Stil Mieder
Früher schnürten sich die Frauen ins Korsett, um mit einer tollen Taille in die Ballnacht zu rauschen. Schade war, dass sie das Ende der Veranstaltung nicht immer bewusst erlebten, weil sie vorher in Ohnmacht fielen. In der Moderne konnten die Frauen endlich kräftig durchatmen aber nun ist schon wieder Schluss mit der Freiheit. Die Miederwaren sind wieder da.
Heute heißen sie allerdings »Shapingwear«, Formungskleidung. Vor allem Prominente setzen darauf. Rachel Zoe, die bekannteste Stylistin der Vereinigten Staaten, sagt über die Hollywood-Stars: »Sie sind die Ersten, die immer wieder betonen, dass sie keine Supermodels sind. Wir benutzen oft Miederunterwäsche, damit sie schlanker wirken.« Der Grund: An der Bilderfront ist der Perfektionsdruck stärker denn je.
Sämtliche roten Teppiche sind gesäumt von Fotografen, die ihre Linsen überallhin halten und ihre Bilder anschließend an Redakteure weitergeben, die gehässige Zeilen drunterschreiben, falls irgendwo etwas hängt oder beult. Dementsprechend wird alles zurechtgerückt und -gedrückt, was von der Ideallinie abweicht.
Das betrifft nicht nur die Hüften. Penelope Cruz hat in Volver einen Po-Push-Up getragen, eine Art Wonderbra für hinten. Der hat ihr so gefallen, dass sie ihn nun öfter auch im Alltag nutzt. Es gibt Strumpfhosen, die das Bein verschlanken und den Hintern liften, Bodys, die den Bauch wegdrängen. Im Angebot sind sogar Büstenhalter, die künstlich erigierte Brustwarzen schaffen.
Man kann also davon ausgehen, dass so manche prominente Frau, die sich von Galaabend zu Galaabend schiebt, unter dem feinen Stoff eine Art neuzeitlicher Ritterrüstung trägt, die verhindert, dass sie tags darauf in der Klatschpresse einen »süßen Babybauch« angedichtet bekommt, obgleich sie nur über ganz normale Röllchen verfügt.
Die gute Nachricht ist: Heute muss niemand mehr in Ohnmacht fallen.
Shapingwear wird nicht mehr unbarmherzig geschnürt, sondern ist aus elastischem Lycra. Das Material trägt sich gut und fühlt sich erstaunlich natürlich an, wenn jemand die perfekten Formen mal prüfend anfasst. Weiter lässt es ein Mensch, der derart präpariert ist, ja ohnehin nicht kommen. Den Moment, wenn alles das, was so mühsam in Form gebracht ist, wieder auseinanderfällt, möchte man doch lieber ganz alleine erleben.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.M44
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