Israel Am Anfang war der Bus
Als Israel vor 60 Jahren gegründet wurde, war Egged schon unterwegs. In den grünen Wagen erfährt man, was das Land zusammenhält.
Durch Israel mit dem Bus fahren, nur mit dem Bus, durchs ganze Land. Erleben, wie unbegründet das Stirnrunzeln ist, das so ein Vorhaben in Deutschland auslöst. Alle fahren Bus in Israel. Schnell wird man Teil davon und drängelt mit in der Menschentraube, die trotz Platzkarten ungeduldig auf den Einstieg wartet. Manchmal sticht einen dabei ein Gewehrlauf in die Seite; aber daran gewöhnt man sich.
Israelische Busse, das sind fast immer die grünen Wagen des Unternehmens Egged. Auf der Seite tragen sie ein weißes geflügeltes Aleph, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, mit dem das Wort Egged beginnt. Für uns sieht er aus wie ein X. Man sieht das Logo häufiger als die israelische Flagge, und die sieht man oft. Die Egged-Zentrale hat ausgerechnet, dass auf täglich 44.957 Fahrten 810.500 Kilometer zurückgelegt und mehr als eine Million Menschen transportiert werden. Das entspricht einem Sechstel der Bevölkerung.
Meine erste Etappe führt von Jerusalem im Zentrum des Landes zum Badeort Elat am Roten Meer, dem südlichsten Punkt. Der Busbahnhof sieht wie eine Festung mit Schießscharten aus. Reinzukommen dauert wegen der Sicherheitskontrolle. Wer drinnen ist, fährt wenig später auf der Rückseite wieder hinaus. Durch das Busfenster sehe ich die Altstadt, die goldene Kuppel des Felsendoms glänzt in der Sonne. Jerusalem blendet, so hell ist der Stein, aus dem die Häuser gebaut sind. Dann geht es in den Tunnel unter dem Ölberg hindurch. Auf der anderen Seite beginnt schon das judäische Bergland. Israel, so karg, wie es in weiten Teilen ist.
Die Straße in Richtung Totes Meer schlängelt sich ins Jordantal hinab. Es ist Frühjahr, noch sind die Hügelkuppen von grünem Flaum bedeckt, bald kommen die heißen Tage, und alles wird braun und schroff sein. Auf der linken Seite liegen einige der jüdischen Siedlungen, die seit dem Sechstagekrieg im palästinensischen Westjordanland entstanden sind. Längst ist diese Straße eine sichere Passage durch das besetzte Gebiet, kürzlich wurde sie vierspurig ausgebaut. Beduinenhütten huschen am Fenster vorbei. Dann ein Schild. Es zeigt an, dass hier die Straße den Meeresspiegel unterschreitet. Daneben in der Sonne steht Israels berühmtestes Kamel. Sein Besitzer ruht im Schatten einer Palme. Er verdient an Reisenden, die sein Tier mit dem Schild fotografieren.
Am Sabbat fallen die pulsierenden Busbahnhöfe plötzlich in Schlaf
Immer schlucken, um den Druck zu lösen, der sich bei der Fahrt auf 400 Meter unter Normalnull auf die Ohren legt. Jericho ist links zu sehen, die älteste Stadt der Welt, dann das Tote Meer. Fahl liegt es da, dunstig und blass, drum herum rotbraune Felslandschaft. Der tiefste Ort der Erde! Einige Kilometer weiter wird die Tragödie sichtbar, die über diesem Ort liegt. Ein Traktor fährt auf einem asphaltierten Weg, er zieht mehrere Anhänger, in denen Menschen in Badekleidung sitzen. Vor einigen Jahren gab es den Weg noch nicht, denn hier begann schon der Strand. Doch weil dem Jordan das meiste Wasser entnommen wird, trocknet das Tote Meer allmählich aus. In 50 Jahren, sagen Experten, sei es vielleicht nur noch eine Pfütze.
Im Bus treffe ich einen jungen Mann namens Stevenson. Er kommt von der Karibikinsel St. Martin, die ihm als Anhänger um den Hals baumelt. Er liebt seine Heimat, aber einen liebt er noch viel mehr: Jesus. Seinetwegen hat er seinen Job bei der Post aufgegeben und die weite Reise nach Israel angetreten. »Gott hat mir den Weg gewiesen!«, sagt er.
Bis jetzt hat sein Gottvertrauen ihn nicht enttäuscht. In der Jerusalemer Altstadt erwähnte er einem orthodoxen Juden gegenüber Jesus, »unseren Messias«. »Der wurde richtig wütend, er hat mich beschimpft. Doch dann ging sein Herz auf.« Er lud Stevenson in sein Haus ein, dort durfte er zwei Monate wohnen. Jetzt ist er auf dem Weg nach Kairo, wo ein riesiger Christenkongress stattfinden soll. Danach will er von seiner Familie in St. Martin Abschied nehmen, um für immer in Israel zu bleiben.
Elat, ganz im Süden. Israel grenzt hier an Jordanien, Ägypten und das schwappende Meer, ein paar Kilometer weiter beginnt schon Saudi-Arabien. So eng liegt das alles beieinander. Der Ort ist schnell gewachsen. In den Gründungsjahren Israels war er noch ein einsamer Strand am Rande der Wüste. Heute drängen sich Hotelburgen ans Meer, der Flughafen liegt mitten in der Stadt. Die Strandpromenade ist von Buden gesäumt, aus denen Räucherstäbchenduft strömt, es gibt die üblichen Souvenirs. Plastische Chirurgen waren offenbar bei vielen tätig, die hier unterwegs sind. Vor einer Bude, in der man mit Maschinenpistolenattrappen schießen kann, liegt ein Boxer mit gefletschten Zähnen.
Ich bleibe nicht lange, ein ruhiger Ort soll es sein für die Nacht. Der Bus von Elat ans Tote Meer steht abfahrbereit. In tiefer Dunkelheit halten wir in En Gedi. Der wunderbare Kibbuz, ein immer blühender Fleck in der kargen Landschaft, ist ausgebucht. Aber die Jugendherberge nebenan hat noch Zimmer frei. Nach ruhiger Nacht früh aus dem Bett, israelisches Frühstück mit Oliven, Gurken, Frischkäse. Um 8.40 Uhr soll der Egged-Bus nach Jerusalem fahren. An der Haltestelle unten an der Straße sitzt ein Vater mit Tochter und Sohn. Sie kommen aus Süddeutschland und reisen drei Wochen mit Egged durchs Land. »Man muss viel warten«, sagt der Vater, »aber es geht.« Längst hätte der Bus da sein müssen, sie sind gelassen. Irgendwann wird er kommen. Plötzlich stehen sie auf. »Man kriegt so einen Egged-Blick«, sagt der Vater, und dann steht der grüne Bus mit dem weißen Aleph auch schon da.
Im Busbahnhof von Jerusalem ist es voller als sonst. Wir haben Freitag, am Abend beginnt der Sabbat. In wenigen Stunden fährt kein Bus mehr. Zwar ist Egged kein religiöses Unternehmen, aber die Religiösen sind in Israel mächtig. Es wäre nicht ratsam, sie zu verprellen. Dann lieber 30 Stunden lang gar nicht fahren. Es ist ein Schauspiel, zu sehen, wie die sonst so pulsierenden Busbahnhöfe plötzlich in einen Dämmerschlaf fallen, bis sie am Samstagabend wieder erwachen und mit ihnen das ganze Land.
Egged wurde 1933 als Zusammenschluss mehrerer kleiner Busgesellschaften gegründet und ist bis heute eine Kooperative. Der Name, hebräisch für »Bund«, geht auf den Nationaldichter Chaim Nachman Bialik zurück. Eine urzionistische Organisation, die ein Land zusammenhielt, das es noch gar nicht gab. Seit der Staatsgründung vor 60 Jahren hat Egged Israel mitgestaltet, auch dadurch, dass die Busse während der Kriege zum Truppentransport genutzt wurden und den Schützen als Hinterhalt dienten. Joske Harari ist 80 Jahre alt und Sohn eines der Gründer von Egged, ehemaliger Fahrer und langjähriger Vorsitzender der Kooperative. Er erzählt, wie er 1973 kurz vor dem Jom-Kippur-Krieg 2.000 Busse bereitstellen ließ, um die Soldaten schnell an die Front bringen zu können. Der damalige Stabschef habe ihm später gesagt, Egged sei »früher bereit gewesen als die Armee«.
Überall, wo Israelis wohnen, fahren die Busse hin. Auch wenn es brenzlig wird wie in den besetzten Gebieten. Dann werden die Fahrzeuge eben mit schusssicherem Glas ausgestattet und fahren so durch Orte wie Hebron, Ofra oder Ariel, wo Siedler auf palästinensischem Land wohnen. 114 der insgesamt 3105 Busse sind gepanzert.
Es ist Sonntagmorgen, die Woche beginnt. Im Busbahnhof riecht es nach den Hot-Dog-Würstchen, die sich nackt auf einer Warmhaltevorrichtung drehen. Soldaten sind auf dem Weg zurück in ihre Camps, überall sitzen sie, große Taschen neben sich. Angst und Stärke sind in Israel immer mit dabei. Ich nehme den Bus 963 nach Kyriat Schmona an der israelisch-libanesischen Grenze. Die Fahrt geht über die Autobahn 6, Israels modernste Straße. Kameras fotografieren die Nummernschilder der Autos, einige Tage nach der Fahrt kommt der Mautbescheid per Post. Die 6 ist auch eine Nahtstelle, sie führt am Westjordanland vorbei. Israelis und Palästinenser, getrennt durch eine hohe Betonmauer, davor blüht der Mohn.
Neben mir sitzt Avital. Die Schläfenlocken hat er hinters Ohr geklemmt, auf dem Kopf sitzt ein Armee-Schlapphut. Während der Fahrt betet er, wippend und murmelnd, Verse aus einem abgegriffenen Gebetbuch. Dann knipst er sich mit dem Fotohandy. Avital ist unterwegs zu seiner Einheit auf dem Golan, an der syrischen Grenze. Dort kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Macht ihm das Angst? Nein, sagt er, »alles ruhig da oben – und so schön, das Land, das Gott uns gab«. Dann betet er weiter. In Tiberias steigt er um. Etwas später, in Tabgha am See Genezareth, verlasse auch ich den Bus. Eine Nacht am See, an jenem Ort, an dem Jesus mit ein wenig Brot und Fisch die 5.000 speiste. Eine schlichte Kirche erinnert daran.
Der ganze Stolz des Egged-Museums ist das Modell Tepele, der »Topf«
Die letzte Station meiner Reise ist ein Parkplatz in Holon, nicht weit von Tel Aviv. Hier liegt die Schatzkammer der israelischen Busfahrt: das Egged-Museum. Noach Slutsky ist der Schatzmeister, ein stämmiger Mann mit Halbglatze und rahmenloser Brille. Als Egged-Mitglied kümmert er sich um alle Gebäude der Genossenschaft, aber Busse sind seine Passion. Selbst sein Büro ist ein ausrangierter Bus. Hier sitzt Slutsky jeden Freitagvormittag vor Vitrinen, in denen er Busmodelle aus aller Welt aufbewahrt. Jüngstes Exponat: ein gelber Schulbus aus den USA. Den hat er vom letzten Urlaub mitgebracht.
Draußen zeigt Slutsky Originale: die wuchtigen Ford-Busse aus den 1940ern mit langer Schnauze, rundliche Royal Tiger von British Leyland aus den 1960ern, Mercedes-Busse, die bei Egged von 1973 an fuhren und Proteste auslösten, weil die Zeit für deutsche Transportfahrzeuge in Israel noch nicht reif war. Slutskys ganzer Stolz ist der »Tepele«, das älteste Stück, gebaut in den 1930ern und so klein, dass Tepele – Topf – der passende Spitzname ist. Dieses Modell fand ein Kollege als Kiosk genutzt am Rande der Stadt Yahud. »Acht Monate lang haben wir ihn restauriert«, sagt Slutsky.
Früher waren Egged-Busse blau-weiß, dann rot-weiß, seit einigen Jahren sind sie grün. Joske Harari, dem früheren Egged-Vorsitzenden, gefällt das nicht, aber er hatte nichts mehr zu sagen, als die Entscheidung anstand. Warum gerade grün? Slutsky zeigt auf den Parkplatz neben dem Museum. Das Egged-Depot für Zentralisrael. Da stehen viele Busse nebeneinander. »Es sieht schön aus, alles ist grün, dabei leben wir in der Wüste«, sagt Slutsky. Klingt fast so, als erfülle Egged nun auch den Auftrag des Staatsgründers David Ben Gurion, das dürre Land fruchtbar zu machen.
Ich fahre über Tel Aviv zurück nach Jerusalem. Eine gute Dreiviertelstunde, der Bus windet sich die Berge hinauf. Vorbei an den Wracks von Armeefahrzeugen, die als Mahnmale am Straßenrand liegen. Sie erinnern an den Unabhängigkeitskrieg 1948, als sich Israels Armee den Weg nach Jerusalem erkämpfen musste. Jedes Jahr werden die Wracks mit Rostschutzfarbe gepflegt. Einige kamen kürzlich abhanden, weil sich mit Altmetall gutes Geld verdienen lässt. Schon im Unabhängigkeitskrieg fuhr Egged diese Strecke, mit dem frühen Modell eines gepanzerten Busses. Fensterklappen aus Stahl und schmale Luken machten ihn zur Festung. Auch er steht im Museum.
Während wir fahren, überlagern sich die Bilder. Israel und Egged, damals und heute, alles wird eins. Der Bus ist voller Soldaten – wie früher, als es noch an die Front ging. Ein letzter Anstieg, eine letzte Kurve, dann erreicht der Bus Jerusalem. Mit Egged zu reisen heißt auch, durch die Geschichte dieses Landes zu fahren. Effektiv, meistens pünktlich, auf jeden Fall aber mit einem tiefen Einblick in die israelische Seele. Wie ein Schlund taucht die Einfahrt in den Busbahnhof auf. Dunkelheit. Dann gleiten die Türen zur Seite.
INFORMATION
Anreise: Täglich diverse Direktverbindungen von den großen deutschen Flughäfen nach Tel Aviv. Lufthansa fliegt zweimal täglich ab Frankfurt am Main, die israelische Fluggesellschaft El Al von Berlin, Frankfurt und München. Von Mai an fliegt Tuifly ab Hamburg, von Juni an Germania ab Berlin-Tegel
Bustour: Egged (00972-3/6948888, dann »3« für englischen Service, www.egged.co.il/eng ) ist die mit Abstand größte israelische Busgesellschaft. Mit den grünen Bussen erreicht man fast jedes Ziel. Die Busbahnhöfe liegen meist im Zentrum der Städte. Einsteigen unterwegs ist auch möglich. Die Fahrten sind günstig: Für die viereinhalbstündige Fahrt von Jerusalem nach Elat etwa zahlt man 66 Schekel (circa 12 Euro). Von Freitagnachmittag bis Samstagabend kein Busverkehr wegen Sabbats
Egged-Museum: Das Museum dokumentiert die Geschichte der israelischen Busfahrt. 60 liebevoll gepflegte Busse können besichtigt werden. Ein Mitarbeiter steht für Erklärungen bereit. Moshe Dayan Str., Holon (nahe Tel Aviv). Öffnungszeiten: freitags und an Feiertagen von 8 bis 12 Uhr, an den übrigen Tagen nur für Gruppen von 8 bis 13 Uhr. Anmeldungen unter: 00972-3/9142361 oder 00972-3/9142364. Der Eintritt ist frei
Auskunft: Staatliches Israelisches Verkehrsbüro, Tel. 030/2039970, www.goisrael.de
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- Datum 08.04.2009 - 15:30 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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