1968 Die vertrocknete Blume
Stefan Wolle hat als Erster erforscht, was 1968 so alles in der DDR passierte
Überblickt man die Vielzahl von Büchern, die zum 40-jährigen Jubiläum der Studentenrevolte erschienen sind, könnte der Eindruck entstehen, dass es »1968« nur in dem einen Teil Deutschlands, der Bundesrepublik und West-Berlin, nicht aber in dem anderen, der DDR, gegeben habe. Diesem Eindruck tritt nun Stefan Wolle entschlossen entgegen. Der Berliner Historiker ist in der DDR aufgewachsen; er engagierte sich in den späten achtziger Jahren in der Bürgerrechtsbewegung, saß nach der Wende mit am Runden Tisch, arbeitete in der Gauck-Behörde und ist seit 2001 Mitarbeiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Bekannt geworden ist er vor allem mit seiner Darstellung von Alltag und Herrschaft in der DDR Die heile Welt der Diktatur (1998) – einem Werk, das von der Kritik zu Recht gepriesen wurde, weil es ganz ohne Dämonisierung, aber auch ohne Verklärung der DDR auskommt. In seinem neuen Buch stützt sich Wolle wiederum auf eine Fülle bislang unveröffentlichter Quellen, vor allem aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit und der Stiftung Archive der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Berliner Bundesarchiv.
Im ersten Teil seines Buches, überschrieben Tauwetter und Dauerfrost, geht Wolle ausführlich auf die Entwicklung der DDR-Gesellschaft in den frühen sechziger Jahren ein. Er beschreibt sie mit der paradoxen Formel »Reformzeit ohne Reform«. Die Neuerungen in der Wirtschaft, die seit 1963/64 unter dem Stichwort »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« liefen, sollten zu mehr Eigenverantwortung in den Betrieben anreizen, die Arbeitsproduktivität steigern und den Lebensstandard verbessern. Tatsächlich war das Ergebnis ein noch größeres administratives Durcheinander, sodass die SED-Führung bald zurückruderte.
Die neue Jugendpolitik, welche die Einheitspartei seit 1963 propagierte, sollte zu einem entspannteren Umgang zwischen den Generationen führen. Westliche Schlager- und Beatmusik war nicht länger verpönt; westliche Moden – lange Haare, kurze Röcke – wurden zumindest toleriert. Doch auch hier sah sich die SED-Führung bald mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Bewegung ihrer Kontrolle entgleiten könnte. Seit 1965/66 gingen Polizei und Stasi gegen die sogenannten »Gammler« vor, wie die unangepassten Jugendlichen auch in der DDR genannt wurden.
Öffnung individueller Freiräume einerseits, Verstärkung von Disziplinierung und Überwachung andererseits – an dieser Widersprüchlichkeit krankte der noch unter Ulbricht eingeleitete Reformkurs. »Von allem ein bisschen und nichts konsequent«, konstatiert Wolle. Dennoch hält er als wichtiges Resultat fest, dass es auch in der DDR bereits vor 1968 eine jugendliche Protestkultur gab, die gegen geistige Enge und Gängelei aufbegehrte und empfänglich war für die Ideen der antiautoritären Revolte, wie sie sich seit 1967 jenseits der Mauer entfalteten.
Wolle zeigt, dass die Wahrnehmung dieser Revolte in der DDR »so vielschichtig und widersprüchlich« war wie die Gesellschaft insgesamt. Der SED-Führung kamen die Anti-Vietnamkriegs- Demonstrationen und die Kampagne gegen den Springer-Konzern durchaus zupass. Andererseits fürchtete sie nicht ohne Grund, dass der Geist der Rebellion auch auf die Studenten und Jugendlichen in der DDR überspringen könne. Daher begann sie schon seit dem Sommer 1968 auf Distanz zu gehen. Die Schriften Herbert Marcuses und anderer Theoretiker der Neuen Linken waren, wie der Autor hervorhebt, »in der DDR Giftschrankliteratur höchsten Grades«. »Er liest Marcuse«, zitiert Wolle aus einem Stasibericht über einen relegierten Studenten.
Unter kritischen DDR-Intellektuellen und Studenten besaß gerade der antiautoritäre Impuls der Revolte eine außerordentliche Anziehungskraft. Das nonkonformistische Lebensgefühl verband sich mit einer Kritik am »realen Sozialismus«, den sie – darin mit den Studenten aus dem Westen durchaus einig – als unfrei und verspießert empfanden. Eine Mehrheit der DDR-Bürger freilich teilte, wie Wolle nachweist, die Ablehnung der Bürger in der Bundesrepublik und West-Berlin gegen die linken »Rowdys« und »Krawallmacher«, als welche die Studenten in den Gazetten des Springer-Konzerns verteufelt wurden. Man war sich eben im Westen und Osten viel ähnlicher, als man es in der Rückschau wahrhaben möchte.
Im Mittelpunkt dieses Buches stehen jedoch der Prager Frühling und seine Auswirkungen auf die DDR. Stefan Wolle macht deutlich, dass der Reformkurs der neuen Prager KP-Führung unter Alexander Dubček seit dem Frühjahr 1968 auch in der DDR mit größter Aufmerksamkeit und viel Sympathie verfolgt wurde, und zwar quer durch alle Bevölkerungsschichten. Hier schien sich unerwartet doch noch eine Perspektive politischer Veränderungen in Richtung eines »demokratischen Sozialismus« aufzutun. Dieser Befund entspricht dem, was der Leipziger Historiker Hartmut Zwahr in seinem kürzlich veröffentlichten Tagebuch aus dem Prager Frühling an Impressionen zusammengetragen hat (Die erfrorenen Flügel der Schwalbe; Verlag J. H. W. Dietz Nachf.; siehe ZEIT- Literaturbeilage Oktober 2007).
Andererseits dokumentiert auch Wolle, wie heftig die ideologischen Abwehrreflexe der SED-Führung und der ihr hörigen Medien von Anfang an waren. In der ČSSR, so lautete die offizielle Sprachregelung, sei die »Konterrevolution« auf dem Vormarsch, versuche der »Klassenfeind« Fuß zu fassen, um den Sozialismus zu beseitigen und die Herrschaft des Kapitalismus wiederaufzurichten. Dennoch mochte kaum jemand daran glauben, dass die Sowjetunion es zu einem »zweiten Ungarn« kommen lassen würde.
Umso größer war der Schock, als am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR einmarschierten. (Die Verbände der Nationalen Volksarmee der DDR beteiligten sich entgegen dem damaligen Anschein nicht direkt an der Invasion, sondern sicherten das Hinterland und die rückwärtigen Dienste.) Wolle schildert zum ersten Mal die vielfältigen Protest- und Widerstandsaktionen gegen die Intervention, die in der ganzen DDR stattfanden und deren wahres Ausmaß im Westen so gut wie unbekannt geblieben ist. Über 1000 Personen wurden inhaftiert, mehr als 380 Strafverfahren »wegen staatsfeindlicher Hetze« eröffnet. Unter den protestierenden jungen Leuten befanden sich auch die Kinder prominenter DDR-Intellektueller und hoher Staatsfunktionäre, so Erika Berthold, die Tochter von Lothar Berthold, dem Direktor des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED.
Stefan Wolle markiert scharf die historische Bedeutung des 21. August 1968: Besonders für junge Menschen, schreibt er, war »an diesem Tag etwas zerbrochen, was sich nicht mehr reparieren ließ«, der Glaube nämlich an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems. Resignation und Apathie griffen um sich und erzeugten jene Stickluft, welche die DDR bis zu ihrer finalen Katastrophe begleitete.
Zu Recht hebt der Autor den inneren Zusammenhang zwischen den Ereignissen des Sommers 1968 und denen des Herbstes 1989 hervor: Ende der achtziger Jahre war der Zeitpunkt für eine Reform des Systems längst verpasst. Der Traum von einer Neugeburt des Sozialismus, den die Bürgerrechtler noch einmal träumten, wirkte »wie eine vertrocknete Blume, die aus einem alten Roman herausfällt und unter den Händen zerbröselt«. Die Menschen in der DDR wollten keine sozialistischen Experimente mehr, »sie wollten Helmut Kohl, den freundlichen Onkel aus dem Westen mit dem dicken Portemonnaie«.
Dieses Ende war, dafür schärft uns Wolles aufschlussreiches Buch den Blick, keineswegs zwangsläufig. Es hätte alles auch anders kommen können, wenn es den 21. August 1968 nicht gegeben hätte.
- Datum 05.05.2008 - 11:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
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