»Optionen für die Zukunft«

Im niedersächsischen Northeim steht auf einem Acker ein Turm. Er gleicht dem, den Feldbesetzer in Oberboihingen aufgestellt haben. Die KWS Saat AG will auf dem Northeimer Feld gentechnisch veränderte Zuckerrüben anbauen. Lange Jahre hat die KWS keine gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland unter freiem Himmel getestet. In den USA ist ihre Rübe für den Anbau zugelassen. In Deutschland will das Unternehmen die genetischen und ökologischen Eigenschaften der Pflanze an vier Standorten testen. Die KWS ist in Sachen Zuckerrübe Weltmarktführer. Die Forscher am Firmenstammsitz in Einbeck züchten neben Rüben auch Kartoffeln, Getreide, Mais, Feldsaaten und Raps. Mit 2739 Mitarbeitern in 70 Staaten macht die KWS einen Umsatz von 538 Millionen Euro. Rund 15 Prozent des Umsatzes investiert das Unternehmen in Forschung und Entwicklung. Mehr als tausend Menschen arbeiten in diesem Bereich.

Die Zeit: Ihr Versuchsfeld ist besetzt. Wie gehen Sie mit den Demonstranten um?

Philip Von dem Bussche: Ich war zweimal auf dem Feld, um mit ihnen zu reden. Ich treffe auf Menschen, die zwar fundamentalistisch argumentieren, aber im Umgang ganz in Ordnung sind. Dennoch stellt die Besetzung einen klaren Rechtsbruch dar.

ZEIT: Können Sie Ihre Kritiker überzeugen?

Von dem Bussche: Ich glaube kaum. Die Proteste haben offenbar nur ein Ziel: möglichst viele Versuche zu verhindern. Obwohl wir hier ausschließlich forschen, agieren die Kritiker so, als müssten sie den Durchbruch im Anbau bekämpfen.

Zeit: Aber am Ende wollen Sie doch Pflanzen für den kommerziellen Anbau produzieren.

Von dem Bussche: Die Kernanforderung an einen Pflanzenzüchter wie die KWS ist Ertragssteigerung und das schonend und umweltgerecht. Um diese Anforderung zu bewältigen, müssen wir alle Lösungsansätze einbeziehen, unter anderem auch die grüne Gentechnik.

Zeit: Sie wird in der gegenwärtigen Debatte um die Welternährung wieder diskutiert - ist sie das Heilmittel gegen den Hunger?

Von dem Bussche: Dem Hunger in der Welt kann man nicht nur mit Gentechnik begegnen, das wäre Unsinn. Hunger ist nicht nur ein Züchtungsproblem, sondern ein Problem der Verteilung, eine ökonomische, eine politische Frage. Am Ende sind die Anforderungen an uns als Pflanzenzüchter schnell beschrieben: Unsere neuen Pflanzensorten müssen Jahr für Jahr etwa zwei Prozent Ertragszuwachs bringen. Das ist die zentrale Anforderung.

ZEIT: Und da reichen die Möglichkeiten der konventionellen Züchtung nicht mehr aus?

Von dem Bussche: Die Gentechnik hält eine Option bereit: Sie verbreitert den Zugriff auf genetische Vielfalt, die wir zur Lösung von Problemen benötigen, die wir heute noch gar nicht sehen.

ZEIT: Bei den bisher verfügbaren Gentechzüchtungen hat nur der Landwirt einen Nutzen. Der Verbraucher sieht hingegen keine Vorteile.

Von dem Bussche: Der Nutzen auf dem Teller besteht auch in bezahlbarer Nahrung. Und die resultiert aus Rohstoffen, deren Anbau weniger Spritzmittel, Dünger oder Traktorstunden erfordert.

ZEIT: Dennoch stößt die Technik auf wenig Akzeptanz. Die brauchen Sie nicht nur für die Anwendung, sondern auch für die Forschung.

Von dem Bussche: Ich bin mir sicher, dass die Forschung an Pflanzen für die Energieerzeugung mehr Anerkennung für die grüne Gentechnik schafft.

ZEIT: Gerade dieses Feld ist gegenwärtig umstritten: Wie können wir uns den Tank füllen, wenn die Teller der Armen leer sind?

Von dem Bussche: Die Bioenergie ist zum Teil falsch, vor allem aber einseitig diskutiert worden. Das Potenzial ist richtig eingesetzt groß. Wenn sich die Debatte um Energiepflanzen wieder beruhigt hat, sehe ich dort eine gute Chance, Gentechnik sinnvoll und mit hoher Akzeptanz einzusetzen.

ZEIT: Wie planen Sie künftige Produkte?

Von dem Bussche: Wir denken in unserer Produktentwicklung bis ins Jahr 2020. Darum müssen wir weiter an der Gentechnik arbeiten. Nicht weil wir glauben, wir könnten die Pflanzen bald massenhaft verkaufen, sondern weil wir an eine Welt in 12 bis 15 Jahren denken müssen mit dem Wandel der Ernährungsgewohnheiten, mit den globalen Faktoren Bevölkerungswachstum und Klimawandel.

Zeit: Brauchen wir dazu tatsächlich immer neue Pflanzensorten?

Von dem Bussche: Der genetische Fortschritt auch aus konventioneller Züchtung ist die Pumpe der Produktivität. Wenn wir einen Ertragsfortschritt von zwei Prozent pro Jahr haben, bedeutet das für die Zuckerrübe 50 Euro Gewinn mehr pro Hektar. Warum sollte der Landwirt also alte Sorten anbauen, statt neues Saatgut zu kaufen?

ZEIT: Und wie ist das Welthungerproblem zu lösen?

Von dem Bussche: Wir als Produkterzeuger können nur folgende Antwort geben: Es sind die bereits genannten zwei Prozent Ertragszuwachs pro Jahr als Teil einer Gesamtlösung. Wenn es nichts zu verteilen gibt, hilft mehr Verteilungsgerechtigkeit leider auch nicht weiter.

ZEIT: Wie wollen Sie weiterhin gegen Monsanto und Co konkurrieren?

Von dem Bussche: Ohne die molekulare Züchtung haben wir keine Chance auf einem internationalen Markt. Auch die Technik, transgene Pflanzen herzustellen, müssen wir beherrschen, einfach um das Werkzeug in der Hand zu halten. Sonst sind wir schnell aus der Weltliga der Züchtung raus.

ZEIT: Sie drohen aber nicht mit Abwanderung in gentechnikfreundlichere Weltregionen, oder?

Von dem Bussche: Wir können und wollen auch nicht einen Teil der Forschung auslagern, wir brauchen das Innovationspotenzial der Gespräche, die der konventionelle Züchter hier vor Ort mit dem Genetiker in der Kaffeepause führt. Darum ist es keine Lösung, diese Forschung auszulagern und die Ergebnisse zu importieren. Gerade gegenüber größeren Konkurrenten ist die Vielfalt der Kompetenzen an einem Standort unser Vorteil.

ZEIT: Der Streit um die Gentechnik dauert jetzt seit mehr als 15 Jahren an. Was lässt Sie hoffen, dass er irgendwann beendet sein könnte?

Von dem Bussche: Bei dieser Technologie geht es nicht nur um ökonomischen, sondern auch um ökologischen Nutzen. Wenn sich das Risiko wovon ich ausgehe weiterhin als beherrschbar erweist, sehe ich mangels überzeugender Argumente keinen Grund für eine dauerhafte Ablehnung.

Das Gespräch führte Andreas Sentker

 
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