DIE ZEIT: An Google kommt im Internet niemand vorbei, und das nicht bloß bei der Suche im Netz. Google bietet ein eigenes E-Mail-Programm an, in den USA können Patienten ihre Krankenakten bei Ihnen speichern, und Sie haben sich an Firmen beteiligt, die individuelle Gentests anbieten. Was wissen Sie über Ihre Nutzer – und was machen Sie mit diesen wertvollen Daten?

Peter Fleischer: Unsere Maschinen kennen keinen der mehr als 500 Millionen Google-Nutzer persönlich, und wir wollen das auch nicht.

ZEIT: Aber Google speichert jede Suchanfrage!

Fleischer: Wir zeichnen wie die meisten Anbieter den sogenannten Search-Log auf: Darin enthalten ist eine Kennnummer des Computers (die IP-Nummer), der sich mit unserem Angebot verbindet. Dazu kommt die Zeitangabe und ein Datumsstempel, ein Hinweis darauf, welcher Browser verwendet wird, damit unsere Seite grafisch richtig dargestellt wird. Gespeichert wird auch, ob jemand google.de oder google.com angesteuert hat. Zudem zeichnen wir den Suchbegriff auf und die Nummer des sogenannten Cookies.

ZEIT: Diese kleinen Programme platziert Google auf den Computern der Nutzer. Sind sie dort, kann Google Suchprofile erstellen.

Fleischer: Nein, das stimmt nicht. Wir können nur feststellen, welche Suchanfragen von ein und demselben Computer kommen. Welche Person vor einem Rechner sitzt, wissen wir nicht und es interessiert uns ebenso wenig wie persönliche Angaben über Wohnort oder Name. Eine Identifizierung ist nur durch den Internet-Zugangsanbieter wie T-Online oder 1&1 möglich.

ZEIT: Wie lange speichern Sie denn das, was Sie einem Computer zurechnen können?

Fleischer: Als erster großer Suchmaschinenbetreiber sind wir 2007 dazu übergegangen, die Verbindung zwischen der Suchanfrage und dem Computer, von dem sie kam, nach 18 Monaten zu kappen.

ZEIT: Was kann derjenige tun, dem das zu viel ist? Soll er in kurzen Abständen das Google-Cookie auf seinem Computer löschen?

Fleischer: Das wäre ein Weg. Man muss allerdings wissen, dass dann bestimmte Funktionen, die eine Suche erleichtern, entfallen. Das Cookie merkt sich beispielsweise, wenn Sie auf der Google-Internetseite unter dem Menüpunkt »Einstellungen« den Familienschutz-Filter eingeschaltet haben. Ohne Cookie müssten Sie ihn bei jedem Internetbesuch per Hand einstellen.

ZEIT: Sie platzieren Textanzeigen neben Suchanfragen. Verkaufen oder vermarkten Sie die Daten in irgendeiner Weise an Außenstehende?

Fleischer: Wir verkaufen keinerlei Daten. Zudem erhalten unsere Anzeigenpartner nur aggregierte Zahlen darüber, wie häufig ihre Textanzeigen geklickt wurden.

ZEIT: Google platziert Anzeigen auch in sogenannten personalisierten Diensten, also etwa im Mailprogramm.

Fleischer: Zunächst einmal will ich klarstellen, was »personalisiert« eigentlich heißt. Das Mailprogramm kennt weder die Wohnadresse noch den wahren Namen, das Alter oder die Telefonnummer des Nutzers. Lediglich den selbst gewählten Benutzername und das ebenso frei wählbare Passwort.

ZEIT: Wie viele nehmen ihren echten Namen?

Fleischer: Wir haben viele nach dem Muster BradPitt123.

ZEIT: Sie sagen, Sie kennen die Namen Ihrer Nutzer nicht. Aber seien wir realistisch. Wenn jemand bei Ihnen Tausende von E-Mails speichert, dann steht irgendwann auch sein voller Name drin und höchstwahrscheinlich auch die Telefonnummer. Dazu wissen Sie, was er beruflich macht und was er als Verbraucher mag.

Fleischer: Wir richten uns exakt nach den europäischen Datenschutzrichtlinien. Unsere Nutzer haben bei personalisierten Diensten die darin festgelegten Datenschutzrechte: nämlich Zugang zu dem, was wir gespeichert haben, Korrektur ihrer persönlichen Daten und deren Löschung.

ZEIT: Suchanfragen kann man löschen?

Fleischer: Natürlich, in der persönlichen Suche iGoogle können Sie im Nachhinein jede einzelne Suchanfrage löschen, wenn Sie das wollen. Bei der normalen Suche geht das hingegen nicht. Da müssen Sie sich vorher aber auch nicht anmelden.

ZEIT: Google löscht tatsächlich jede Mail, die man in den Papierkorb schiebt? Nichts bleibt zurück?

Fleischer: Lassen Sie mich hier ganz genau sein. Wenn Sie in Google Mail eine E-Mail löschen, verschwindet sie aus unserem System nach etwa 30 bis 60 Tagen. Warum dauert das so lange? Weil bestimmt jeder die Situation kennt, dass man einmal versehentlich eine Mail gelöscht hat. Dagegen sichern wir unsere Nutzer ab.

ZEIT: Google hat seinen Sitz in den USA und sich zuerst einmal an das dortige Datenschutzrecht gehalten. Wo stehen Sie heute?

Fleischer: Bereits vor drei Jahren haben wir uns verpflichtet, dass unsere Regeln zu Datenschutz und Privatsphäre auch den europäischen Richtlinien entsprechen. Generell müssen Standards entwickelt werden, die weltweite Geltung haben.

ZEIT: Dazu gehört, dass deutsche Datenschutzbeauftragte noch Forderungen an Google haben.

Fleischer: Es ist ihr Job, uns Vorschläge zu machen, wie wir die Privatsphäre unserer Nutzer besser schützen können, und unser Job ist es, darüber nachzudenken und dann zu entscheiden. Beispielsweise hatten die meisten Cookies eine Verfallszeit von 30 Jahren, wir haben sie als erster großer Suchmaschinenbetreiber auf Anregung der Datenschützer auf zwei Jahre begrenzt.

ZEIT: Ein Gebot des Datenschutzes ist die Trennung von Datenbeständen. Tun Sie das?

Fleischer: Ja, es gibt »Chinesische Mauern« zwischen den Diensten. Die sicherlich wichtigste steht zwischen den Search-Logs und den personalisierten Diensten. Beim Mailprogramm sind einige Angebote miteinander verbunden, andere nicht.

ZEIT: Was ist mit den Patienteninformationen? Sie bieten den Surfern in den USA die Möglichkeeit, Krankenakten digital zu speichern.

Fleischer: Für diesen ersten Test mit der Cleveland-Klinik haben wir eine komplett eigene Infrastruktur geschaffen.

ZEIT: Warum könnte so etwas populär werden?

Fleischer: Der Gesundheitsmarkt in den USA ist stark regionalisiert, und viele Menschen ziehen oft um. Da ist es schwer, die persönlichen medizinischen Informationen beisammenzuhalten. Deshalb ist ein sicheres Online-Angebot wie unseres so spannend. Der Patient hat die komplette Kontrolle. Er allein entscheidet, ob er seinem Arzt den umfassenden Zugang ermöglicht oder einer Versicherungsgesellschaft einen bestimmten Teil davon. Technisch ist es übrigens extrem anspruchsvoll, so etwas zu verwirklichen.

ZEIT: Bei solchen Informationen bekommt manch ein Datenhändler feuchte Hände.

Fleischer: Noch mal: Wir verkaufen keinerlei Daten. Wir betreiben »kontextbezogene Werbung«. Wenn Sie etwas suchen oder eine E-Mail schreiben, dann platziert ein Computersystem solche Textanzeigen daneben, die zu Ihren Stichwörtern passt. Wir erstellen aber kein Profil darüber, wie sich jemand in der Vergangenheit im Internet verhalten hat, oder schalten dazu passende Werbung. Derlei Verfahren gibt es auch im Internet, das Geschäft von Google ist es jedoch nicht.

ZEIT: Aber was machen Sie etwa in Ihrem sozialen Netzwerk namens Orkut? Dort gibt es Diskussionsgruppen, in denen Leute sich oft genug mit ihrem wahren Namen melden.

Fleischer: Wenn jemand in einer solchen Umgebung sagt: »Ich heiße Hans Schmidt und habe Diabetes«, dann ist das in der Tat eine sensible Information. Wir begegnen dem durch Werbeeinschränkungen in einem solchen Bereich.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Fleischer: Wir haben eine Datenbank mit sensiblen Themen beziehungsweise Stichwörtern, bei denen keine Werbung angezeigt wird. Diese Datenbank wird ständig aktualisiert und erweitert. Aber beachten Sie bitte: Es kommt auf den Kontext an. Diabetes-Werbung in der ganz normalen Suchmaschine, für die Sie sich nicht anmelden müssen und bei der es keine Möglichkeit gibt, sich persönlich zu erkennen zu geben, finde ich absolut in Ordnung.

ZEIT: Sie sagen, Sie handeln nicht mit Daten, aber bei iGoogle heißt es in den Nutzungsbedingungen, dass Sie Daten mit Dritten teilen. Was bedeutet das?

Fleischer: Dass die Welt komplizierter wird. iGoogle ist das Angebot, sich aus unterschiedlichsten Anwendungen eine persönliche Startseite fürs Internet zusammenzustellen. Da kann ich mir etwa ein Feld mit Wetterinformationen neben einem Nachrichtenticker neben einem privaten digitalen Fotoalbum anzeigen lassen. Viele dieser Angebote stammen nicht von Google, sondern von Tausenden anderer Google-Nutzer oder Firmen, wie die Wettervorhersage zum Beispiel. An deren Computer senden unsere Computer die Abfrage »Der Nutzer X fragt nach dem Wetter in Berlin«, damit es entsprechend bei dem Nutzer X angezeigt wird.

ZEIT: Wie soll ich da als Nutzer noch den Überblick behalten, wer Informationen über mich hat?

Fleischer: Wir versuchen, die Information darüber unseren Nutzern so transparent wie möglich zu machen.

ZEIT: Google ist ein börsennotierter Konzern, und die vergangenen Jahre lehren, dass es schwer ist, in so großen Unternehmen die hehren Ziele aus der Gründerzeit zu bewahren. Damals lautete der Wahlspruch von Google: »Tue nichts Böses.« Wäre es nicht an der Zeit, dieses Ziel zu bekräftigen, indem man einen »Rat der Weisen einrichtet«, der für die Nutzer über Google wacht? Mit Männern wie dem Digitalpionier Nicholas Negroponte oder dem Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan…?

Fleischer: Bevor wird den erwähnten Gesundheitsdienst mit der Cleveland-Klinik gestartet haben, hatten wir einen Expertenrat zusammengestellt, der uns im Verlauf des vergangenen Jahres beraten hat. Grundsätzlich debattieren wir Fragen zur Privatsphäre oft mit Datenschutzexperten und Fachanwälten, und wir überlegen tatsächlich, diese Beratung zu formalisieren. Abschließend haben wir noch nicht darüber entschieden.

ZEIT: Worüber werden wir in fünf Jahren sprechen?

Fleischer: Menschen werden in dieser Zeit einen immer größeren Teil ihres Alltags ins Internet verlagern. Privat und geschäftlich. Deshalb müssen Menschen besser lernen, ihre Privatsphäre in der digitalen Welt zu managen. Sie müssen lernen, wann sie anonym bleiben wollen und wann sie identifiziert werden möchten. Ich als Datenschützer bei Google wünschte mir, mehr Menschen würden die Möglichkeiten zum detaillierten Schutz ihrer Privatsphäre kennen und bewusst nutzen. Nehmen Sie die sozialen Netzwerke, zu denen auch unser Dienst Orkut gehört. Junge Leute ärgern sich später darüber, welche Partyfotos sie ganz öffentlich ins Netz gestellt haben. Sie sollten von vornherein die Datenschutz-Einstellungen nutzen, denn dafür wurden sie gemacht!

Das Gespräch führte Götz Hamann

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