Kunstmarkt Lucian Freud ist der besessenste Maler des Fleisches. Auch der teuerste? Bei der Versteigerung dieses Porträts einer dicken Frau wird es sich zeigen
Jeder Leib ist grotesk und sündenbefleckt, er ist »niemals fertig, niemals abgeschlossen. Er schlingt die Welt in sich hinein und wird selber von der Welt verschlungen. Die wesentliche Rolle im grotesken Leib spielen deshalb jene Teile, jene Stellen, wo er über sich hinauswächst.« Das schrieb der russische Philosoph Michail M. Bachtin über das voraufklärerische Verständnis vom Körper. Der Körper galt einst nicht als geschlossen, war nicht anmutig befriedet, nicht homogen, sondern monströs: fett, stinkend, schwanger, krank, unebenmäßig und sexualisiert. Die Extremitäten ragten gewissermaßen über ihn hinaus. Derart von ihm geplagt, wartete der Mensch nur darauf, vom Christengott erlöst zu werden.
Je gottloser die Zeiten, umso glatter und makelloser die Körper, die im Diesseits ihre Herrlichkeit unter Beweis stellen müssen. Das Körperbild des klassischen Zeitalters, das in der Werbeästhetik der Gegenwart sein beharrliches Weiterleben führt, bricht mit konsequenter Leidenschaft seit Jahrzehnten der 85-jährige Brite Lucian Freud auf, ein Enkel des berühmten Sigmund, der, wie gesagt worden ist, »besessenste Maler des Fleisches«. Nackte Männer, nackte Frauen, Hunde, sie fläzen sich auf zerwühlten Laken, Körperlandschaften aus Schmutz, Schweiß, Haar, Horn und Geschlechtsteilen. Freud sagt, er suche »durch die Haut das Blut und die Venen zu sehen«. Dass ihn die blauen Flecken, die wund geriebenen Stellen von Leibern interessierten und dass er den Menschen als »tierisches Wesen« begreife. Freud porträtierte bereits die Queen (sehr streng) und Kate Moss (sehr schwanger). Ausgerechnet ein Model wurde ihm Sinnbild des grotesken, des schwitzenden, des charlotterochehaften Menschengeschlechts. Wie das Bild dieser dicken Frau, das vom Auktionshaus Christies am 13.
Mai in New York für die Rekordsumme von bis zu 30 Millionen Euro versteigert werden soll. Sue Tilly heißt übrigens die Abgebildete, eine Sachbearbeiterin des britischen Sozialministeriums, die sich 1995 von Freud porträtieren lassen hat.
Man spottet ein bisschen darüber, dass Tilly nur umgerechnet 25 Euro Honorar für eine Sitzung bei Freud erhielt. Das sei ungerecht. Und man schrieb, dass Freud, wie immer, so furchtbar erbarmungslos vorgegangen sei, all das Fleisch usw. Erbarmungslos? Sue Tilly ist da anderer Meinung, das Bild gefalle ihr, sagte sie, ja mehr noch, sie empfinde sich darauf als schön. Freud sagte einmal etwas Ähnliches, er empfinde Maler wie da Vinci als schlecht, da sie zu wissen glaubten, was schön sei. Die Makellosigkeit vermag es bei Freud jedenfalls kaum zu sein.
Ein jeder Engel ist schrecklich.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.M42
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