Briefwechsel Gespräche, schriftlich
Die Briefe von Uwe Johnson, Anna und Günter Grass erzählen Geschichten von Freundschaft
So schöne Briefe hat man schon lange nicht mehr gelesen. Zwei Schriftsteller, ostdeutsch geprägt der eine, westdeutsch der andere, merken rasch, dass sie gut miteinander können – als Autoren, fantasiebegabte Erzähler, realistische Träumer. Der aus dem Osten, aus der Kaschubei hinter Danzig kommende Günter Grass, 1927 geboren, versucht, dem 1934, auch an der Ostsee, im pommerschen Cammin geborenen Uwe Johnson, der im Sommer 1959 aus der DDR nach Westen geflohen (nein: »umgezogen« ist – darauf besteht der auch hier pingelige Johnson) bei der Eingewöhnung in die Bundesrepublik behilflich zu sein.
Bei der Buchmesse 1959 in Frankfurt haben beide ihren großen Auftritt: Die Blechtrommel und Mutmaßungen über Jakob, neben Bölls Billard um halb zehn. Eine neue deutsche Literatur ist geboren.
Gleich hilft Grass, Genie der Freundschaft, dass der junge Kollege, Autor erst eines Buches, etwas zu verdienen bekommt. Grass nimmt den damals so gut wie unbekannten Schriftsteller auf ins Herausgeber-Gremium der damals geplanten internationalen Zeitschrift (neben Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Heißenbüttel, Walser) – wichtiger: Grass sorgt dafür, dass Johnson als Redakteur für die deutsche Sektion bestellt wird, also nicht nur für Texte, sondern auch für Büroarbeit Honorar erhält.
Mit dem ihm eigenen Fleiß nimmt sich Johnson, der an seinem zweiten Roman (Das dritte Buch über Achim) sitzt, der Sache an und schreibt Rundbriefe, auch an die Verlagspartner in Italien und Frankreich. Dass das Unternehmen im Dornendickicht dreier Verlage scheitert, 1962/63, als »Europa« noch Vision ist – am Redakteur Johnson hat es nicht gelegen.
Viel beschäftigt sich der Briefwechsel beider Autoren mit solchen Verlags- und Zeitungsproblemen, etwa dem damals von Grass, Sebastian Haffner, Wolfgang Neuss, Klaus Wagenbach und anderen kritischen Autoren unterstützten Spandauer Volksblatt. Mit dem hofft der Verleger der kleinen Vorstadt-Gazette eine überregionale liberale Zeitung in der alten Hauptstadt zu etablieren, als Gegengewicht zu den Blättern des Berlin beherrschenden Springer-Konzerns.
Auch der Speiseplan wird mitgeteilt: 3 Kilo Fisch, Rehblatt, Kabeljau…
Da sind aber auch die privaten Geschichten, nicht nur die Grüße, die beide Freunde, inzwischen Nachbarn in Friedenau, stets der anderen Familie, den Kindern mitzuteilen nicht vergessen, sondern auch die deftigeren Sachen, mit denen Grass den Freund – und Leser – erfrischt: »Du weißt ja, ich liebe es, meinen Geburtstag zu feiern. Immerhin wiederholt er das einzige Datum, an das ich mich halten kann. So kamen fünfzig Leute, tranken, aßen und tanzten bis in den Morgen. Aber bevor es zur Speisung kam, mußte gekocht werden« – und mit Rabelaisschem Vergnügen zählt der Verfasser eines Butt-, eines Zwiebel- Buches auf, was er alles in seine Küche geschleppt hat: »5 Fasane, 6 Wildenten (es kamen aber Rebhühner), 3 Kilo Rotkalb, 2 Kilo Wildsau, 3 Kilo Rehblatt, 4 Kilo Fisch (Steinbutt, Rotbarsch, Kabeljau, 1 Lachskopf, Makrelen, Heilbutt).«
Auch diese Erinnerung an gemeinsame Zeiten der beiden Freunde, die fast im selben Haus am Schreibtisch sitzen, sind für den in der Bundesrepublik noch neuen Autor aus der DDR aufschlussreich. Bei einer von Grass angeregten gemeinsamen Lesereise nach Wuppertal, 1960, überkommt Johnson, ausgerechnet im pietistischen Städtchen an der Wupper, das Verlangen, »in eine richtige Nachtbar zu gehen«. Hat sich diesen Wunsch der Student in Leipzig, zu Messe-Zeiten, nie eingestanden oder später in Berlin? Freund Grass erweist sich auch hier als getreuer Impresario. Er »treibt« eine »Kneipe mit Nackttänzerinnen auf, die an den Brüsten Troddeln hatten und diese wild drehten. Eine Zirkusattraktion. Und Johnson starrte gebannt auf die Brüste und sagte: »Das ist also der Westen.«
Auch wenn man mit Johnson gut picheln konnte – an der Bar ist nicht sein Platz. Das muss Grass, wie fast alle, die mit Johnson zu tun hatten, unter Schmerzen lernen. Nach gewisser Zeit gehen alle – auch die besten – Verbindungen mit diesem »Ossenkopp«, wie man die Leute aus Mecklenburg-Vorpommern nennen darf, schief.
Grass schreibt eine Liebeserklärung an die Johnsons, damals in New York: »Will nicht verschweigen, wie sehr Ihr alle drei uns manchmal am Vormittag, so um die Frühstückszeit, aber auch am späten Abend ab 22 Uhr fehlt.«
Man muss Johnsons Antwort nicht überbewerten: Es bleibt doch die Verletzlichkeit eines offenbar mit wenig Liebe aufgewachsenen Menschen, der auf solche Lockung mit Abwehr und Schuldgefühlen antwortet: »Wir lesen etwas kleinlaut, dass wir euch nur am Vormittag und ab 22 Uhr fehlen; das kommt davon, dass wir euch nie zum Mittagessen eingeladen haben!«
Dann der Eklat, der (fast) zu allen Johnson-Beziehungen gehört. Grass empfiehlt, nach einer Sendung im Bayerischen Rundfunk, Johnson als Kenner der politischen und literarischen Verhältnisse in der DDR. Handeln nicht Johnsons erste Bücher davon?
Johnson schäumt, will mit der DDR in keinerlei Beziehung gebracht werden – obwohl er doch die besten Texte über die Veränderungen in der DDR gegenüber dem Westen gespürt und geschrieben hat. Gras reagiert souverän: »Dein Mißtrauen scheitert an mangelndem Vertrauen. Dieser Verlust wird mich nicht hindern, Dich in Deinen Büchern zu schätzen…«
Danach: Schweigepause, vier Jahre lang. Die Hand reicht, wieder, Grass. 1977. Lädt ein zu seinem fünfzigsten Geburtstag.
Überhaupt zeigt sich Grass hier von überwältigender Freundlich- und Freundschaftlichkeit. Wenn man bedenkt, wie sein jüngstes Buch, Beim Häuten der Zwiebel, niedergemacht wurde – ein Tiefpunkt deutscher Literaturkritik –, nur weil der Autor, in einem seiner besten Erzählwerke, nicht verschwiegen hat, dass er, als Fünfzehnjähriger! den Propaganda-Sprüchen der Nazis geglaubt hat – wie die Vätergeneration – und zur Waffen-SS eingezogen wurde, dann sollte daran gedacht werden, dass der damals noch keineswegs üppig verdienende Vater einer Großfamilie das Geld, das er erworben hat bei Werbeveranstaltungen für die Wahl von Willy Brandt, gespendet hat für den Aufbau von Bibliotheken zu je 350 Bänden in sechs Bundeswehr-Bataillonen. Den Katalog dafür stellte, auf Wunsch von Grass, Uwe Johnson zusammen.
Was macht Grass, 1977, als er merkt, wie elend es dem – immer noch – Freund geht, der an einer Schreibhemmung leidet und den letzten, vierten Band des großen Romans Jahrestage vielleicht nicht mehr zustande bringt? Schreibt an Johnsons Verleger Siegfried Unseld, »heftig besorgt«, was Johnsons »Gesundheitszustand und seine trotzige Vereinzelung betrifft«. Grass, der gegenüber dem Großverleger kleine Autor, rät zu einem »Reisestipendium« für Johnson in New York. Dort hat sich Johnson immer wohlgefühlt. Grass bietet an, »sich gern an der Finanzierung des Stipendiums zu beteiligen« – wovon der »stolze« Johnson, natürlich, nie etwas erfahren durfte.
In diesem Band lassen sich einige der schönsten Texte Johnsons finden
Das klingt bedrückend – dabei haben wir einen lebendigen, bezaubernden Briefwechsel vor uns. Das verdanken wir der Tänzerin aus der Schweiz, Anna Grass, 1932 geboren, Mutter von Grass’ Kindern aus erster Ehe. Was man kaum glauben möchte: Die leichtfüßige Frau aus Lenzburg, der schwerfällige, wenn nicht schwermütige Kerl aus Pommern, der als Erzähler so wunderbar ironisch leicht sein kann, verstehen sich aufs Beste. Hier sind zu lesen: einige von Johnsons schönsten Texten – in Briefform.
Anna kommt zum Schreiben nur auf längeren Zugfahrten oder im Flugzeug. Solche Briefe schätzt der unter Einsamkeit leidende Uwe. Es entsteht ein zartes Gespinst von Anspielungen: Anna erzählt, dass das Boot in der Schweiz, an dem sich Grass abmüht, einen Johnson-Motor hat, und dass die höchste Erhebung auf Sylt »Uwe-Düne« heißt. Johnson berichtet aus New York von der taubstummen Frau, die ihm ein Alphabet für die Zeichensprache von Taubstummen verkauft: »A = Faust mit aufliegendem Daumen; N = locker gekrümmte Hand mit eingeschlossenem Daumen…«
Und daneben: die – wie oft bei Johnson – frei schwebende Weiterentwicklung eines Menschen zur dichterischen Figur. Anna und Uwe, die beide auch gern im Kino beieinander sitzen, landen eines Tages in Bickford’s Coffee Shop an der 47. Straße. Was nun mit der Serviererin passiert, heißt sie wirklich Joan, ist sie rothaarig oder doch brünett, gehört zum Zauber dieses Erzählbuchs, das dieser Briefwechsel auch ist.
- Datum 07.05.2008 - 05:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren