Kriminalroman Wahn-Sinn

Tobias Gohlis über die »Festung Breslau« von Marek Krajewski

April 1945. Während die russische Armee die Vorstädte besetzt und plündert, reißt Artilleriegeneral Niehoff Teile der Stadt nieder, um mitten in der Festung Breslau einen Militärflughafen zu schaffen. Gauleiter Hanke wird ihn am Vorabend der Kapitulation am 6. Mai zur Flucht nutzen.

Eberhard Mock, in Breslau Kriminalist seit 1904, derzeit freigestellt im Rang eines Haupt-manns, 62 Jahre alt, ist äußerlich eine Ruine. Seine Gesichtshaut ist beim Bombardement Hamburgs 1944 verbrannt. Seitdem trägt er ein Seidentuch als Maske. »Mock wollte das Sterben der besten aller Welten, der Welt der Odermetropole, dieser feuchten Welt der Seuchen, weder sehen noch spüren.« Dem Untergang begegnet der Gezeichnete als Gentleman: Nadelstreifenanzug, Krawatte mit Diamantnadel. »Dum spiro spero – ich hoffe, so lange ich atme.« Unter Cicero tut es der Humanist nicht. Auch wenn er nur eine Parole ausgibt, mit der er durch die Tunnel unter der Front zu einer Frauenleiche gelangen kann, ohne von den eigenen Leuten erschossen zu werden.

Marek Krajewski hat den polnischen Kriminalroman, der im Sozialismus als staatstragende Milizliteratur dahinsiechte, auf neue Füße gestellt. So erstaunt war die einheimische Literaturkritik über seinen ersten, 1999 veröffentlichten Roman Tod in Breslau, dass sie ihn zunächst als »neue historische Stadtliteratur« missverstand. Die Provokation, bereits im polnischen Titel mit dem historischen Namen der Stadt »Breslau« zu signalisieren, dass es sich um einen Kriminalroman aus der alten deutschen Zeit handelt, ging auf. Inzwischen konnte Krajewski seinen Job als Dozent der Altphilologie an den Nagel hängen, er kann von seinen Romanen um Eberhard Mock leben.

Festung Breslau (aus dem Polnischen von Paulina Schulz; dtv, München 2008; 298 S., 14,90 €) war ursprünglich als abschließender Band einer Tetralogie geplant und zeigt deshalb Mock und seine Stadt im tiefsten Fall und im höchsten Wahn. Denn Marek Krajewski verfasst bei aller Akkuratesse, mit der er die topografischen und historischen Details der alten deutschen Barockstadt in seine Erzählung einflicht, keine »historische« Kriminalliteratur, schon gar nicht die der gängigen Sorte, in der Geschichte als Staffage für langweilige Whodunits verwurstet wird.

Mock, gestärkt durch das Korsett der Altphilologie, ist dem Gerechtigkeitswahn verfallen. Wie die Nazis, die er verabscheut, macht »Jagdhund Mock« alles platt, das sich ihm in den Weg stellt: Offiziere, SS-Leute, seine Frau, sich selbst. Seine einzigen Freunde: ein paar Ratten. Angelockt wird der Spürhund durch die Frauenleiche und das Geheimnis einer Gräfin Mogmitz, die als Heilige der Gefangenen und Frau eines Widerstandskämpfers im innerstädtischen »Sammellager« eingesperrt ist. Der heidnischen Nazireligion setzt die mystikverfallene Adelsdame ein wahnhaft pervertiertes Verständnis der Bergpredigt entgegen, in dem Demut und Masochismus, Nächstenliebe und Idolatrie verschmelzen. Sie will Mock, von dem es heißt, er habe schon früher Mädchenmörder umgebracht, zu ihrem Henker machen. Krajewski lesen ist Wahn-Sinn.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
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    • Schlagworte Stadt | Literatur | Kriminalroman | Breslau | Cicero | Hamburg | München
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