Wasiem Taha ist jetzt ein Opfer. Dabei sah es so aus, als könne nichts schiefgehen. Er hat sich einen Künstlernamen gegeben, der seine Unverwundbarkeit betont – Massiv. Er ist aus Pirmasens in der Pfalz in ein Hochhaus im schäbigen Bezirk Berlin-Wedding gezogen, hat in einem Fitnesscenter so hart an sich gearbeitet, bis er 130 Kilo stemmen konnte, hat lange nach einer unbedruckten Körperstelle gesucht und sich schließlich das Wort »Ghetto« auf einen Armmuskel tätowieren lassen. Er hat sich in Berlin neue Freunde gesucht, die seine Rap-Lieder bewundern, junge Männer, deren Eltern aus dem Libanon stammen, genau wie seine eigenen Eltern, Männer mit wilden Lebensgeschichten und heiseren Stimmen, Männer wie Ashraf, Beirut und all die anderen. Wenn sie von einer Welt erzählten, die sie auf eine einzige große Fotze reduzierten, stand Wasiem Taha daneben und hauchte ehrfürchtig: »Überkrass, yo.« Er hat an seinem Sprachschatz gefeilt, das Wort »ficken« hat bei ihm viele Funktionen übernommen, von nun an ist er Massiv.

Der 25-jährige Junge spürt schnell, wie sehr ihn die Kinder aus der Nachbarschaft bewundern. »Wer Massiv hatet, ist ein Opfer«, steht eines Morgens auf einer Wand im Fahrstuhl. Das macht ihn stolz. Opfer, das sind die Schwächlinge, denen er in seinen Liedern Unterkiefer verbiegt und die er mit Mörsergranaten bewirft. Aber inzwischen hat er selber diesen Opferblick, den zuckenden Schädel, der ängstlich hin und her pendelt, damit den Augen keine verdächtige Bewegung entgeht.

Eine Freundin hat er gefunden, Rubina, eine hübsche 19-Jährige aus dem behüteten Stadtteil Charlottenburg, aber auch sie macht sich jetzt Sorgen um ihn. Immer schaut er sich auf der Straße um, ständig dieses Misstrauen. Als Rubina vor einigen Wochen ihre Führerscheinprüfung bestand, ließ er sie seinen Wagen sofort über die Autobahn steuern. Es war das erste Mal, dass sie nicht durch die Beifahrertür einstieg, auf die ihr Freund zwei große Pflaster geklebt hat, damit der Regen nicht in die beiden Einschusslöcher rinnt, die an jenen Abend im Januar erinnern, als in Berlin-Neukölln auf den Rapper Massiv geschossen wurde. Die meisten Kugeln verfehlten ihn, aber sein rechter Oberarm wurde durchbohrt. Wer es auf ihn abgesehen hatte, fand die Polizei nicht heraus.

Er sagt, er gehe kaum noch allein vor die Tür, er verkrieche sich daheim

Angenommen, es stimmt, dass die Schüsse auf Wasiem Taha nicht inszeniert wurden, um seine Platten besser zu verkaufen, dann war das der schmerzhafte Punkt, an dem sich die Wirklichkeiten kreuzten. Es war der Moment, als die Wirklichkeit der Illusionisten eine überraschende Rückkopplung mit der Wirklichkeit auf der Straße erlebte. Es gibt offenbar Leute, die auf Märchen hereinfallen und zur Waffe greifen. Seither, sagt Massiv, gehe er nur noch morgens und mittags allein vor die Tür und verkrieche sich in der Dunkelheit meist zu Hause. Übernachtet er in einem Hotel, sitzen die Freunde aus seinem Clan in der Lobby und passen auf. »Ich ziehe Stressmacher an wie ein Magnet, egal, wo ich bin«, sagt Wasiem Taha, genannt Massiv.

Den 10000 Leuten, die sich auf seiner Internetplattform angemeldet haben, verschweigt er, dass er nach Hamburg-Eimsbüttel gefahren ist, wo er in einem Hinterhof der kleinen Wohnstraße Jaguarstieg ein neues Video aufnimmt. Bloß keine Stressmacher, die plötzlich in der Tür stehen, sich als Fans ausgeben und auf ihn losgehen. Wasiem Taha wendet sich den Scheinwerfern zu, er muss sich konzentrieren. Bis heute Nacht um drei wird er an seinem neuen Video arbeiten, hundert Mal wird er in seinen Songs fette Liebeskugeln in Ärsche schieben und rappen: »Wir sind kulturell die unterste Schicht, wir bringen das Ghetto ans Licht.« Und er weiß, wie anstrengend es ist, die inneren Verletzungen eines verdorbenen Lebens sekundengenau in sein Gesicht zu zwingen.

Rapper Massiv und der Weltkonzern Sony, sie sind nun ein Paar

Der Musikkonzern Sony BMG, einer der größten weltweit, wird auch dieses Video bezahlen, das wegen der 3-D-Effekte besonders teuer ist. Massiv und Sony, sie sind jetzt ein Paar. Er ist der einzige deutsche Gangsta-Rapper, den die Firma aus München engagiert hat, das Killergesicht auf den Posterwänden in Jugendzimmern. In seiner Heimatstadt Pirmasens schmiss er die Schule, brach eine Lehre ab, saß nach Drogendelikten im Jugendarrest. Nichts wollte ihm gelingen, dann sprang sein Ghettolied auf MP3-Playern von Kind zu Kind, und alles gelang. Er fährt jetzt eine königsblaue BMW-Limousine mit verchromten Felgen, und wenn er vor einem Schulhof hält, bedrängen ihn die Jugendlichen mit aufgeklappten Handys.

In einer Pause zwischen den Dreharbeiten stellt sein Freund Ashraf den rechten Arm senkrecht auf die Platte eines Tisches und sagt zu dem bulligen Bruder des Videoregisseurs: »Komm, versuch mal.« Ashraf gewinnt das Armdrücken, geht zum Fenster, öffnet es und schaut hinaus. Da drüben in den Reihenhäuschen, auf deren Terrassen Kinderfahrräder zusammengebunden sind, da wohnen vielleicht die allergrößten Fans des Ghettoliedes, wer weiß. Ashraf hat die Daten der Benutzer auf Massivs Internetforum durchgesehen. »Am Anfang waren das nur Ausländer, die ihn gut fanden, Hauptschüler. Jetzt haben wir auch Gymnasiumsleute und Studenten.«

Würde er auch seinen eigenen Kindern, wenn er denn mal welche hätte, Massivs Lieder vorspielen? »Auf keinen Fall«, antwortet Ashraf, »das ist nichts für jeden. Aber hör zu: Das ist Musik. Wer sich das runterlädt, der macht das eben. Es gibt Leute, die sagen: Ihr verherrlicht Gewalt. Aber ich sage dir: Wir haben in diesem Land Scheiße gesehen und in der Scheiße gelebt. Wir haben hier keine Verantwortung. Wir haben keine, null.«

Die Frage nach der Verantwortung. Jugendschützer stellen sie, Eltern quälen sich damit, Lehrer, Sozialwissenschaftler. Führt mehr Rap zu mehr Gewalt? Der Musiksender MTV , der Jugendliche mit den Melodien und Bildern ihres Lebens versorgt, zeigt Massivs Videoclips nicht, zu viel Gewalt. Aber Bushido wird gesendet, der Plattenkönig der Rapper, der sich von seinen Millionen eine Villa am Berliner Stadtrand gekauft hat. Bushidos Texte sind keine Spur harmloser. Da werden Huren kaltgemacht und Schwule geopfert, Politiker gedemütigt und Mädchen gequält. In der Zeitschrift Bravo HipHop Special , die wegen ihres großen Erfolgs inzwischen jeden Monat erscheint, präsentieren sich Musiker, die King Orgasmus One heißen, Kool Savas oder Frauenarzt. Die Bremer Rapperin Lady Bitch Ray wirbt auf ihren blütenweißen Tangas dafür, dass man in sie eindringen soll. Keine Musikrichtung ist bei den 10- bis 16-Jährigen beliebter als der Rap, besonders bei den Jungs.

Finden Teenager bei den Rappern die letzten Tabus, die sie noch brechen können? Warum regen sich Eltern so auf? Weil die rotzfrechen Besucher in den Zimmern ihrer Kinder auf Deutsch singen und man jetzt alles versteht? Oder weil man die Folgen fürchten muss?

Vor anderthalb Jahren kündigte ein 20-jähriger Tunesier aus München seinem Idol, dem Rap-Musiker Bushido, per E-Mail einen Amoklauf an. Die alarmierte Polizei fand in der Wohnung des Tunesiers einen Laptop mit Videos, die Enthauptungen infolge des Irakkrieges zeigten. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. In Biel in der Schweiz warfen Besucher eines Massiv-Konzerts im vergangenen Jahr mit Steinen, in Duisburg prügelten sie den Musiker von der Bühne. Er tritt jetzt nur noch selten live auf, weil keine Konzertagentur einen Reisebus voller Securityleute anheuern will. Im vergangenen November drangen vermummte Täter mit Messern beim Sender MTV in Berlin ein und versuchten, den Rapper Fler niederzustechen. Er konnte sich vor den Angreifern retten. Eine neue Dimension der Jugendgewalt?

Vor der Waldbühne in Berlin durchbrachen Jugendliche die Sperren und prügelten sich mit Polizisten. »I can’t get no satisfaction!«, hatte die Rockgruppe von der Bühne aus in die entfesselte Menge geschrien. 87 Menschen wurden in einer einzigen Nacht verletzt, unter ihnen 27 Polizisten. Das war im September 1965, auf einem Konzert der Rolling Stones. Fing mit ihnen die Verrohung der Jugendkultur an, oder war das damals noch Kunst? Zählt das nicht, weil die Gewalt nicht so beängstigend deutlich aus den Texten gellte?