Machtschattengewächse
Wenn Kurt Beck nicht beleidigt ist, schmollt er zunächst in seinen Bart hinein, verweist dann grollend darauf, dass ein wenig Objektivität in der Bewertung der Inhalte doch nicht der größte aller Fehler sein könne, beklagt daraufhin, dass bei ihm ja eh schon Hopfen und Malz verloren seien, und sagt dann: »Ich bin nicht beleidigt.« Und wenn ihn etwas eine Zeit lang richtig gewurmt, er das Wurmende dann aber verarbeitet hat, verkündet er der Süddeutschen Zeitung, dass es ihm nun »irgendwo am Hemd vorbei« gehe, dass er jetzt »mit einem gewissen inneren Amüsement« lese, wie »Leute mich beurteilen, die mich nicht kennen«, und sagt dann: »Es hat mich eine Zeit lang richtig gewurmt, aber inzwischen habe ich das verarbeitet.« Und im Satz darauf: »Ich weiß schon, wann die Berliner Journalisten ihre Blöcke zücken, auf was sie warten.«
Gewurmt, verarbeitet, nicht beleidigt so sieht das Beck. Eine beleidigte Leberwurst, die nicht aus ihrer Pelle kann so sehen das die Berliner Journalisten.
Nun neigen die Berichterstatter aus der Hauptstadt dazu, ihr eigenes Verhalten deutlich milder zu beurteilen als das der Politiker, über die sie schreiben. Im vergangenen Bundestagswahlkampf zielte die Mehrheit der Journalisten so meilenweit am Empfinden der Leute vorbei, dass sie das Ergebnis am Wahlabend nur mit dem Fernglas erkennen konnten. Anschließend schauten sie entschieden nach vorn.
Selbstkritik? Etwas für chinesische Kulturrevolutionäre, aber doch nicht für die vierte deutsche Gewalt. Und hat Beck nicht recht, wenn er sich über die Vermittlung von strittigen Sachdiskussionen im Stil der Boxkampfreportage mokiert? Über das vereinfachende Sieger/Verlierer-Schema, über das Abgehobene eines Betriebes, der wenige Quadratkilometer im Herzen Berlins mit Deutschland verwechselt, über die Arroganz der Machtschattengewächse rund ums Kanzleramt?
Seit zwei Jahren ist Beck nun SPD-Chef. Seine anfängliche Neugier auf den Berliner Betrieb ist längst in entschiedene Ablehnung umgeschlagen. Der Pfälzer hat die Politikmaschine Berlin-Mitte als Heimstatt gehobener Heuchelei und gezielter Niedertracht kennengelernt. Er trifft Journalisten, die freundlich mit ihm reden und trotzdem böse über ihn schreiben. Er trifft Abgeordnete, die ihm freundlich applaudieren und trotzdem böse über ihn reden. Das empört ihn und macht ihn misstrauisch. Verständlich.
Trotzdem: Becks Wahrnehmung lässt Entscheidendes außen vor sein eigenes Auftreten. Beck unterstellt den Medien, ihn, den gebürtigen Steinfelder, als Provinzler darzustellen, der besser zur Weinstraße passt als nach Washington. Als einen Politiker, der mit Steinfelder Elle die Globalisierung bemisst. Doch nicht, dass Beck aus der Pfalz kommt, ist das Problem. Sondern, dass er in Berlin nicht ankommt. Bis heute hat er es nicht geschafft, zu vermitteln, was er eigentlich will als SPD-Chef und als möglicher Kanzler.
Die Provinz, das vermeintliche Übel, ist Becks eigentliche Stärke. Als er den SPD-Vorsitz übernahm, gab ihm die Provinz das, was Angela Merkel fehlte: Verwurzelung, politische Identifizierbarkeit, ein Fixpunkt in Zeiten des Umbruchs. Der »globale Bürgermeistertyp« (Karl-Rudolf Korte) verkörperte den idealen Gegenentwurf zu einer Kanzlerin, die gerade dabei war, sich als erste Gesamtdeutsche der Neuzeit zu erfinden. Heute schleppt sich Beck von Umfragetief zu Umfragetief und Merkel schwebt von Hoch zu Hoch. Ein Desaster, das Medien allein nie anrichten könnten.
Beck will so bleiben, wie er ist und das ist sein größter Fehler. Er lasse sich »nicht verbiegen«, er lasse sich »nicht brechen«, er bleibe »authentisch«. Beck antwortet auf seine eigene Beschleunigung, die der Aufstieg zum SPD-Chef mit sich bringt, wie viele SPD-Mitglieder auf die Beschleunigung der Welt: »Das haben wir ja noch nie so gemacht.«
Die Mitglieder sagten Nein zu Schröders Reformen und Beck sagt Nein zur Reform seiner selbst. Die Reden? Habe ich immer selbst geschrieben. Die Strategie? Nah bei den Menschen hat doch zu Hause auch funktioniert. Die Medien? Wer den Rundfunk nicht hat, hat halt den Mundfunk. Will er erfolgreich sein, muss Beck Berliner werden und Pfälzer bleiben.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.13
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