Polemisch

Der Artikel bereitete mir viel Freude, weil er ehrlich und ironisch darstellt, wie aus der Gesundheit eine Pseudoreligion erwachsen ist und die Menschen vergessen zu leben, um gesund zu sterben. Besonders interessant fand ich den Aspekt, wonach der Verlust des Glaubens an das ewige Leben dazu führt, das Leben mit allzu vielen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung zu überfrachten, anstatt sich am Vorhandenen zu freuen.

Kritikwürdig aber erscheint mir Herrn Lütz Polemik über die Stammzellforschung. Anders als vom Autor beschrieben, geht es in der Stammzellforschung nicht darum, Leben gegen Leben zu setzen. Es wird unterschlagen, dass es sich bei den beforschten Stammzellen mitnichten um der Gebärmutter entrissene Föten handelt, die um Hilfe rufende Schwangere dabei quälend. Vielmehr stellen die verwendeten Stammzellen in aller Regel »Überproduktionen« der sogenannten künstlichen Befruchtung dar, also befruchtete Eizellen, die nicht weiter benötigt werden, weil das Ziel der Mediziner erreicht werden konnte und die Patientin Mutterglück entgegensehen kann.

Die Kritik von Herrn Lütz ist sicherlich berechtigt, wonach Stammzellen weder Jungbrunnen noch Allheilmedikament sind und die in sie gesetzten Erwartungen eher der Generierung von Aufmerksamkeit und Forschungsgeldern dienen sollen. Dennoch wird die Stammzellforschung zum Verständnis der Menschwerdung und damit auch der Krankheitsentstehung und -behandlung ihren Beitrag leisten, wenn man sie zulässt. Sie in die Nähe von Menschenversuchen und Euthanasie zu stellen ist dabei falsch und gefährlich, weil man damit das ursprüngliche Ziel der Eizellengewinnung, nämlich die künstliche Befruchtung, ebenso ad absurdum führt wie die Forschungsziele der Krankheitsbekämpfung, indem man diese mit der Tötung »unwerten« Lebens gleichsetzt.

Dr. David Wolff, München

 
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