MEIN MENSCH DER WOCHE
Ich habe ihn schon lange nicht mehr im Nachbargarten gesehen. Früher saß er bei gutem Wetter im Liegestuhl - mit weißem Hut, im Arm die Gitarre und komponierte. Oder er lag nach einer Tournee auf einer Decke den Hut jetzt über dem Gesicht und schlief. Sinnbild der Erschöpfung von Menschen, die sich in der Musikbranche verausgaben. Im Haus neben unserem wohnt der Sänger Jan Plevka mit Familie. In den neunziger Jahren stürmte er mit der Rockband Selig die Charts, 1998 zog er sich ausgepumpt vom Erfolg aus dem Showbiz zurück. Später sang er in der Band Tempeau und suchte neben uns Ruhe in der schleswig-holsteinischen Idylle. Jetzt sehe ich Plevka vor allem im Fernsehen. Er singt in der Berliner U-Bahn eine Oper. Mozart. Er, dessen krähende Stimme zu Brechtliedern passt, gibt in der Zauberflöte den Papageno. Seine Bühne ist der UBahnhof Bundestag, sein Papageno ist kein Vogelhändler, sondern ein Punk, ein Tagedieb, seine musikalische Begleitung sind die Berliner Symphoniker.
Vier Wochen lang. Es folgt: die Erholung im Garten.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.22
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