Wien, eine seiner Töchter 24 Jahre lang in einem fensterlosen Kellerverlies gefangen gehalten und regelmäßig missbraucht. Die heute 42 Jahre alte Frau hat sieben Kinder bekommen. Drei von ihnen, nun 19, 18 und 5 Jahre alt, mussten mit ihrer Mutter im Keller leben, ohne jemals Tageslicht zu sehen. Einen der Säuglinge, der kurz nach der Geburt gestorben war, verbrannte F. im Heizungsofen. Josef F. ist 73 Jahre alt, er hat als Elektrotechniker gearbeitet. In Amstetten galt er als ganz normaler Familienvater.

Den Behörden gaukelte er vor, seine Tochter sei von zu Hause ausgerissen. Die Kinder habe sie vor die Haustür gelegt, da dort, wo sie jetzt lebe, kein Platz für kleine Kinder sei. Briefe in ungelenker Handschrift, die Josef F. vorlegte, sollten den Eindruck erwecken, die junge Frau sei in die Fänge einer Sekte geraten oder ins Rotlichtmilieu - er hatte sie wohl zum Schreiben gezwungen. Das Vormundschaftsgericht und die Jugendbehörden zweifelten offenbar nicht an diesen Geschichten. Die drei nicht eingesperrten Geschwister durften bei ihren Großeltern bleiben. Auch eine Sozialarbeiterin, die die Familie regelmäßig besuchte, hegte keinen Verdacht. Die Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, erschienen ihr gut erzogen, sie fielen weder in der Schule auf noch sonst wo, nicht im Polizeisportverein und auch nicht in der Jugendgruppe der freiwilligen Feuerwehr.

Die Nachbarn in der Amstettener Ybbsstraße wollen nichts Verdächtiges bemerkt haben, ebenso wenig die Mieter, die zeitweise mit der Familie in dem unscheinbaren einstöckigen Haus Tür an Tür lebten. Die drei Enkelkinder seien munter, aber höflich gewesen, sagen sie. Josef F.

sei weder verschlossen noch übertrieben gesellig. Seine um vier Jahre jüngere Frau Rosemarie sei in ihrer Aufgabe als hingebungsvolle Oma aufgegangen. Die Polizei geht davon aus, dass selbst sie ahnungslos war, obwohl rätselhaft bleibt, wie es dem Kerkermeister gelungen sein soll, über Jahrzehnte eine zuletzt vierköpfige Familie unbemerkt mit allem Überlebensnotwendigen zu versorgen.

Nur Zufällen ist es zu verdanken, dass das Martyrium von Elisabeth F.

und ihren drei Kindern beendet wird. Vor zehn Tagen bekommt die älteste der festgehaltenen Töchter, die 19-jährige Kerstin, Krämpfe.

Josef F. bringt das ohnmächtige Mädchen in eine Klinik im Ort. Bis dahin haben seine Gefangenen ohne medizinische Hilfe leben müssen. Die Ärzte können sich die Krankheit des Mädchens nicht erklären. Josef F.

tischt auch ihnen die Legende von der verschwundenen Tochter auf. Er willigt ein, dass nach Kerstins Mutter mit Hilfe der Medien gesucht wird, da nur so Aufklärung über die rätselhafte Krankheit möglich sei.

In ihrem Verlies sieht Elisabeth F. im Lokalfernsehen, wie nach ihr gefahndet wird, und sie bedrängt ihren Peiniger. Der lässt sie und die Kinder frei. Die Polizei, von einem anonymen Anrufer informiert, greift die Gruppe in der Nähe des Klinikums auf. Die Tochter, erklärt Josef F., sei durch die Medien alarmiert worden und reumütig nach Hause zurückgekehrt. Mehr sagt er erst mal nicht. Er schweigt.

Dann zeigt er der Polizei das Versteck im Keller seines Hauses. In einem Werkstattraum befindet sich hinter Kanistern und Eimern eine mit einem elektronischen Code gesicherte Tür. Das Verlies hinter der Tür ist 60 Quadratmeter groß und besteht aus mehreren Zimmern. Josef F.

hat seine Tochter, an der er sich seit ihrem elften Lebensjahr vergangen hatte, nach zwei Fluchtversuchen 1984 hierher gelockt, mit Handschellen gefesselt, betäubt, versklavt. Die Polizisten finden eine weiß geflieste Sanitäreinrichtung aus dem Baumarkt, eine abgenutzte Küchenzeile, Betten, ein Fernsehgerät, bunten Wandschmuck, den die Gefangenen möglicherweise selbst angefertigt hatten. Die Tatortfotos zeigen ein ärmliches Provisorium.

Die 42-jährige Elisabeth F. sieht heute zwanzig Jahre älter aus, sagen Polizisten - ihr Haar sei weiß. Man hat ihr versprochen, sie werde ihren Vater nie wiedersehen. Auf diesen Moment muss sie ihr halbes Leben lang gewartet haben. Sie kann genau den Tag nennen, an dem ihr Unglück begann: Es war der 28. August 1984.

Josef F. hat ein Geständnis abgelegt.

 
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