EDITORIAL Liebe Leserin, lieber Leser,
Anfang April, Semesterbeginn in Berlin. Jetzt müssten die neuen Uni-Kurse belegt werden - wer zu spät kommt, bleibt draußen vor der Hörsaaltür. Doch die Studentin ist mit den Eltern im Frühlingsurlaub am Mittelmeer. Kein Problem: Sie loggt sich mit ihrem Laptop im »Campus Management« der Universität ein. Genauso würde sie es tun, säße sie jetzt nicht in der Sonne, sondern im verregneten Berlin. Denn die gesamte Kommunikation mit der Universität läuft inzwischen online.
Die Professoren stellen die Texte in ein elektronisches »Blackboard«, die Studenten schicken ihre Hausarbeiten per E-Mail an die Professoren - die Noten kommen ebenfalls per E-Mail zurück.
Nur ein Beispiel, wie das Internet unseren Alltag verändert, wie selbstverständlich es für uns alle geworden ist. Internet, das heißt Tempo, Bequemlichkeit, unendliches Wissen, Allgegenwart, vieltausendfache Wahlmöglichkeit. Und die neue Macht des Verbrauchers, der alles testet, vom Hotel bis zum Restaurant, und der alle benotet, die Lehrer, die Ärzte, die Anwälte.
Das Netz hat unsere Welt in einem Maße revolutioniert wie die Erfindung des Buchdrucks oder die Spaltung des Atoms. Es ist das Treibrad der Globalisierung. Es erlaubt unseren Konzernen, die Buchhaltung über Nacht in Indien erledigen zu lassen. Und es steigert die Geschwindigkeit, mit der die Schockwellen der Finanzkrise um den Globus rasen.
Das Internet ist das Betriebssystem unserer modernen Gesellschaft. Die Tochter hat schon lange keinen Brief mehr geschrieben. Aber täglich loggt sie sich bei StudiVZ ein, wo sie ihre gut zweihundert »Freunde« trifft. Und der Vater liest zwar immer noch seine neun Tageszeitungen - aber zwischendurch schaut er schnell mal bei Spiegel Online vorbei.
Vom Netz abhängig sind längst beide.
In dieser und den beiden folgenden Wochen geht die ZEIT in drei Sonderheften zum Thema Internet der Frage nach, wie das Netz unseren Alltag, unsere Gesellschaft und unsere Kultur verändert. Wir schildern Segen und Fluch des Netzes: die Bereicherung durch ein unerschöpfliches, jederzeit abrufbares Wissensreservoir und den Terror der ständigen Erreichbarkeit. Wir zeigen, wie gut es ist, rund um den Globus kommunizieren, Musik, Bilder und Filme austauschen zu können und wie problematisch es werden kann, wenn wir im Netz für die digitale Ewigkeit unsere Spuren hinterlassen.
Wer hat die Macht im Internet? Wo vernichtet das Netz Arbeitsplätze und wo schafft es neue? Entscheidet die Mobilisierung im Internet künftig Wahlen? Sprengt die subversive Kraft des Netzes die Fesseln von Zensur und Diktatur? Wie schützen wir unsere Kinder und uns vor Trash, Gewalt und Pornografie? Wie davor, ausgespäht zu werden?
Schafft das Netz den passiven oder den partizipierenden Bürger? Lässt es die Künste erblühen, oder entzieht es ihnen die wirtschaftliche Grundlage? Dies und mehr beschäftigt uns in unseren drei Internet-Spezialen.
Die Medien selbst sind das beste Beispiel dafür, wie das Netz alles umstürzt. Weil die tägliche Zeitungslektüre längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, überdenken viele Verlage ihr Geschäftsmodell. » Online first« heißt es in immer mehr Redaktionen.
Die Politiker beginnen die Blogger mehr zu fürchten als die Leitartikler.
Zugleich entdecken wir: Unser Problem ist nicht mehr der Mangel, sondern der Überfluss an Information. Irgendjemand muss Navigationshilfen in der Nachrichtenflut anbieten, das Wichtige vom Unwichtigen trennen, der relevanten Meinung im Gebraus der Nichtigkeiten Gehör verschaffen. Journalisten haben dies gelernt. Sie machen es dem Bürger leichter, indem sie das Weltgeschehen auf die 15 Minuten einer Tagesschau oder auf die 100 Seiten einer ZEIT-Ausgabe verdichten.
Auch unter den drei großen W des World Wide Web gelten weiterhin die sechs klassischen W des Zeitungsjournalismus: Wer? Wann? Wo? Was? Wie?
Warum? Und doch wird alles anders. Nicht nur in den Medien. Auch in der Politik, in der Wirtschaft und in der Kunst. Und im Leben eines jeden Einzelnen.
Was da gerade geschieht, versuchen wir in den drei Internet-Spezialen der ZEIT, die von einem breiten Themenangebot bei ZEIT online begleitet werden, zu beschreiben. Wobei sich wieder einmal zeigt, wie sich Wochenzeitungsgründlichkeit und Onlinevielfalt auf geradezu ideale Weise ergänzen. Deshalb: »Online first«? Kann sein. » Print forever«? Aber sicher.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen Ihr Matthias Naß.
INTERNET SPEZIAL.
Teil 1 diese Woche: Wie das Internet unser Leben verändert.
Teil 2 am 8. Mai 2008: Wie das Internet unsere Gesellschaft verändert.
Teil 3 am 15. Mai 2008: Wie das Internet unsere Kultur verändert.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.I02
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