Kein Vorbild
Nur eine Provinzposse? Kürzlich ließ die Badische Zeitung in Freiburg die Leser wissen, dass der von ihr gestiftete Gerhard-Ritter-Preis, mit dem seit 1989 alle zwei Jahre hervorragende historische Arbeiten ausgezeichnet wurden, nun unter dem neuen Namen Badische-Zeitung-Preis vergeben werden soll, und zwar an junge Forscher in allen Geisteswissenschaften. Begründet wurde die Umwidmung damit, dass der bekannte Freiburger Historiker Gerhard Ritter, der dem Widerstand gegen Hitler angehört hatte und wegen seiner Kontakte zu Carl Goerdeler im November 1944 verhaftet worden war, eine »aristokratische Staatsform« befürwortet und »die Schwäche der Weimarer Republik in einer überbordenden Demokratie« gesehen habe. Das aber passe nicht zur Grundhaltung der Zeitung.
Gegen die Entscheidung regt sich Protest. » Soll nun auch noch die Erinnerung an Gerhard Ritter ausgelöscht werden, weil er unseren gegenwärtigen Vorstellungen von Demokratie nicht entspricht?«, fragten besorgte Freiburger Bürger. Und Günther Gillessen pflichtete ihnen in der FAZ bei: »Welcher Mann des 20. Juli ist uns noch gut genug?«
Tatsächlich könnte, wenn wir die repräsentative parlamentarische Demokratie westlichen Zuschnitts zum Maßstab nehmen, kaum ein Hitler-Gegner bestehen, nicht einmal die Kreisauer um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, deren Verfassungsentwurf eine merkwürdige Mixtur aus basisdemokratischen und autoritären Elementen darstellt. Die gescheiterte erste deutsche Demokratie stand den Männern vom 20. Juli deutlich vor Augen - ein Zurück zu Weimar sollte es nicht geben.
Insofern ist den Kritikern zuzustimmen. Gleichwohl besteht zur Empörung kein Anlass. Denn es war von vornherein ein Fehler, einen Historiker-Preis mit dem Namen Gerhard Ritters auszustatten. Der Kriegsfreiwillige von 1914 zählte zu den typischen Vertretern der Frontkämpfergeneration unter den deutschen Historikern, die zur Weimarer Republik von Anfang an auf Distanz gingen, den »Schandvertrag« von Versailles anprangerten und im Kampf gegen die sogenannte »Kriegsschuldlüge« alle demagogischen Register zogen.
Auch Ritters Haltung zum Nationalsozialismus war, wie Christoph Cornelißen in einer großen Biografie von 2001 nachgewiesen hat, nicht frei von Ambivalenzen und Widersprüchen: Begeisterte Zustimmung zu den außenpolitischen Erfolgen Hitlers verband sich mit einer ebenso entschiedenen Kritik am Totalitätsanspruch des Regimes. Besonders unrühmlich in Erinnerung wird bleiben, wie Ritter, der nach 1945 zum einflussreichsten Historiker der jungen Bundesrepublik aufstieg, in den frühen sechziger Jahren gegen Fritz Fischers Buch Griff nach der Weltmacht zu Felde zog bis hin zu dem Versuch, im Zusammenspiel mit dem Auswärtigen Amt eine Vortragsreise Fischers in die USA zu verhindern.
Gerhard Ritter war eben nicht nur ein Mann des Widerstands. Vielmehr verkörperte er wie kaum ein Zweiter auch die fragwürdigen Traditionen der nationalkonservativen deutschen Geschichtsschreibung. Ein Vorbild für junge Historiker kann er nicht sein, eher ein warnendes Beispiel.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.61
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



