Regierungssprecher »Lügen darf man nicht«

Wie weit kann ein Regierungssprecher gehen? Und wer hat Schuld, wenn der Kanzler schlecht aussieht? Ulrich Wilhelm und Klaus Bölling über ihre Erfahrungen an der Seite von Angela Merkel und Helmut Schmidt

DIE ZEIT: Herr Bölling, Sie und Helmut Schmidt galten als pragmatisch-präzises Team, im Gegensatz etwa zum idealistischen Duo Willy Brandt und seinem Sprecher Conny Ahlers. Was für ein Typus Regierungssprecher ist Herr Wilhelm?

Klaus Bölling: Herr Wilhelm hat ein kleines Handicap in diesem Gespräch: Er amtiert. Er muss vorsichtiger sein als ich.

(Ulrich Wilhelm lacht und schweigt)

Bölling: Nun möchte ich mich nicht anbiedern, will aber die Kanzlerin dazu beglückwünschen, dass sie mit Thomas Steg und Ulrich Wilhelm vorzügliche Männer erkoren hat. Dass die Kanzlerin einen »Stoiber-Mann« erwählt, der eine lange und erfolgreiche Karriere als bayerischer Staatsbeamter hinter sich hat und zwölf Jahre lang ein Alter Ego von Edmund Stoiber gewesen ist, hat mich zunächst verwundert. Zwischen dem derweil heftig vermissten Pensionär aus Wolfratshausen und der Dame aus Templin bestand, wie man weiß, nicht gerade eine Herzensfreundschaft.

Ulrich Wilhelm: Ich glaube, Herrn Bölling zeichnete, neben seiner sprachlichen Brillanz, als Regierungssprecher besonders aus, dass er bei seinem damaligen Kanzler Helmut Schmidt eine außerordentliche Vertrauensposition innehatte. Beide haben zusammen schwere Zeiten durchgestanden: Denken Sie an die Bedrohung durch die RAF, die schreckliche Entführung von Hanns Martin Schleyer. Ich vermute, auch bei Herrn Bölling galt: Niemand fängt mit einem solchen Maß an Vertrauen an. Das entwickelt sich, etwa indem man an entscheidenden Stellen einen richtigen Rat gibt. In diesem Punkt ist und bleibt Herr Bölling sicher das Maß aller Dinge für einen Regierungssprecher.

Bölling: Es gibt eine uralte Schallplatten-Reklame mit dem Slogan »His Masters Voice«. Da sitzt ein Hund vor einem großen Megafon, wohlgemerkt nicht irgendein Hund und schon gar kein folgsamer Pudel, und hört »die Stimme seines Herrn«. So muss es sein. Das Allerwichtigste für einen Regierungssprecher ist, dass er ein stabiles Vertrauensverhältnis zu seinem Kanzler hat. Auch wenn der Regierungssprecher mal einen Fehler macht, muss er sich darauf verlassen können, dass er die Deckung seines Chefs oder seiner Chefin hat.

Wilhelm: Das ist richtig.

Bölling: Der Regierungssprecher muss mit der Gedankenwelt des Kanzlers oder heute eben der Kanzlerin ganz eng vertraut sein. Er muss, ohne mit dem Chef vorher geredet zu haben, ahnen oder sogar wissen, was der in dieser oder jener Situation vermutlich sagen oder entscheiden wird. Der Regierungssprecher ist nur begrenzt der Makler zwischen Exekutive und »Vierter Gewalt«. Seine Loyalität gehört zuerst der Regierung. Einer, der sich durch kumpelhaften Umgang mit der Presse beliebt machen will oder womöglich zu verstehen gibt, dass er die eigene Regierung selbst nicht so toll findet, hat sein Amt missverstanden. Was mich immer geärgert hat, ist das Wort »Verkäufer«. Es geht nicht um »gute Verkaufe«. Dann fühlen sich die Journalisten eher verkauft.

Wilhelm: Ich stimme Ihnen zu. Auch die Antipathie gegen den Begriff »Verkaufen« teile ich. Es geht nicht um irgendein Produkt, es geht um Überzeugungen und Fragen, die auf das Leben vieler Menschen enorme Auswirkungen haben. Außerdem ist es so, dass das »Verkaufen« nur ein Teil ist. Neben der Vermittlung nach außen ist ein großer Teil der Arbeit auch nach innen gerichtet: als Berater des Regierungschefs, vornehmlich, wenn es um Medien geht. Nicht so sehr für Inhalte, da sollte man seine Funktion nicht überdehnen.

Bölling: Man macht, das ist doch klar, nicht Politik auf eigene Faust, aber man macht Pressepolitik in eigener Verantwortung. Helmut Schmidt wollte von unsereinem Widerspruch und auch Rat, der musste nur durchdacht und wohlbegründet sein.

ZEIT: Muss ein Regierungssprecher nicht sehr oft auch ein Schönredner sein?

Wilhelm: Sie können schon auf Schwierigkeiten hinweisen, aber man kann nicht immer alles offen legen, man muss mitunter den Entscheidungsablauf beschützen. Eine Regierung muss sich intern beraten können, Entscheidungen in Ruhe vorbereiten und manchmal auch warten, ob sie spruchreif werden. Wenn alles, was in einer Koalition intern erörtert würde, schon vorzeitig öffentlich würde, könnte es oft gar nicht mehr beschlossen werden. Das gilt allemal für die Große Koalition.

Bölling: Manchmal, aber das sollte die Ausnahme sein, ist der Regierungssprecher zum Schönreden genötigt. Ich habe das früher mal »Arabesken flechten« genannt. Wir müssen versuchen, Sympathie zu gewinnen, aber nicht dadurch, dass wir Potemkinsche Dörfer aufbauen, das würden auch die dümmsten Journalisten merken. Als ich von Gustav Heinemann meine Ernennungsurkunde bekam, sagte er zur mir: »Herr Bölling, Sie haben mir nichts zu versprechen, aber gehen Sie mit der Wahrheit immer schonungsvoll um.« Solche Sätze prägen sich ein.

ZEIT: Gab es in Ihren sieben Jahren als Regierungssprecher einmal einen Moment, wo Ihnen dieses Schönreden besonders schwer gefallen ist?

Bölling: Ja, und damals habe ich dafür hässliche Bemerkungen von Günter Grass ertragen müssen. Es ging um Vietnam. Ich hatte als Korrespondent in Washington vier Jahre lang harte Kritik an der Vietnam-Kriegsführung der Regierung Nixon geübt, weshalb mich Franz Josef Strauß gleich nach meiner Ernennung durch Schmidt im Bundestag gescholten hat. In Wahrheit zielte Strauß natürlich auf Schmidt. Jedenfalls musste ich als Sprecher natürlich »auf Linie« bleiben. Sie müssen in diesem Amt die Fähigkeit entwickeln, Kröten zu schlucken.

ZEIT: Darf ein Regierungssprecher lügen?

Bölling: Nein. Adenauer hat mal sinngemäß gesagt, es gibt »die janze Wahrheit«, die »nackte Wahrheit« und »nichts als die Wahrheit«. Ich will sagen, man muss die Wahrheit gelegentlich dosieren. Wenn Sie zur falschen Zeit etwas andeuten, sind Sie Ihren Kopf los. Spekulieren dürfen Journalisten. Der Sprecher darf sich nicht von Fakten entfernen.

Wilhelm: Genau. Aber lügen darf ein guter Regierungssprecher nicht.

Bölling: Glaubwürdigkeit ist ein sogenanntes Essential. Der Volksmund hat schon recht: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Einem Berufspolitiker mögen die Leute das noch verzeihen, nicht dem Regierungssprecher. Wer, so wie Frau Ypsilanti, sein Wort bricht, schadet nicht nur sich selbst, er beschädigt die Glaubwürdigkeit seiner ganzen Partei. Nach einem, zugegeben, fulminanten Wahlkampf hat Ypsilanti das Wahlvolk schlicht verschaukelt. Bei Neuwahlen könnte Roland Koch mit der FDP vielleicht gewinnen.

ZEIT: Herr Bölling, Sie sagen, Helmut Schmidt hat zu Ihnen »Klaus und Sie« gesagt. Eigentlich ist doch bei den Genossen das Du üblich.

Bölling: Nein, das war von Anfang an das Hamburger Johanniter-Ritual mit Klaus und Sie. Ich sagte natürlich immer Herr Bundeskanzler. Am Ende unserer Dienstfahrt hat Schmidt seinem Kanzleramtsminister Schüler und mir das Du »verliehen«. Wir fühlten uns, was sonst, geehrt. Dann hat er es eine Weile wieder vergessen, nun ist es seit langer Zeit selbstverständlich. Vom Genossen-Du hat Schmidt sein politisches Leben lang nur sparsam Gebrauch gemacht.

ZEIT: Wie ist das bei Ihnen, Herr Wilhelm?

Wilhelm: Ich komme aus einer Beamtentradition in Bayern, in der es selbstverständlich ist, den Inhaber eines öffentlichen Amtes mit seinem Titel anzusprechen. Ich habe natürlich auch »Frau Bundeskanzlerin« gesagt. Sie hat sich dann gewünscht, dass ich sie mit ihrem Namen anrede. Und wenn ich das nicht getan habe, hat sie anfangs ironisch mit »Herr Staatssekretär« geantwortet. Das war nicht ohne Komik. Edmund Stoiber ist für mich übrigens bis heute der »Herr Ministerpräsident«.

ZEIT: Es heißt, Helmut Schmidt und Klaus Bölling sind Freunde. Zu viel Nähe kann unter Umständen auch zum Problem werden, oder?

Bölling: Situationen, in denen er oder ich das als störend empfunden hätten, hat es nie gegeben. Ich habe mal gesagt, ich betrachte Helmut Schmidt als einen größeren Bruder, der mir weit überlegen ist. Schmidt meinte, das sei ein falsches Bild. Zu seinem Abschied als Kanzler schrieb er mir: «Meine Robustheit und Ihre Sensibilität sind eine symbiotische Beziehung.« Er kokettiert gerne mit seiner Robustheit. Ein Mann, der ein inniges Verhältnis zu Johann Sebastian Bach hat und dessen Musik früher auf dem Klavier und sogar an der Orgel gespielt hat, muss einfach sensibel sein. Die Distanz war und ist bei uns selbstverständlich. Ich bin nicht nur in Potsdam geboren, sondern wurde auch sehr preußisch erzogen. Zwischen uns war immer eine gewisse hanseatische und preußische Distanz. Das finden wir beide gut so.

ZEIT: Herr Wilhelm, Sie sind als Bayer geradezu das Gegenteil eines Preußen. Müssen Sie sich um diese Distanz bemühen?

Wilhelm: Ich glaube, diese Distanz ergibt sich von selbst. Natürlich könnte ich nicht einen so großen Einsatz bringen und mich mit meiner Aufgabe identifizieren, wenn ich nicht zugleich große Sympathie für Frau Merkel hätte. Dennoch ist Distanz eine wesentliche Voraussetzung. Wichtig ist, dass man die Grenzen seiner Aufgabe kennt und sich nicht selbst für einen Mächtigen hält, für jemand, der seine eigenen Vorstellungen durchsetzt, obwohl er nicht gewählt ist.

ZEIT: Herr Bölling, Herr Wilhelm, sind Ihnen als Regierungssprecher Fehler passiert?

Bölling: Ich erzähle Ihnen von einem ernsten Fehler. Es war während der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch die RAF. Schmidt wollte deren Gesinnungsfreunde im Gefängnis nicht ausfliegen lassen. Helmut Kohl und der Berliner Bürgermeister Klaus Schütz, beide enge Freunde von Lorenz, waren für Nachgiebigkeit. Der Kanzler, zu dieser Zeit nicht bei bester Gesundheit, konnte sich nicht durchsetzen. Die Terroristen waren noch auf dem Weg in den Jemen, da habe ich in einem Interview auf die Frage »Erlischt jetzt der Strafanspruch des Staates?« ehrlich, aber politisch sehr unklug geantwortet: »Nein, natürlich nicht.« Kohl meldete sich sofort im Kanzleramt und ließ Schmidt ausrichten, wenn Lorenz in den nächsten Stunden tot aufgefunden werde, liege die volle Verantwortung bei seinem Sprecher. Wir haben den Fehler dadurch korrigiert, dass Innenminister Maihofer im selben Sender ein weiteres Interview gegeben und auf die dieselbe Frage geantwortet hat: Diese Frage stellt sich nicht.

Wilhelm: Gott sei Dank kann ich von einer vergleichbaren Situation, in der es buchstäblich um Leben und Tod ging, nicht berichten. Aber heikle Situationen, Ermüdung und Druck gibt es oft. Als Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft hatte, ging es um sehr wichtige Entscheidungen für Europa. Bei den beiden Gipfeln im März und im Juni hatte ich teilweise während der stundenlangen Beratungen hinter verschlossenen Türen nur dürftige Erkenntnisse zum aktuellen Stand, die die Kanzlerin per SMS schickte. Und zugleich warten Tausende Journalisten auf Ergebnisse oder zumindest Wasserstandsmeldungen. Wenn ich in einer solchen Situation Stunden abtauche und nichts sage, wird der Durchbruch am Ende auch nicht mehr gewürdigt, weil die Journalisten verärgert oder die Zeitungen gedruckt und die Sendungen gelaufen sind. Und gehe ich zu früh raus und verstärke Spekulationen, kann man sogar den Gipfel belasten.

ZEIT: Manchmal hat man den Eindruck, dass die Politiker die Medien zunehmend verachten, dass Sie denken: Wenn wir nur direkt mit dem Volk reden könnten, wäre alles besser. Stimmt das?

Bölling: Stimmt so nicht. Helmut Schmidt hat vor langer Zeit gesagt, dass er die herausragenden Journalisten an den Fingern einer Hand abzählen könne. Ich hab ihm geantwortet, dass ich mir nicht anmaße, bedeutende Politiker an einer Hand abzuzählen. Aber mit zwei Händen käme ich vielleicht aus. Er hat nicht widersprochen.

Wilhelm: Verachtung ist mir zu stark. Es gibt aber häufig Verletzungen und Enttäuschungen, die auch aus dem Missverständnis erfolgen, man könne ein Medium oder einen Journalisten als Politiker dauerhaft an seiner Seite haben. Die unterschiedlichen Interessen von Politik und Medien sind aber nicht veränderbar. Natürlich gibt es auch unfaire Behandlung, wenn etwa gegen die Spielregeln aus vertraulichen Gesprächen zitiert wird. Aber insgesamt gibt es, glaube ich, ein hohes Maß an gegenseitigem Respekt. Eher ist es so, dass Journalisten und Politiker gegenseitig sehr stark aufeinander fixiert sind und von den Bürgern insgesamt als politische Klasse wahrgenommen werden, die sich mitunter gemeinsam von der Lebenswelt der normalen Leute entfernt und zu sehr um sich kreist.

ZEIT: In Berlin gibt es viel mehr Medien als in Bonn. Sind sie dadurch mächtiger geworden?

Wilhelm: Viele Medien sind dadurch noch nicht mächtiger als wenige. Man muss sich allerdings mehr Zeit für mehr Journalisten nehmen. Und was sich deutlich geändert hat: Die Beschleunigung ist immens – paradoxerweise schreiben dabei immer mehr Journalisten über immer weniger Personen. Und die Geschwindigkeit, mit der ein Thema hochkommen kann, einige Tage alle Berichte beherrscht und dann wieder abtaucht. Wenn Sie in der Phase, in der sich ein Thema so stark aufbaut, in der Kommunikationsstrategie einen Fehler machen, ist der Schaden immens. Deshalb muss man eigentlich versuchen, vorwegzunehmen, was kommt.

Bölling: Mir macht der schier unaufhaltsame Siegeszug des Boulevards Sorge und die bei vielen jüngeren Journalisten, gerade im kommerziellen TV, geringe politische, ganz allgemein geschichtliche Bildung.

ZEIT: Kann man noch Herr des Medienbildes bleiben?

Wilhelm: Nicht im Sinne eines planbaren Vorgangs. Aber die Schnelllebigkeit wirkt in zwei Richtungen, neben dem Risiko einer Beschädigung bietet sie auch Chancen. Wenn ein Politiker es schafft, innerhalb seiner Partei am Hebel zu bleiben, ist er etwa nach einem schweren Fehler nicht unbedingt dauerhaft unten durch, er kann sich wieder erholen. Er hat vielleicht stärker als früher die Möglichkeit, sich neu zu erfinden.

ZEIT: Ein Regierungssprecher führt das Leben eines anderen, er muss sich komplett nach seinem Chef richten. Das muss eine Last sein.

Bölling: Ja. Dieses Leben in kaum nachlassender intellektueller und emotionaler Spannung hat seinen Preis. Den habe auch ich bezahlt. Menschen, die einem nahestehen, dürfen zu Recht klagen, dass man sie bisweilen vernachlässigt. Man hörte auch von guten Freunden bisweilen: Du hast alles der Karriere geopfert. Da ist, das will ich widerwillig einräumen, etwas dran. Für sein Gehalt bezahlt man jedenfalls keine Vergnügungssteuer. Das Vertrauen der Bonner Kollegen war so etwas wie eine Entschädigung.

Wilhelm: Es ist schon eine hautnahe Erfahrung. Man ist einerseits mit der Kanzlerin unterwegs, mit Hubschraubern und Leibwächtern, manchmal mit den wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. Und dann geht man abends nach Hause, in seine Zweizimmer-Dienstwohnung in Berlin und kocht sich seinen Topf Nudeln. Da hat man hin und wieder das Gefühl von zwei Leben.

Das Gespräch führten Tina Hildebrandt und Stephan Lebert

 
Leser-Kommentare
    • ClausM
    • 05.05.2008 um 7:59 Uhr

    Würden die nicht zur Überschrift passen?

    • keox
    • 05.05.2008 um 21:59 Uhr

    ist dahin - die Schleimspur aber weist den Weg(Volksweisheit der Tamilen)

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