Kaffee ja, Erste Hilfe nein
Stünde an diesem regennassen Morgen in Ringkobing nicht ein Polizeiwagen vor dem Krankenhaus, man würde glauben, es sei vielleicht doch nicht geschehen. Aber der Wagen parkt unübersehbar vor dem Eingang zum Regionalhospitalet Ringkbing. Es ist also real, die Polizei ermittelt tatsächlich in einem eigentlich unglaublichen Todesfall, der seit Tagen dänische wie deutsche Medien beschäftigt weil die Wirklichkeit offenbar noch schlimmer sein kann als ein Albtraum.
Es geschah am Freitag vorvergangener Woche: Heike W., 44, und ihr Mann Andreas, 53, aus Niedersachsen machten Urlaub in Dänemark, wo beide seit Jahren dasselbe Ferienhaus nahe des Nordseebades Ringkbing mieteten. An jenem Morgen klagte Heike W. über Atemnot, ihr Mann fuhr sie zum nächsten Krankenhaus. Um 8.30 Uhr meldete er dort den Notfall.
75 Minuten später war seine Frau gestorben. Sie erstickte auf dem Krankenhausvorplatz, ohne dass ein Arzt ihr geholfen hätte.
Der Vermieter der W.s, Erik Bach, der zufällig auch der patientforeningen einem dänischen Patientenverband vorsteht, spricht nun von einem »Skandal« und hat Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet. Die regionale Gesundheitsbehörde hingegen weist nur lakonisch darauf hin, das deutsche Touristenpaar habe das dänische Gesundheitssystem nicht verstanden. Sie spricht von einem »tragischen Unglück« und schlicht von »Pech«.
Was ist passiert? Die Rekonstruktion jener 75 Minuten fällt überraschend leicht, weil sich die Angaben des Chefarztes Nils Thorsgaard mit denen der Kritiker decken. Demnach ist das Regionalhospital in Ringkbing nicht auf Notfallpatienten eingerichtet, weil es wie viele dänische Krankenhäuser keine Notaufnahme hat. In Dänemark geht man davon aus, dass bei einem Notfall die Nummer 112 gewählt wird. Das Land ist klein, ein Hubschrauber schnell vor Ort.
Dies nicht ahnend, ließ Andreas W. an jenem Morgen seine Frau im Auto zurück und eilte in eine Klinik, die einem Deutschen ungewöhnlich leer vorkommen muss: im Foyer ein Kaffeeautomat, aber kein Ansprechpartner.
Als W. endlich eine Krankenschwester fand, schickte diese ihn zum klinikeigenen Notfalltelefon rund einhundert Meter weiter - von dort sei Jütlands Notrufzentrale zu erreichen. Nach Aussage von Chefarzt Thorsgaard habe W., ein Bundeswehrsoldat, auf die Schwester »sehr ruhig« gewirkt. » Er hat sich noch für den Hinweis bedankt.«
Allerdings war das Notruftelefon kaputt.
Daraufhin lief W. zu seinem Auto zurück und sah, dass es seiner Frau schlechter ging. Wieder bat er eine der Schwestern, ihn zum Wagen zu begleiten, bekam aber zu hören, laut Gesetz dürften weder Pflegepersonal noch Ärzte die Station verlassen, er möge mit dem eigenen Handy die 112 wählen. Nun bekam Andreas W. Verbindung mit der Notrufzentrale in lborg. Per Tonband und auf Dänisch wurde er um einen Moment Geduld gebeten er legte in Panik auf. Als er wieder zum Auto kam, war seine Frau nicht mehr ansprechbar. Erst daraufhin ging eine Schwester mit. Ihre Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich.
»Es kommt gerade im Sommer häufig vor, dass Touristen zu uns kommen, weil sie glauben, ein Krankenhaus sei noch ein Krankenhaus«, sagt nun Chefarzt Thorsgaard.
»Wir sind sehr besorgt«, sagt Ole Bndergaard, der Vorsitzende des Tourismus-Büros. Vier Millionen Übernachtungen zählt er jährlich rund um den Ringkbingfjord, 60 Prozent der Gäste sind Deutsche.
»Es gibt in diesem Fall nur Verlierer«, sagt Karsten Hansen, der Polizeichef, der noch auf das endgültige Obduktionsergebnis wartet.
Das Ehepaar W. war am Tag der Tragödie unwissend in eine schwierige Gemengelage geraten: Seit Wochen streikt das dänische Krankenhauspersonal für mehr Lohn. Zudem war der Freitag ein Feiertag, nur ein einziger Arzt hatte Dienst, der aber nichts von dem hilfesuchenden Paar erfuhr.
Und das ausgerechnet in Dänemark, dem Land, auf das die Deutschen all ihre Heile-Welt-Sehnsucht projizieren. Der Wohlfahrtsstaat wird nach wie vor bewundert. Doch auch der dänische Staat ist sparsamer geworden. So wurde das Gesundheitswesen reformiert, die Politik nennt das »schlank und effizient gemacht«. Mit 16 Jahren entscheidet jeder Däne, in welcher von zwei Leistungsgruppen er krankenversichert sein möchte. Wählt er Gruppe 1, muss er sich im Krankheitsfall zunächst an stets denselben Arzt in seiner Gemeinde wenden nahezu alle Behandlungskosten übernimmt die öffentliche Hand. Wählt er Gruppe 2, ist er auf keinen Arzt festgelegt muss dafür aber einen Teil der Kosten tragen. 98 Prozent der Dänen sind in Gruppe 1 versichert. Diese Konzentration auf das Hausarztprinzip hat zur Folge, dass kleinere Hospitäler zusammengelegt werden konnten, was wiederum bedeutet: In Dänemark sind die Kliniken nicht mehr für die Diagnose gemacht, sondern für die Behandlung.
»Der Weg vom Patienten zum Helfer wird immer länger«, sagt dazu der in diesen Tagen oft zitierte Erik Bach von der patientforeningen. Bachs Aussagen verlieren jedoch an Seriosität, sobald man weiß, dass sein »Patientenverband« finanziell von der Lobby dänischer Privatkliniken unterstützt wird. Fast könnte man sagen, der Tod seiner Mieterin vor einem öffentlichen Krankenhaus passe ihm politisch ins Konzept.
Dennoch bleibt die Frage berechtigt: Wenn ein Touristenpaar das dänische Gesundheitssystem nicht versteht muss dieses System nicht trotzdem reagieren können?
Mediziner und Gesundheitspolitiker in Ringkbing antworten darauf derart kühl, dass man den Eindruck hat, sie hätten den Effizienzgedanken schon tiefer verinnerlicht als den hippokratischen Eid. » Wir haben geholfen, wie wir zu helfen pflegen«, hat der am Todestag einzig diensthabende Arzt ausrichten lassen. Und Bent Hansen, ein für Gesundheitspolitik zuständiger Regionalpolitiker, sagte gar: »Es ist doch nicht so, dass unsere Touristen sterben wie die Fliegen.«
Man würde all das nicht glauben, stünde an diesem regennassen Morgen vor dem Krankenhaus von Ringkobing nicht ein Polizeiwagen.
- Datum 30.04.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.22
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