Im schleswig-holsteinischen Brodersby kann man die Folgen der europäischen Zukunftspolitik schon heute besichtigen. Zum Beispiel in der Biogasanlage von Axel Nissen. Da gärt ein Brei, aus dem Tausende Methangasbläschen platzen. Wie in einem blubbernden Sumpf. Nissen, der Sohn einer alteingesessenen Bauernfamilie, schaufelt täglich rund 30 Tonnen zerschredderte Maispflanzen in die Anlage, die die EU mit einem günstigen Kredit gefördert hat. Aus dem Gärungsgas wird im angeschlossenen Generator Strom. Die EU will, dass bis 2020 ein Fünftel des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird.

Dumm nur, dass einige dieser Energieträger eben auch essbar sind – während gerade Hungersnöte die Nachrichten bestimmen. Tragen die Brüsseler Subventionen etwa dazu bei, dass Menschen an Hunger sterben? Dumm auch, dass gerade viele Bauern in Deutschland auf die Straße gehen und über die Brüsseler Politik schimpfen. Unterstützt die EU mit ihren Agrarhilfen da alle möglichen Projekte, während klassische bäuerliche Aufgaben wie die Milchproduktion kaum noch rentabel sind? Die ganze EU-Förderpolitik gerät in die Zange.

Die EU-Kommission will das Land als Wirtschaftsregion unterstützen

Fast möchte man Mitleid haben mit den Brüsseler Beamten. Da fördern sie statt der Butterberge und Milchseen von früher endlich mal etwas anderes. Und prompt sitzen sie zwischen allen Stühlen.

Etwa 50 Milliarden Euro kann die Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel jedes Jahr an Europas Bauern verteilen. Das soll bis 2013 auch mehr oder weniger so bleiben. Dabei brauchen viele europäische Bauern solche Hilfen gar nicht mehr: Die meisten profitieren ja von der neuen Knappheit, die sich in steigenden Preisen für ihre Produkte niederschlägt. Der Preis für Getreide hat sich in den vergangenen vier Jahren fast verdreifacht. Die Preise für Mais und Reis steigen dramatisch. Die Not leidenden Milchbauern bleiben da eine große Ausnahme, können aber allein kaum als Rechtfertigung für Milliardenbeihilfen gelten. Das Bundesfinanzministerium stellte schon die Frage, »ob die Agrarsubventionen in ihrem derzeitigen Ausmaß noch gerechtfertigt sind«.

Hilfsorganisationen und Entwicklungsexperten sind in dieser Frage ganz auf Steinbrücks Seite. Die EU, so lautet schon seit vielen Jahren ihr Vorwurf, sei mitverantwortlich für Hunger und Umweltzerstörung in der Welt. Regelmäßig kaufe sie den Markt für viele Grundnahrungsmittel leer: Sojabohnen werden an Tiere verfüttert, weil die Europäer so viel Fleisch essen, und bald sollen europäische Autos Sprit aus Mais tanken. Andererseits werfe die hoch subventionierte europäische Landwirtschaft Produkte in Afrika zu Dumpingpreisen auf den Markt. Damit werde die Landwirtschaft des armen Südens ruiniert. »Jetzt bietet sich den Industrieländern die einmalige Situation, ihre preisverzerrenden Subventionen und Zölle abzubauen«, mahnte in der vergangenen Woche der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Ghana.

Tatsächlich weiß auch die EU-Kommission um die Sinnkrise ihrer Subventionspolitik, und sie kämpft dagegen. Sie schaffte den Geldsegen zwar nicht ab. Doch setzte sie 2003, auch auf Druck der Welthandelsorganisation, eine tief greifende Reform durch. Bauern, so die neue Philosophie, werden nicht für ihre Überschüsse subventioniert. Ihnen wird das Geld vielmehr als Direktbeihilfe bezahlt. 33,1 Milliarden Euro gab die EU im vergangen Jahr für solche Hilfen aus, also etwa zwei Drittel aller Agrarsubventionen. Zudem gibt es Zuschläge dafür, dass Bauern die Landschaft pflegen, die Umwelt schützen oder ihre Tiere gut behandeln. Kritiker würden die Geldvergaben allerdings gern noch viel stärker von solchen Kriterien abhängig machen.