Kerim ist ein irakischer Kurde. Das ist ein Schicksal. Aber was heißt das? Kerim ist der Sohn eines Gastwirts, den Geheimdienstleute Saddam Husseins ermorden. Er ist der Gefangene von islamistischen Gotteskriegern, die ihn in ihre tödliche Kunst einführen. Er ist der Flüchtling, der als Schiffbrüchiger vor die Tore Europas kommt. Er ist der Asylbewerber, der in Berlin um Aufenthaltsrecht kämpft. Er ist der junge Ausländer, den eine deutsche Studentin zum Zeitvertreib vernascht. Er ist der Muslim, der im Westen erst zu seinem Glauben findet. Er ist der Entflohene eines Schicksals, den seine Heimat wieder einfängt, als die Gotteskrieger ihn in Deutschland aufspüren und für seine Flucht bestrafen. Wer wissen will, was überhaupt ein Schicksal ist, der möge dieses Buch lesen.

Natürlich ist dieses Schicksal, wie alles, was in Romanen steht, ein erfundenes Schicksal. Natürlich hat es nicht Gott oder die Vorsehung geschickt, sondern der Autor. Natürlich ist der Faden, auf den sich die unerhörten Begebenheiten und gespenstischen Zufälle reihen, aus dem Stoff der epischen Kunst. Aber alle diese Einwände verfangen nicht gegen die ungeheure Plausibilität, die Sherko Fatahs Roman Das dunkle Schiff entfaltet.

Es ist von allem ein bisschen viel, aber es ist möglich. Es ist ein Abenteuerroman oder vielleicht ein Schelmenroman, sein Held ist ein Simplicius, ein Candide, der von allem, was er erlebt, weniger versteht als der Leser. Aber man glaubt, man sieht und hört und riecht alles, was ihm widerfährt. Die Schwaden von Hammelfett, die durch das Gasthaus des Vaters ziehen. Die verbrannten Berge, die Felshöhlen, in denen die Gotteskrieger hausen. Die wacklige Spielzeugfernsteuerung, mit der sie die lebende Bombe zünden. Die Öde und die Trockenheit auf dem griechischen Eiland, an dem Kerim strandet, die Überfülle und Feuchtigkeit Berlins. Die deutsche Studentin, die ihn so exotisch-appetitlich findet. Die Anziehungskraft eines Glaubens, der von allem Überfluss und aller Verführung erlöst. All das, so wenig opulent, so karg und nüchtern es erzählt wird, hat die Überzeugungskraft des Realen.

Wahrscheinlich ist das der entscheidende Kunstgriff des Autors. Ein Protokoll der Wirklichkeit ist immer nüchtern und karg; die Wirklichkeit muss nicht ausgeschmückt werden, denn sie ist ja schon da. Deshalb sind wir geneigt, dem schmucklos Erzählten höhere Glaubwürdigkeit zuzubilligen, und damit arbeitet Sherko Fatah. Seine Erzählungen sind so einfach und klar, er hält sich so asketisch fern von allem literarischen Brimborium, dass man ihm die Häufung spektakulärster Begebenheiten glaubt, als seien es tatsächlich Funktionen eines mit Notwendigkeit abschnurrenden Uhrwerks, das man auch Schicksal nennen kann.

Um richtig zu würdigen, was er damit leistet, muss man allerdings wissen, dass er ein deutscher Schriftsteller ist. Er ist zwar kurdischer Herkunft, aber 1964 in Berlin geboren, in Deutschland Ost und in Deutschland West aufgewachsen, ein Zögling unserer Sprache und Literatur. Und dieser nun ist das Erzählen von Abenteuern, von echten, gefährlichen, tödlichen, schlimmen Abenteuern seit Menschengedenken nicht mehr vertraut. Es gab in der jüngeren deutschen Literatur keinen Victor Hugo, keinen Robert Louis Stevenson, die vorgemacht hätten, wie man das Erfundene durch Recherche, durch Fantasie und minutiösen Nachvollzug in etwas verwandeln kann, das mehr ist als ein Trivialroman. Bei Stevenson gibt es das, die Schilderung einer Treppe beispielsweise, auf der jemand umkommen soll, einer brüchigen, dunklen, modrigen, kunstvoll manipulierten Treppe, die Stufe für Stufe geschildert wird bis zu jener letzten, die entfernt wurde, damit einer tödlich stürzt. Aber wo gibt es das in der deutschen Literatur? Das Abenteuerliche in der hohen Kunst?

Jetzt gibt es das, bei Sherko Fatah. Zu den unvergesslichen Episoden gehört seine Schilderung des Schiffes, auf dem Kerim als blinder Passagier übers Mittelmeer zu kommen trachtet. Die Dunkelheit des Frachtraums, die Röhren und Leitungen, an denen er sich entlangtastet, die Öllachen, durch die er kriecht, die Schemen der Besatzung, die manchmal hinter Bullaugen aufschimmern. Nichts davon wird pauschal und mechanisch erzählt, aber es wird auch nichts geschmückt und drapiert. Es gibt keinen sprachlichen Aufwand, aber alles ist durchpulst und belebt, jede Bewegung, jeder Schritt, jede Furcht, jede Erleichterung. Der peinlich genaue Nachvollzug, das ist hier die literarische Leistung.