TREFFEN Nackt unter Freunden
Es ist der 28. November 2007. Tag eins eines Selbstversuchs. Mein Name ist Götz Hamann, und ich bin dabei, mich zu entblößen. Ausziehen muss ich mich dafür nicht. Ich plaudere. Beschreibe. Gebe preis. Dies ist der Tag, an dem ich ein persönliches Profil bei Facebook anlege und Teil einer weltumspannenden Bewegung werde.
Man nennt Facebook ein Soziales Netzwerk, und es wächst schneller als jedes andere. Die meisten Nutzer kommen aus den USA, einige Hunderttausend auch aus Deutschland. Ende des Jahres 2008 könnte Facebook weltweit fast 200 Millionen Mitglieder haben bei 500 Millionen Dollar Umsatz. Das zumindest erwarten Experten bei Forrester, einer großen amerikanischen Marktforschungsfirma.
Bei Facebook muss ich als Erstes einen Lebenslauf ausfüllen: geboren am 11. Dezember 1969, männlich, studiert an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Direkten Zugriff auf diese persönlichen Daten hat erst einmal niemand außer Facebook. Aber es ist ja erst der Anfang.
Ich brauche noch ein Foto von mir irgendwas ohne Schlips
An diesem ersten Tag lasse ich noch viele Felder frei: Stehe ich auf Frauen oder Männer? Was denke ich politisch? Glaube ich an Gott? Meine Handynummer und Adresse soll auch niemand erfahren! Aber jedes Mal keimt die stille Frage, ob das in Ordnung ist. Oder verstoße ich gegen eine ungeschriebene Etikette, werde Außenseiter sein, sobald ich den ersten Kontakt zu jemandem suche? Später wird klar, viele machen es wie ich, wobei generell gilt: Je jünger jemand ist, desto mehr gibt er preis. Zu alt bin ich aber nicht. Immerhin. Facebook ist kein Kindergarten. Nicht einmal ein Jugendheim. 40 Prozent der Nutzer sind älter als 35 Jahre.
29. November. Lauter weiße Felder haben die Leute von Facebook eingerichtet. Sie signalisieren: »Du hast längst nicht genug von dir aufgeschrieben.« Meine Hobbys fehlen, welche Musik ich mag.
Beschreiben soll ich mich auch.
Oberflächlich betrachtet, ist Facebook eine Mischung aus Dingen, die es längst gibt: Die persönliche Seite kann wie ein schlichter Lebenslauf aussehen. Oder aber wie ein Poesiealbum. Facebook beinhaltet ein E-Mail-Programm. Ein elektronisches Adressbuch. Jeder muss sein persönliches Netzwerk aufbauen und abbilden, denn erst wenn Freunde und Kollegen mitmachen, bekommt Facebook einen Sinn. Und seit Millionen Menschen genau das tun, sind Soziale Netzwerke zu einem zentralen Ort der Kommunikation im Internet geworden. » Es scheint, als ob Soziale Netzwerke für viele eine Antwort auf die Erosion von Familie, Kirche, Vereinen und Parteien sind«, sagt Klaus-Peter Schulz, der zuletzt Deutschland-Chef der Werbeagentur BBDO war.
In meinem Facebook-Profil lassen mich derweil die leeren Felder gedanklich nicht los. Und so gebe ich doch Bücher an, die mir zuletzt gefallen haben: Das Beben von Martin Mosebach, Der Fürst von Niccolò Machiavelli. Andere Nutzer sind noch weitaus offener. Und deshalb könnten Facebook und Co. für die Werbetreibenden ein Paradies werden.
30. November. Jetzt gilt es. Schaffe ich es, ein Netzwerk aufzubauen?
Wer meiner Freunde oder von den Leuten, die für meine Arbeit wichtig sind, ist schon dabei? Nach und nach finde ich drei Dutzend. Einigen sende ich eine Nachricht, lade sie in mein Netzwerk ein. Unbedingt brauche ich noch ein Foto von mir. Irgendetwas ohne Schlips. Nicht zu leger, denn man findet zwar barbrüstige Männer, aber deren berufliche Kontakte sind sicher nicht die meinen.
Brust oder Hemd. Es ist eine der sozialen Grenzen, die man zieht. Und so könnte, wer auf all die persönlichen Daten der Sozialen Netzwerke zugreifen kann, einen außerordentlichen Überblick bekommen, wer die Jugend der Welt ist, wer die jungen Erwachsenen auf den ersten Stufen der Karriereleiter sind. Facebook kennt Namen, Alter, Wohnort, Ausbildung (meist Universität), über die Zeit auch Vorlieben und Interessen. Und Facebook kennt die persönlichen Netzwerke. So entsteht ein Muster der gesellschaftlichen Schichten und eine riesige Datenbank des Geschmacks.
Datenbanken wie die von Facebook gab es noch nie, weder in einem Land noch im internationalen Maßstab. Deshalb versuchen Wissenschaftler bereits, sie zu nutzen. Sie sehen Facebook als riesiges Labor für gesellschaftliche Zustände und Verhältnisse. Jason Kaufman von der Universität Harvard und Andreas Wimmer von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) haben beispielsweise angefangen, mit Hilfe von Facebook-Daten zu untersuchen, wie die persönlichen Bande den Geschmack beeinflussen. Das ist auch wirtschaftlich wichtig, denn Geschmack wird zu Konsum. Ist also Absatz. Umsatz.
Sicher werde ich in Kürze eine Anzeige von Amazon zu sehen bekommen, die mir den neuen Roman Der Mond und das Mädchen von Martin Mosebach anpreist.
1. Dezember. Zwei Kollegen schicke ich an diesem Tag eine Nachricht und lade sie ein, ein kleines Zusatzprogramm namens Foodfight mit mir zu spielen, was so viel wie Tortenschlacht heißt. Meine Lust auf kindische Gemeinschaft wird bitter enttäuscht. Bei Foodfight schickt man sich bloß briefmarkengroße Bildchen, auf denen Biobananen oder Schlagsahne zu sehen sind. Wie langweilig! Und albern! Aber bis ich das erkenne, habe ich noch mehr von mir preisgegeben. Wer die Rippchen werfen will, muss erst einige Marktforschungsfragen beantworten: Wie viel gebe ich für Weihnachtsgeschenke aus? Welche Jobbörse nutze ich im Internet? Welche Autoversicherung habe ich?
3. Dezember. Das mit der Tortenschlacht ärgert mich noch immer. Was macht der Entwickler dieses Programms eigentlich mit meinen Daten? Und Facebook erst?
5. Dezember. Ich bin nicht der Einzige, den die Frage umtreibt. Es hat sich eine Interessengruppe gegründet, die sich »Facebook, hör auf, in meine Privatsphäre einzudringen« nennt. Grundsätzlich gilt: Wer dem Sozialen Netzwerk aus den USA beitritt, darf sich der Werbung nicht komplett verweigern. Facebook kann die persönlichen Daten für Werbezwecke nutzen. Bei deutschen Angeboten können Nutzer genau das ausschließen.
Was zwischenzeitlich über 85000 Mitglieder gegen Facebook aufgebracht hat, geht viel weiter als normale Werbung. Es trägt den Namen Beacon Leuchtfeuer. Die Manager von Facebook haben Verträge mit 60 Internetanbietern. Darin steht, dass, wenn ein Facebook-Mitglied beispielsweise eine Kinokarte bei der Firma Blockbuster im Internet bestellt, dies in seinem Facebook-Profil angezeigt wird. Alle Freunde können das sehen und auch, ob man einen Flug bei Travel Ticker bucht, Filme bei Sony kauft oder Pornoartikel bei Redlight bestellt. Anfangs verweigerte Facebook sogar die Möglichkeit, diese Funktion auszustellen.
Erst nach wochenlangen Protesten lenkte die Firma ein, und Gründer Mark Zuckerberg entschuldigte sich für sein Leuchtfeuer: »Wir haben viele Fehler gemacht, als wir diese Funktion entwickelt haben. Und dann hat es zu lange gedauert, das Produkt anzupassen, nachdem uns so viele Nutzer geschrieben hatten. Ich bin nicht stolz darauf, wie wir mit der Situation umgegangen sind.« Zuckerberg ist 23 Jahre alt und hat Facebook vor vier Jahren während seines Harvard-Studiums entwickelt, und auch jetzt bleibt er seinem großen Ziel treu. Er will die persönlichen Daten der Mitglieder in ein maximal großes Geschäft verwandeln.
Neckermann schickt mir Werbung für Frauenpullover
Der Köder ist offenbar immer gleich Spaß haben. So sind Tausende von Spielen entstanden wie »Hast du Klasse?«, »Was für ein Trinker bist du?«, »Welche Filme magst du?«, »Wie hoch ist deine Lebenserwartung?«, »Was für eine sexuelle Persönlichkeit hast du?«.
20. Dezember. Verbraucher zu Botschaftern der eigenen Sache zu machen entpuppt sich als eines der interessantesten Werbeexperimente. Seit Längerem bin ich selbst Teil eines solchen: Es geht um MyMusic. Hier kann man unter Hunderttausenden von Liedern wählen. Zwar ist die Tonqualität schlecht. Aber für Computerlautsprecher reicht es. Und zu den meisten Liedern gibt es das passende Video. Im nächsten Schritt kann MyMusic mit der eigenen Musiksammlung verbunden werden, sofern diese auf dem Computer gespeichert ist. Spannend wird es, sobald Freunde das Gleiche tun. Dann kann man auch in deren Musik stöbern.
Kann sich Anregungen holen oder andere auf neue Musik aufmerksam machen.
Tatsächlich versucht MyMusic vor allem zu werben, indem es Nutzer darauf aufmerksam macht, was ihre Freunde hören. Ein anderes Mal werden Lieder aufgelistet, die unter allen MyMusic-Nutzern populär sind. Und dann wieder versucht MyMusic die Nutzer dazu zu bewegen, Freunden die eigene Lieblingsmusik zu empfehlen. All das soll zum Onlinekauf bewegen.
7. Januar. Facebook wird in Sachen Werbung noch eine Weile brauchen.
Neckermann schickt mir wiederholt Werbung für billige Turnschuhe und Frauenpullover.
8. Januar. Sechs Wochen dauert dieser Selbstversuch nun. Und am ehesten war er für mein Privatleben nützlich. Ich kann jetzt alle Musik hören, die ich will. Und das legal. Außerdem konnte ich die Weihnachtsfotos eines Freundes sehen, der im Ausland lebt. In Facebook hat er sie mir gezeigt, und auch deshalb werde ich wohl dabeibleiben.
Kurzfassung eines Beitrags aus der ZEIT vom 10.1.2008 - vollständiger Text unter www.zeit.de/2008/03/Facebook
www.myspace.com Größtes Soziales Netzwerk der Welt, bunt, chaotisch
www.xing.com Netzwerk für Geschäftskontakte, börsennotiert
www.studivz.de 5 Mio. Studenten gruscheln hier (grüßen und kuscheln)
www.schuelervz.de Für 2 Mio. Schüler Treffpunkt nach der Schule
www.poppen.de Deutsche Sozialnetze, Platz 14: Hier geht es ausschließlich um Sexkontakte
ZEIT ONLINE
Wie funktionieren Social Networks? Selbstversuche, audiovisuelle Kurztouren und Screencasts durch die wichtigsten Angebote
www.zeit.de/social-networks
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.I26
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