Japan Im Rentnerparadies
Japans Zukunft sieht »alt« aus. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ist älter als 65 Jahre. Architekten und Tüftler bereiten sich auf die neuen Kunden vor. Doch kann die Wirtschaft den Arbeitskräftemangel bewältigen? Und wie soll das Land mit Chinas Aufstieg umgehen?
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Tokyo - China und Indien sind die Heroen des Hype. Und Japan, der Angstgegner der Achtziger? Das Insel-Land ist im »verlorenen Jahrzehnt« der Neunziger im Dauer-Abschwung versunken, trotzdem bleibt seine Wirtschaft zweitgrößte der Welt. Es kennt keine Inflation, keinen sozialen Aufruhr, keine Linke. Die Deutschen würden jubeln, wenn sie so wenige Arbeitslose (vier Prozent) hätten.
Doch schon vor sechs Jahren projizierte Newsweek den Horror aufs Titelblatt: drei ältere Herren im Rentnerlook, die als Hobbymaler in einer heiteren Frühlingslandschaft sitzen – unter der Balkenüberschrift: Japan Takes It Easy. Etwas kleiner: »Die einstige Dampfwalze als asiatische Schweiz – reich, gemütlich, belanglos.« Und morgen?
Die Zukunft, jedenfalls wie der Hightech- Gigant Panasonic sie zeichnet, lässt sich im »House of the Future« besichtigen. Strenger Bauhaus-Stil, ökologisch korrekt, vollgestopft mit vernetzter Elektronik. Versorgt wird es von Brennstoffzellen, gesichert durch Sensoren, die den Unbefugten beim Anpirschen mit scharfem Warnton vertreiben. Die spezifisch japanische Aussicht offenbart sich aber erst drinnen.
Das Haus ist ausgelegt für Vater, Mutter, Oma und nur einem Kind (wo ist Opa?). Die Gänge sind breit genug für die Wende im Rollstuhl, der Lift ebenso. Kanten sind mit Rundholz verkleidet, falls Oma doch mit einem Mauervorsprung kollidieren sollte. In der Küche gleiten die Regale nach unten; so kann sie den Reis im Sitzen greifen. Ihr Handy signalisiert dem Wand-zu-Wand-Plasmaschirm im Salon: »Die alte Dame kommt, große Buchstaben!« In ein paar Jahren – so die Vision des Telekomriesen DoCoMo – wird sie das Haus überhaupt nicht mehr verlassen müssen. Sie setzt sich die 3-D-Brille auf, »wandert« durch den Louvre und bezahlt die Postkarten per Handy; der Farbdrucker in Vaters Büro wirft sie aus. Der telekonferiert derweil mit der Firma und erspart sich so das Sardinen-Schicksal im Pendlerzug.
Jenseits seiner brillanten Gadget-Kultur, die der europäischen um Jahre voraus ist, sieht Japans Zukunft »alt« aus. »Im Jahre 1998«, referiert der Demograf Matsutani Akihiko, »wurde Japan zur ältesten Gesellschaft der Welt.« Wann ist eine Gesellschaft »alt«? Wenn die über 65-Jährigen 14 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Japan liegt heute bei über 20; Deutschland braucht dazu noch ein Jahrzehnt. Die Lebenserwartung steigt: 85 bei Frauen, 78 bei Männern (aha, Opa fehlt im »Haus der Zukunft«, weil er schon bei den Vorfahren weilt). Die Geburtenrate ist so niedrig wie die deutsche.
In Japan aber schrumpft die Bevölkerung seit drei Jahren – und deren arbeitender Teil seit sieben. 2050 werden dem Arbeitsmarkt 20 Millionen fehlen, derweil der Altenanteil bei 40 Prozent liegen wird. Der Forscher rechnet vor, was das bedeutet: »Negatives Wachstum wird in ein paar Jahren die Norm sein in einer Nation, die bis vor Kurzem der Schrittmacher der westlichen Welt war.« Denn ohne Arbeitskräfte kein Wachstum. Der deutsche Besucher wirft ein: »Man kann doch aus weniger mehr machen – durch längere Arbeitszeiten, längeres Arbeitsleben, mehr Frauen.« Der Mann bleibt ungerührt. »Japaner arbeiten schon länger als alle anderen. Aber genauso wie bei Ihnen sinkt die Jahresarbeitszeit. Vor 45 Jahren waren es noch 2400 Stunden, heute sind es 1830.« (Am Standort D sind es 400 weniger.) Später in Rente? Die Antwort: »Glauben Sie, dass unsere Wettbewerbsfähigkeit steigt, wenn wir die 70-Jährigen einspannen?«
»Mr. Kikkoman«, der Chef des Sojasoßen-Konzerns, der im Gefolge von Sushi und Sashimi den Weltmarkt aufrollt, stellt eine schlichte Gleichung auf: Weniger Leute, weniger Verbrauch. »Die Hälfte unseres Profits machen wir im Ausland«, berichtet Yuzaburo Mogi. So reden sie alle: Die heimische Profitrate sinkt, aber nicht, weil es zu viel Kapital gibt, wie Marx wähnte, sondern zu wenige Konsumenten. Der Chefstratege von Mitsubishi, das in Sibirien nach Erdgas bohrt: »Bei uns fällt die Gasnachfrage, also müssen wir draußen verkaufen.«
Die Globalisierung, die Japan in den siebziger und achtziger Jahren an die Weltspitze katapultierte (und abermals die »Gelbe Gefahr« ins westliche Hirn), funktioniert nur zur Hälfte: Kapital fließt raus, aber nicht rein, ganz anders als in Deutschland. Der Ökonom Akira Kojima nennt erstaunliche Zahlen: »Für jeden Dollar, der kommt, gehen fünf ins Ausland.« Und wer hier ist, verschwindet wieder: »In den letzten zehn Jahren haben sich vier Fünftel der Auslandsfirmen von der Tokyo-Börse verabschiedet.« Zu wenig Marktdurchlässigkeit, dafür zu viele Auflagen und Reglementierungen. »Japan hat sich nicht globalisiert«, rügt dieser Chef des Japanischen Wirtschaftsforschungszentrums. Seiji Maehara, Vizepräsident des Unterhauses, sagt’s ganz schroff: »Japan ist insularer geworden.«
Und die guten Nachrichten? »Ein Wort – Toyota«, antwortet Yukio Okamoto, dem die gleichnamige Beraterfirma gehört. Das ist der größte Autobauer mit dem höchsten Börsenwert der Welt, der gerade GM überrundet hat. »Toyota ist spitze«, sagt Okamoto und meint die Exportindustrie insgesamt, weil »japanische Arbeiter so hoch qualifiziert und motiviert sind. Qualität ist ihre Obsession.« Bloß: »Bei uns fehlen die kühnen, kreativen Unternehmer.«
China ist der Drachen, Japan das wirtschaftliche Riesenkaninchen
Die haben es schwer, sich gegen »Japan, Inc.« durchzusetzen, schwerer als in Deutschland, wo es eine hochkompetitive Mittelstandskultur und auch Wagniskapital gibt. Japan ist eben nur zur Hälfte globalisiert – Investitionsmaschine auf dem Weltmarkt, Abschotter daheim. Das ist gut für China und die anderen Billiglöhner in Asien, wohin Japan immer weitere Glieder der Wertschöpfungskette exportiert. In China sind inzwischen 35000 japanische Firmen im Geschäft. Und doch, China ist die Schlange, genauer: der Drachen, Japan das wirtschaftliche Riesenkaninchen, das starren Auges auf den aufsteigenden Erzrivalen blickt. Was tun, wenn sich die »Korrelation der Kräfte« verschiebt?
Der Absteiger hat drei Optionen: Appeasement, Aufrüstung, Allianzbildung. Auf sehr behutsame Weise nutzt Japan alle drei, vor allem aber ein viertes A – Abwiegeln. Verteidigungsminister Shigeru Ishida gönnt sich eine Pause von einer der allfälligen Regierungskrisen (der jetzige Premier Fukuda ist der 30. seit 1945), um zwischen Krustentieren und Kobe-Beef die strategische Lage zu erläutern.
»Im Dezember kam zum ersten Mal die chinesische Flotte zu Besuch. Die Schiffe waren hübsch und sauber, aber veraltet – aus den sechziger Jahren. Die sind den unseren und amerikanischen mindestens 20 Jahre hinterher.« Er hätte hinzufügen können: Japan besitze nach den USA, Russland und China die viertgrößte Überwasserflotte der Welt (von der Fregatte aufwärts). Dennoch: Die Chinesen rüsten mit atemberaubenden Tempo auf – zuletzt mit einem Ausgabenplus von 18 Prozent. Den Minister rührt das nicht: » Schauen Sie auf die Landkarte. China grenzt an 14 Länder. Es kann doch seine Kräfte nicht gegen Japan konzentrieren, erst recht nicht im Blick auf Russland, Indien und Nordkorea.« Der junge Abgeordnete Suzuki betrachtet Pekings Aufstieg als aufhaltsamen: »China wird schneller alt als reich sein.«
Trotzdem rüstet Japan leise auf: hier ein neuer Raketenzerstörer der Aegis-Klasse, da ein Pac-3-Patriot-Abwehrsystem, nachdem Nordkorea 2006 seine Bombe gezündet und die weit reichende Taepondong-2 ins Japanische Meer abgefeuert hatte. Die alte »Selbstverteidigungs-Agentur« wurde 2007 zum »Verteidigungsministerium« befördert. Trotzdem kein Rüstungswettlauf gegen China. Yukio Satoh, Doyen der strategic community, resümiert: »Wir haben China nie wirklich als Rivalen empfunden. Nordkorea ist unser Problem, China vielleicht irgendwann. Aber wir bringen dem Land großen Respekt entgegen, das ist der Quell unserer eigenen Kultur.«
»Wettrüsten? Da würden wir doch pleitegehen«
Kein Problem also? Doch, aber »we must accommodate China« . Dieses Verb lässt sich wie Gummi ziehen: »gefällig sein«, »sich anpassen«, »jemanden aufnehmen«. China biete eine »große Chance zur Zusammenarbeit« bei Umwelt und Energie. Hinter solchen Sätzen, die der Besucher noch von vielen Offiziellen hören wird, verbirgt sich die stille Losung: »Keine Provokation.« Zum Beispiel keine Besuche mehr beim Yasukuni-Schrein wie zu Zeiten des Premiers Junichiro Koizumi (2001 bis 2006). Dort sind neben Gefallenen auch 14 gehenkte Kriegsverbrecher begraben; die Ausflüge waren Anlass für antijapanische Ausschreitungen in Peking. Neuerdings werde Japan durch Peking »akkommodiert«, meldet Yoichi Funabashi, der Chefredakteur von Asahi Shimbun (Auflage: acht Millionen), »jetzt kommt Präsident Hu zu Besuch«.
Kiyoji Yanagisakawa betreut im Kabinett des Premiers Fukuda die Sicherheitspolitik. Er beschreibt das Dilemma so: »Letztes Jahr hat Peking zum ersten Mal mehr fürs Militärische ausgegeben als wir, aber können wir uns auf einen Wettlauf einlassen? Wir würden pleitegehen.« Dann also Kraftverstärkung durch Bündnisse? Mit wem? Mit den Südkoreanern, die die grausame Herrschaft von 1910 bis 1945 nicht verzeihen können? Mit Russland? Dagegen stehen alte Territorialkonflikte, die die Sowjetunion überlebt haben. Mit Indien? Der Subkontinent lässt sich von niemand einspannen.
Übrig bleibt wie seit eh und je der Große Bruder USA. Deutschland braucht den nur noch als Rückversicherer, seitdem die sowjetischen Divisionen am Fulda-Gap verschwunden sind. Japan hat weder EU noch Nato, nur Amerika. Der Verteidigungsminister zählt darauf, dass »China die Stärke des Bündnisses mit den USA einkalkulieren« müsse. Ist das denn eine richtige Allianz, wo jeder den anderen schützt – oder bloß ein Schutzschirm »Made in U.S.A.«? Die subtile Antwort: »Die Amerikaner glauben, dass ihre Basen hier nützlicher seien als Japans Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung.«
Japan liefere also bloß die Immobilien? Wieder eine vorsichtige Antwort: »Amerika verteidigt Japan, wir halten die Seewege offen.« Na ja, das sei schon eine »seltsame Allianz«, sinniert der Minister. Anders als in der Nato fehlen gemeinsame Übungen und Kommunikationssysteme. Sollte China Taiwan attackieren, meint der Verteidigungsminister, »können wir nichts tun«. Ehud Olmert war gerade bei ihm. »Israel hat eine starke Selbstverteidigung. Japan braucht mehr davon. Bloß wissen nur wenige unserer Politiker, was uns fehlt.«
Japan, ein großes, aber kleinlautes Land? Wie im normalen Umgang darf der gai (Fremde) die ausgesuchte Höflichkeit nicht mit Unterwürfigkeit verwechseln. Inzwischen fällt ihm freilich Überraschendes an diesem Land auf, das sich jahrzehntelang modernisiert hat, ohne sich zu »westernisieren«. Nennen wir’s das »Beste im Westen«: die neue Lust an der Selbstanalyse und -kritik. Vor 10, 15 Jahren noch hat das Establishment nur ausweichende Antworten auf bohrende Fragen geliefert. Oder gar keine: »Ah so, das ist sehr kompliziert…« Heute wird scharf seziert, nicht lamentiert. Es triumphiert wie so oft seit der »Öffnung« vor 140 Jahren der Drang zum Lernen – und Bessermachen.
In einer Arena hat Japan den Rest der Welt schon wieder geschlagen. Heute hat Tokyo doppelt so viele Restaurants mit Michelin-Sternen wie Paris. Und viermal so viele wie New York.
- Datum 28.09.2009 - 17:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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Den Demographen zufolge gehören auch einige Länder "Alteuropas", nicht nur Deutschland, zu den überalterten Nationen mit Geburtenschwund und Seniorenüberschuss. Selbst die vier weltgrößten Entwicklungsländer, die sogenannten BRIC-Nationen (Brasilien, Russland, Indien, China) sind keineswegs dagegen gefeit. Zwei davon (Russland und China) werden schon bald überaltern, die beiden anderen (Brasilien und Indien) hingegen erfreuen sich eines Geburtenzuwachses, ebenso wie Australien, Kanada und die USA.
"Japans Zukunft sieht »alt« aus. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ist älter als 65 Jahre. Architekten und Tüftler bereiten sich auf die neuen Kunden vor. "
--> Wo kann ich denn eigentlich von den Tüftlern lesen? Ich habe zwar ein paar Zeilen über das Haus der Zukunft finden können, das wars dann aber eigentlich schon, bis auf ein bisschen Gejammere.
"Japan, ein großes, aber kleinlautes Land? Wie im normalen Umgang darf der gai (Fremde) die ausgesuchte Höflichkeit nicht mit Unterwürfigkeit verwechseln."gai - gai ist kein eigenständiges Wort. Ausländer heißt auf Japanisch gaikokujin oder, etwas weniger politisch korrekt, gaijin.
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