Belletristik Der alte Mann und das Buch
Mit seinem Schriftstellerroman »Tagebuch eines schlimmen Jahres« macht der südafrikanische Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee zum ersten Mal alle glücklich – die Postmodernisten und die Traditionalisten
Seitdem sich die Idee, dass Kunst innovativ zu sein habe, auch beim bürgerlichen Publikum durchgesetzt hat, findet man in allen Sparten das Phänomen der kalkulierbaren Provokation, der erwartbaren Avantgarde. Sie wird von den Medien geschätzt, und das Publikum erfreut sich in der Betrachtung routinierter Tabubrüche der eigenen Aufgeschlossenheit. In der bildenden Kunst steht dafür das Werk des pompösen Blutkünstlers Hermann Nitsch, auf dem Theater füllt Christoph Schlingensief diese Position aus, und in der Literatur gibt es die sich seit dreißig Jahren wiederholenden, längst mit Staatspreisen bedachten Protagonisten der Wiener Gruppe. Die echte Avantgarde erkennt man im Gegensatz dazu nach wie vor und immerdar an der Ratlosigkeit der Kritiker. J. M. Coetzee, der vielleicht bedeutendste experimentelle Romancier unserer Tage, ein Schriftsteller existenzieller Düsternis und formaler Überraschung, löst sie zuverlässig mit seinen Romanen aus – auch wenn die meisten davon kurz nach dem Erscheinen schon als Klassiker galten.
In Coetzees Werk gibt es zwei Hauptlinien. Da sind jene Bücher, die wie Leben und Zeit des Michael K., Eiserne Zeit, die beiden Autobiografiebände Der Junge und Die jungen Jahre und das düstere Meisterwerk Schande im Zeichen eines brutalen Realismus stehen; sie sind gewaltsam bis an den Rand der Erträglichkeit, stärker noch als die physische Grausamkeit wirkt aber die Dunkelheit ihres Weltbilds. Auf der anderen Seite stehen seine Bücher, die sich mit dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, von Autor und Erfindung beschäftigen, darunter der Schriftstellerroman Der Meister von Petersburg, in dem Dostojewski im Tod seines Stiefsohnes den Keim für seine Dämonen findet, der kryptische Kurzroman Mrs. Barton, Mr. Cruso und Mr. Foe, eine Fantasie über Daniel Defoe und die Entstehung des Robinson Crusoe, bis hin zu Elizabeth Costello, einem Buch, dessen erzählende Elemente eingebettet sind in die Vortragstexte einer fiktiven Autorin und Aktivistin für Tierrechte. Ein Teil der Kritiker sah in Elizabeth Costello ein kühnes Meisterwerk, ein anderer warf Coetzee mangelnden Mut zur Erfindung vor, es störte offensichtlich viele Rezensenten, dass ein Buch, das so dezidiert die Romanform infrage stellte, kein Roman war.
Noch deutlicher zeigte sich dieses Reaktionsmuster bei Coetzees nächstem Buch, Zeitlupe . Mit diesem Buch griff Coetzee das inzwischen nicht mehr ganz neue postmoderne Motiv des im eigenen Roman agierenden Autors auf, nahm dieses aber in bislang unerhörter Weise ernst. Hier floss alles in eins: die realistische Erzählung mit der Reflexion über das Erzählen an sich, das psychologische Porträt und das postmoderne Experiment. Die beiden Hauptlinien von Coetzees literarischem Werk hatten zusammengefunden.
Eine Frau tritt auf, und schon wird alles schöner und wahrhaftiger
Und die Kritik? Sie war befremdet. Die Radikalität von Coetzees Experiment zeigte sich wieder einmal darin, dass es gar nicht als Experiment wahrgenommen wurde. In dieser Hinsicht ist es vielsagend, dass Coetzees neuer Roman Tagebuch eines schlimmen Jahres mit so breiter Zustimmung aufgenommen wurde wie keines seiner Bücher seit Schande. Denn diesmal liegt die Art des Experiments offen vor Augen – nach Elizabeth Costello und Zeitlupe ein Schritt wohl nicht zurück, aber doch weg vom Rätselhaften, vom irritierenden Bruch der Genres.
Die Handlung ist schnell erzählt. Ein weltberühmter Autor wird von einem deutschen (!) Verlag eingeladen, einen Beitrag zu einer Essaysammlung zu leisten. Er beschließt, sich in kurzen Texten über den Staat, die politische Ordnung, die Weltpolitik, ja sogar Harold Pinter zu äußern. Er ist alt, müde und wütend über die Dinge, die in der Welt passieren – George Bush, Guantánamo, die Aufhebung bürgerlicher Freiheiten –, und er möchte kein Blatt vor den Mund nehmen. In der Waschküche seines Wohnhauses trifft er Anya, eine attraktive junge Frau, die mit ihrem Freund Alan ein paar Stockwerke unter ihm wohnt. Er engagiert sie, um die Tonbänder mit seinen diktierten Essays zu transkribieren. Anya versteht seine wahren Absichten durchaus, sie weiß auch, dass er ihre Hilfe in Wirklichkeit gar nicht braucht; doch sie spielt mit.
Das zentrale Mittel des Buches wird sofort offenbar: Coetzee teilt die Seiten horizontal durch Abtrennungsstriche. Während im oberen Teil die Essays stehen, liest man auf dem unteren den Bericht des Schriftstellers über seine Begegnungen mit Anya. Und wenn man sich gerade daran gewöhnt hat, fügt Coetzee eine dritte Ebene hinzu: zunächst Anyas spöttische Kommentare über des Autors Person und Meinungen, dann die Gespräche zwischen ihr und ihrem Freund Alan, einem zynischen Finanzmann, der die Gelegenheit benützen möchte, um auf dem Computer des Schriftstellers Spyware zu installieren und dessen Bankkonto auszuräumen.
- Datum 03.05.2008 - 04:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
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Ja, es ist manchmal lästig, wenn wir unsere lauten Selbstgespräche, in denen wir die andern verfluchen, vom Wohnzimmer in die Öffentlichkeit verlegen: Ständig mischt sich jemand hinein.___________________
Lyriost – Madentiraden
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