Sachbuch Abrechnung mit Alice
Der Feminismus à la Schwarzer ist tot, behaupten Jana Hensel und Elisabeth Raether, es leben: »Neue deutsche Mädchen«! Wen sie damit meinen, bleibt ihr Geheimnis
Alice Schwarzer müsste sich glücklich schätzen. So viel Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Monaten hat sie von jungen Frauen lange nicht mehr bekommen. In jedem Buch, das dieses Frühjahr direkt oder indirekt einen neuen Feminismus fordert, ist ihr die Einleitung oder das eine oder andere wütende Kapitel gewidmet. Denn Schwarzer, für die kurze Röcke und hohe Schuhe noch immer in die Schublade »Nuttenmode« gehören, nervt, finden die jüngeren Frauen. Sie habe immer noch nicht begriffen, dass es im Verhältnis zwischen den Geschlechtern nicht nur um Macht und beim Sex nicht nur um Unterdrückung gehe. Und die herrische Art und Weise, mit der die selbst ernannte Übermutter des deutschen Feminismus ihre Dauerthemen – Pornografie, häusliche Gewalt, die Rolle der Frau im Islam – beackert, könne man ihr nur deshalb verzeihen, weil sie früher so viele Demütigungen ertragen musste.
Die selbstbewussten Großstädterinnen, die sich nun zu Wort melden, mussten das nicht mehr. Sie sind wie die Autorin Jana Hensel, Jahrgang 1976, und ihre Lektorin Elisabeth Raether, Jahrgang 1979, erst sehr spät darauf gekommen, dass es für sie und ihre Umwelt überhaupt einen Unterschied machen könnte, dass sie keine Männer sind. Hensel hatte schon ihren Bestseller Zonenkinder geschrieben und war Praktikantin in der Hauptstadtredaktion einer großen deutschen Zeitung, als ihr auffiel, dass man ihre Texte und Themenvorschläge nicht nur nach ihrer Qualität beurteilte, sondern auch danach, wie knapp ihre Jeans am Hintern saßen. Raether, mit Mitte 20 Mitarbeiterin einer großen Kulturinstitution in Paris, stellte fest, dass sie in ihrem neuen reichen, aber viel zu alten Liebhaber den Beschützer gefunden hatte, nach dem sie – ohne es sich einzugestehen – lange gesucht hatte.
Auch die neuen deutschen Mädchen, so der verzagte, aber gar nicht so unpassende Titel des Büchleins, das die beiden Freundinnen nun gemeinsam verfasst haben, sind immer noch geprägt durch die uralten Muster. Auch sie werden, wie Simone de Beauvoir bereits vor Jahrzehnten erkannt hat, zur Frau gemacht. Und das nicht zu ihrem Vorteil. Hensel und Raether wissen das. Sie ahnen auch, dass die Merkels, Limbachs, Mohns und Christiansens, jene Frauen also, deren Karriere manchen Feuilletonisten schon von der Männerdämmerung delirieren ließ, möglicherweise Ausnahmeerscheinungen sind. Ja sie riskieren sogar den Gedanken, dass diese Frauen möglicherweise nur so weit gekommen sind, weil sie stets »die Spielregeln der Männer akzeptiert« haben. Nur, was folgt im Jahr 2008 aus solchen Erkenntnissen?
Nicht etwa, dass die Autorinnen sich nun Gedanken darüber machen würden, wie man diese Spielregeln ändern könnte. Es geht ihnen auch nicht um Fragen der Repräsentation. Hensel und Raether wollen erst einmal herausfinden, was es heute bedeutet, eine Frau zu sein. Und das ist, mehr als 30 Jahre nachdem die verpönte Alice Schwarzer und ihre vergessene ostdeutsche Kollegin Maxie Wander mit ihren Aufnahmegeräten durch den jeweiligen Teil Deutschlands gelaufen sind, um alltägliche Geschlechterkonflikte zu dokumentieren, ja schon wieder ein origineller Ansatz.
Doch leider haben die Autorinnen es nicht nötig, auch nur ein kleines bisschen über den eigenen Tellerrand zu schauen. Ihnen reicht das eigene Leben als Anschauungsmaterial, weshalb das Buch größtenteils nicht mehr ist als eine bauchnabelempirische Anekdotensammlung, in der zwei junge Frauen über ihre Kindheit, die Scheidung der Eltern, ihre Affären, Niederlagen und Erfolge plaudern. Das ist alles gut und bemerkenswert offenherzig geschrieben. Junge Frauen, die auch in Berlin-Mitte leben, was mit Medien machen und gerne auf Partys gehen, bei denen man Wolfgang Joop treffen kann, werden sich gelegentlich darin wiedererkennen.
Alle anderen werden sich fragen, warum ihnen schon wieder jemand erzählen möchte, dass Berlin um die Jahrtausendwende »ein Ort der Illusion und des Scheins« war, »weil es damals noch ein Ort der Neuerfindung war«. Dass die Neuberlinerinnen sich von Job zu Job und von Affäre zu Affäre hangelten und ganz gut damit klarkamen, dass ein geliebter Christian auch etwas mit einer Daniela hatte und ein David immer in Panik verfiel, wenn er die Kontrolle über seine Gefühle verlor.
Spätestens wenn die Autorinnen zum Lob der »neuen Väter« Joachim und Philipp anstimmen, die sich auch nach der Scheidung noch »zu ihrer Verantwortung bekennen«, wird offensichtlich, dass sie ganz bewusst ums Frauenthema herumschreiben. Denn von »neuen Müttern« ist nirgends die Rede. Mütter sehen aus der Perspektive der »neuen Mädchen« immer noch ziemlich alt aus: Entweder sie machen den »neuen Vätern« das Leben zur Hölle, indem sie für sich ganz konventionell eine größere Nähe zum Kind beanspruchen. Oder sie flüchten sich vor den Frustrationen, die jeder Job zu bieten hat, in die traditionelle Mutterrolle und behaupten, beruflicher Erfolg sei eben doch kein Synonym für Gleichberechtigung.
Ein spannender, aus Sicht des Emma- Feminismus auch unerhörter Gedanke, der im Buch aber nicht weiterverfolgt wird. Denn letztlich scheinen die »neuen Mädchen« sich für Frauen nur dann zu interessieren, wenn sie Jana Hensel und Elisabeth Raether heißen. Das ist eine legitime Haltung. Nur sollte man sie nicht Feminismus nennen, das klingt dann doch zu sehr nach Mogelpackung.
- Datum 05.05.2008 - 11:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
- Kommentare 8
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[Gelöscht. Weder Sexismus noch sexuelle Diskriminierung sind hier erwünscht. /Die Redaktion pt.]
Diese Buchkritik war ein echter Genuß und ein Lehrbuchbeispiel für die Kunst, etwas durch die Blume zu sagen (auch wenn die Autorin vor direkter Kritik nicht zurückscheut). Man hat selten so klar zwischen den Zeilen gelesen, dass manche "emanzipierten" Frauen nichts weiter als ein paar manische Egoistinnen sind...
"Bauchnabelempirische Anekdotensammlung", "Mogelpackung"; ein glatter Verriss des Buches.Und, ja man(n) ist geneigt, sich dem Urteil von Stefanie Flamm anzuschließen. Substanz und der Blick auf die Gesellschaft läßt sich auch mit der Lupe nicht finden. Nur egomanische Nabelschau und die unterschwellige Erwartungshaltung, am liebsten im Windschatten eines Mannes (besser: seiner Kreditkarte) durchs Leben geleitet werden zu wollen.Und damit bestätigen die "neuen deutschen Mädchen" dann doch das alte Klischee, dass die Frau im Grunde in ihrer eigenen kleinen Frauenwelt lebt, den Blick strikt auf den eigenen Suppenteller gerichtet und mit Hingabe und Eitelkeit ihr eigenenes Spiegelbild reflektiert (Einfach mal zwei Spiegel gegenüberstellen, sich selbst in die Mitte zwischen beide und man weiss was ich meine).Die "neuen deutschen Mädchen": Rosarot gekleidete Möchtegernprinzessinnen, in Vollpension auf dem Ponyhof lebend (Papa zahlt) und trotzig fußstampfend von den Männern Respekt und Privilegien einfordernd.Zum Ablachen (es dürfen auch Pferdeäpfel geworfen werden *gg*)Ich prophezeie schon mal vorsorglich: Wir werden Alice S. dereinst vermissen. Sie ist eine würdige Gegnerin :-)
So eindeutig verlaufen leider die Grenzen nicht, wie Autorin dies skizziert, wenn ich ihr Urteil im Hinblick auf das Buch auch teile.Der Feminismus ala Schwarzer ist ja gerade wegen solcher Angehörigen des weiblichen Geschlechts in Verruf geraten. Letztlich auch weil in der Öffentlichkeit eine Abgrenzung zwischen den Zielen des Feminismus und der Gruppe der Trittbrettfahrerinnen auf Egotrip nicht stattgefunden hat.Die Lebenslüge, die darin verborgen lag war als Thema lange Zeit Tabu, oder man galt als Mann als Chauvinist.Gerade wegen dieser zum Teil auch nicht fairen Zusammenhänge ist der Feminismus ala Schwarzer Tod, den Buchautorinnen ist bloß nicht bewußt geworden, das sie dazugehören.Die neueren Forschungen hinsichtlich der Motive von Frauen, warum selbst Karrierefrauen ihre Karrieren abbrechen ist da viel weiter.Haufrauen zu schelten ist nur dann zielführend, wenn diese so borniert wie manche Feministinnen es getan haben, ihre Lebensweise verabsolutieren, so wie in den 50-ziger Jahren. Das aber ist heute kein Thema mehr und die meisten Hausfrauen, vor allem wenn sie Mütter sind, leisten in jeder Beziehung mehr, als solcherart Feministinnen. Berthold Grabe
Bei dem Thema "Rolle der Frau in der Gesellschaft" sind natürlich solche Frauen gemeint, die tatsächlich eine FrauenRolle innehaben. Das impliziert, dass sie auch etwas mit Männern zu tun haben. Ob man das von Alice Schwarzer behaupten kann ?Insofern weist das Buch, welches ich _nicht_ gelesen habe, vielleicht sogar besser in die geeignete Richtung, nämlich die _wahre_ Emanzipation der _richtigen_ Frau, als manche der Reden von A. Schwarzer & Co. .
Nix verstanden? Es geht um Menschen jedwelchen Geschlechts - vorsichtige, zeitgemässe Zählweisen kommen hier zu Ergebnissen um die 5 und berücksichtigen sexuelle Orientierung dabei nicht - und nicht nur um eine Gruppe: Frauen. Es gibt eine emanzipierte GESELLSCHAFT oder keine Emanzipation. Manchmal hab ich das therapiebedürftig paranoide Gefühl, die Emanzipation der Frau sei ein Illuminatentrick aus der "divide et impera"-Kiste. Oder vielleicht auch nur eine Angelegenheit politisch höchst kurzsichtiger Frauen. Man kann's nicht sagen...Abgerundet wird derlei Jammerbild dann noch von "männlichen" Feministen, eine Haltung, die trefflich mit "Vorauseilende freiwillige Selbstkastration" umschrieben ist und keinem zivilisatorischem Zwecke dient.Ich jedenfalls bin - klingt das grotesk - am Ehesten ein Emanzipist. Die Gleichheit der Menschen äussert sich in gleichen Rechten und gleichen Chancen, nicht in Quoten und möglicherweise fährt Frau besser damit, sich mit meinesgleichen zu verbünden, als alle Männer in Bausch und Bogen in den Patriarchentopf zu stecken mit wenig mehr Beweisen als der Geschlechtszugehörigkeit. Ein paar Frontbegradigungen täten der Gesellschaft zweifellos gut.Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
Ludwig Wittgenstein
Der Feminismus ist nicht tot. Und Alice Schwarzer lebt! Heutige Fragestellungen und Auseinandersetzungen zum Thema "Feminismus / Gleichberechtigung" fußen auf der sehr mühevollen Aufbauarbeit, die in Deutschland maßgeblich von Alice Schwarzer geleistet wurde. Diese Verdienste sollte man nicht vergessen, wenn es darum geht, weitere gesellschaftspolitische Erfolge bezüglich der EMMAnzipation voranzutreiben. Der Laudator Harald Schmidt hat anlässlich der Überreichung des Ludwig Börne-Preises an Alice Schwarzer diese "die deutsche Simone de Beauvoir ohne Jean-Paul Satre" genannt. Ironisch und doch treffend! Frau Schwarzer hat zu Beginn "der Frauenbewegung" vieles sehr einseitig und manches übertrieben dargestellt (jedenfalls haben das manche Frauen und viele Männer so empfunden). Sie wirkte oftmals "sehr verbissen". Aber das ist doch kein Wunder! Öffnen Sie mal die Büchse der Pandora - und heraus kommen über die Jahrhunderte perfektionierte Macho-Strukturen! Heute wirkt Frau Schwarzer sehr viel abgeklärter. Es bleibt zu hoffen, dass dies nichts, aber auch gar nichts mit Resignation zu hat. Und sollte es "neue" Frauen geben, die den Taktstock der Emanzipation in den Händen halten wollen, Frau Schwarzer wird das nur recht sein. Sie wird sich, anderes ließe ihr Temperament gar nicht zu, immer wieder in eine diesbezügliche Debatte einbringen.
das kann man, zumindest bei Spitzenfunktionen, wohl schon ganz allgemein sagen, es ist dies ja auch ganz logisch, denn ein Kind braucht nun mal, selbst bei bester Fremdbetreuung, wenigstens eine kleine Portion Aufmerksamkeit und Zuwendung, die eine andere Frau, oder ein alleinstehender oder klassisch verheirateter Mann, sonst dem Beruf zuwenden kann. Soviel zu dieser Simplizität.
Es kam sogar schon vor Jahren im zdf (bei Abenteuer Wissen), dass sich schon kleine Mädchen völlig freiwillig eine Puppe zum Spielen wählen, kleine Jungen hingegen einen Traktor, und dies ohne kulturellen Fremdeinfluss! Das ist also nicht nur aufgezwungen, wie uns mancher dies weismachen will! Aber sich gibt es Bedingungen, wo auch eine Frau sich dann doch lieber zum Traktor hingezogen fühlt als zu einem Kinde, oder wo ein Mann die Rolle der Frau übernimmt, bei der Kinderbetreuung - ob das nun aber besonders gute und menschenfreundliche Bedingungen sind (heute), das ist hier die Frage: M.E. nicht!
Simpel und wissenschaftlich belegt ist ja eben, dass sich aus der unterschiedlichen Biologie, (Frauen haben nur weniger Fortpflanzungszellen, und dann zunächst das Kind am Hals, Männer viele, und wollen diese auch möglichst weit verteilen...) auch bei Menschen ein unterschiedliches Verhalten ergibt. So fühlen sich die körperlich den Männern insgesamt letztlich unterlegene Frauen halt natürlicherweise zu Männern, zu erfolgreichen, gesunden und kräftigen Männern zugetan, genauso wie junge Männer zu schönen gesunden und jungen Frauen neigen - um sich fortzupflanzen bzw. wenigstens zu paaren. Das ist bei jeder Tierart so. Der Mensch kann dies aber, im Gegensatz zu so manchen Tieren wohl, unterdrücken. Sei es, durch die Pille, sei es durch andere Ablenkungen (wie schöne Urlaube, oder eben Sex mit Pille), oder sei es aufgrund von allgemeinen und konkreten Gefahren und von Streß. Wobei nicht ein jeder alle allgemeinen Gefahren wirklich erkennen kann, wie man dies sehr gut ja bei den letzten Weltkriegen erkennen konnte.) Bei Streß und Ungeborgenheit kommt nun die Hochzivilisation mit ihren Zwängen und diversen Anforderungen dazu - die auch psychisch durchaus immens sein können. Und hier hat Frau Schwarzer die Nase vorn. Ja, sie ist eine Spitzenfrau - die wohl auch deshalb keine Kinder hat, und die anderen sagt, dass das ein Teil der Emanzipation sei. Damit hat sie zwar recht, wir emanzipieren uns so von unserer Biologie, dem zentralen Teil unserer Tierhaftigkeit, also unserem Vermehrungstrieb (vom Ernährungstrieb kann man sich nicht emanzipieren, nur von den naturgegebenen Schwankungen des Nahrungsangebotes u. manchen Risiken und Einseitigkeiten der Nahrung), und ja, dazu gibt es letztlich, für Mann und Frau, keine Alternative -man kann nicht mehr aus der Zivilisation wirklich ausbrechen! Im Gegenteil, die letzten Naturvölker werden nun auch noch (,wie so oft, zwangs-)integriert! Nur ist dies deshalb nun nicht eindeutig als die Erfüllung aller Träume anzusehen, da solches letztendlich eben zum Aussterben der Menschheit führt. Nur wenn man dies als die Erfüllung aller Träume ansehen sollte, dann sollte man dies so sagen - bzw. auch dies sagen! Hier tun manche so, als sei der Verzicht auf diesen Punkt unserer Biologie nun ohne diese Konsequenz zu haben, sondern quasi die Voraussetzung für den Erfolg der Menschheit. Der Erfolg besteht hier nur in der Verhinderung einer Katastrophe, die sich aufgrund einer ungehemmten Vermehrung (aller) zwangsläufig einstellen würde! Frau Schwarzer ist für mich, unbewusst, eine moderne Nonne. Manche, wenn nicht gar viele "neue dt. Mädchen", ebenso aber auch Frauen und Mädchen aus anderen Ländern und Kulturen, sind und waren dies aber auch, mussten und müssen dies halt auch sein. Die Klöster für Männer und Frauen waren der klassische Fall, die Pille und die wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen Mönchsein ohne Sexverzicht und individuelle Freiheiten und Bildung ohne Kloster.
Ein Kloster, das ist wahr, ist wesentlich besser als Krieg - das Paradies auf Erden sieht - bzw. sah - aber anders aus!
Oder:
Die Apokalypse ist wesentlich schlimmer als das friedlich wohlorganisierte Aussterben der Menschheit! Das Paradies ist auf der Erde aber nicht zu verwirklichen - es ist nur in unseren Träumen...
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