Sachbuch Voilà, das Ich

Was in aller Welt ist das Ich? Der Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter startet erhellend und landet sehr befremdlich

Wieder ein Buch über das Ich. Aber wenn jemand wie Douglas Hofstadter »Woher kommt Ich-heit?« fragt, dann hilft’s nix, dann muss das Buch aufgeschlagen und gelesen werden. Von wegen freier Wille! Ja, auch über ihn steht etwas drin, den Kognitionswissenschaftler aus Bloomington, Indiana, Sohn eines Nobelpreisträgers der Physik, der schon als Kind im Schatten der großen Universitäten Amerikas lebte, selber promovierter Physiker ist und ein Sprachgenie (kundig in: Französisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch, Schwedisch, Holländisch und ein bisschen Hindi), ein Starautor, der sich selbst im Web so beschreibt: »Ich bin ein Gemisch aus Mathematik, Naturwissenschaft, Kunst, Musik und Sprache, wobei alle Bestandteile in ungefähr gleichem Ausmaß vertreten sind.«

Hofstadter hat das Glück und das Pech, in jungen Jahren einen internationalen Bestseller verfasst zu haben: Gödel, Escher, Bach , ein Buch, dessen Lektüre zur höheren Allgemeinbildung zählen darf. Sein Autor konnte nicht ahnen, dass die nachfolgenden Arbeiten in dessen Schatten bleiben sollten. Frühzeitig stellte er aber zu seinem Bedauern fest, dass der Kern seines Erfolgsbuchs wenig diskutiert wurde, nämlich die ganz besondere Theorie des Bewusstseins.

Seither müht sich Hofstadter, diese Theorie plausibler zu machen, immer plastischer darzustellen; mit Ich bin eine seltsame Schleife ist es ihm jetzt am besten gelungen. Was auch daran liegt, dass die Bewusstseinsforschung mittlerweile ihre Begriffe präzisiert hat, vor allem aber daran, dass Hofstadter inzwischen die 60 überschritten hat. Sein Ich, das über das »Ich« schreibt, hat vieles sehen und verarbeiten müssen.

Schon sind wir mittendrin: Ein Ich, das »Ich« schreibt, wäre ein Beispiel für Hofstadters Leitmotiv, die Selbstbezüglichkeit. Aus ihr entsteht Bewusstsein. Denn Gehirne verarbeiten Symbole für wahrgenommene Reize, später regelrechte Modelle der Welt, also auch ihrer Mitlebewesen, und irgendwann sogar ihrer selbst – voilà, das Ich. Gedämmert habe dies ihm, wie Hofstadter schreibt, als er sich für ein epochales Problem der Mathematik und Logik interessiert hatte, nämlich die Beweisbarkeit von Sätzen. Der österreichische Logiker Kurt Gödel hatte 1931 gezeigt, dass sich in jedem nichttrivialen formalen System Aussagen vom Typ »Diese Aussage ist nicht beweisbar« formulieren lassen – und zwar ohne problematische Wörter vom Typ »diese«. Das bedeutet, wenn das formale System widerspruchsfrei sein soll, dass diese Aussage wahr und doch nicht ableitbar ist.

Gödel hatte damit eine unübersteigbare Grenze formalen Schließens gefunden. Seine verwickelte Methode, mit rein formalen Mitteln derartige Sätze zu bilden, hat Hofstadter in Gödel, Escher, Bach meisterlich popularisiert, und auch in seinem jüngsten Buch wird dieser einmalige Moment der Geisteswissenschaft noch einmal mit Gefühl erklärt. Nicht als Selbstzweck; Hofstadter will darlegen, dass die Verarbeitung von Symbolen auf der Stufe einer gewissen Komplexität dazu führen muss, dass sie sich mit sich selbst beschäftigt.

Hofstadters Selbst jedenfalls stellt sich in seinem jüngsten Werk auf beinahe jeder Seite dar, aber das geht in Ordnung, denn der Autor, als geistreich bekannt, ist weise geworden. Ihn interessieren die Themen der Weisen: Liebe, Freundschaft, Menschlichkeit. Und er will sie ergründen auf der Basis eines knallharten Atheismus, philosophischen Materialismus, ja Physikalismus; ihm ist alles Physik, nur lässt sich nicht alles physikalisch erklären.

Das Gehirn besteht aus Atomen, wer wollte das bestreiten, und außer der Bewegung atomarer (oder subatomarer) Teilchen existiert nichts weiter, doch um die Ergebnisse ihres Zusammenwirkens zu begreifen, muss diese unterste Ebene verlassen werden. Ein Ingenieur, der Druck und Temperatur eines Gases berechnet, kalkuliert ja auch nicht die Energiezustände und Flugbahnen jedes Partikels. Hofstadter führt noch viele andere Beispiele dafür an, dass Makrostrukturen sehr wohl eine eigene Beschreibungsebene haben, obwohl sie lediglich aus der massenhaften Wechselwirkung von Mikrovorgängen entstehen. Neu ist das nicht, aber neuartig und einleuchtend beschrieben, liebevoll übersetzt noch dazu. Doch immer wieder schlägt der Autor den Bogen zu seinem wichtigsten Gedanken: Das Ich lässt sich verstehen, wenn wir es als Symbolverarbeitung betrachten, die sich auf sich selbst bezieht. Nur findet sie nicht in einer materielosen Seelensubstanz statt, sondern als Funktion der Materie. Insoweit bleibt Hofstadter traditioneller Materialist.

Freilich einer, der an das Weiterleben von Seelen nach dem Tod glaubt. Und das geht so: Wir modellieren auch die Ichs unserer Mitmenschen, und wenn diese sterben, so bleiben wenigstens die symbolverarbeitenden Modelle der Ichs in uns bestehen.

Abstrakt? Konkret beschreibt Douglas Hofstadter, wie es ihm nach dem Tod seiner Frau geschah. Auf diese Weise macht er die Mitmenschlichkeit argumentativ zugänglich, die Zuneigung, die Nächstenliebe. Auch die großen Seelen, in denen viele wohnen, in manchen gar die Menschheit. Er verehrt Albert Schweitzer als eine solche große Seele – und an dieser Stelle kippt das Buch. Hofstadter sieht die großen Seelen, aber auch die kleinen, die mit wenig Bewusstsein. Etwa im Tierreich, er macht feine Abstufungen. Je kleiner die Seele, je geringfügiger das Bewusstsein, desto weniger Schutz verdiene sie, argumentiert der Autor. So weit, so gut? Hofstadter geht weiter als gut, und mit Befremden lesen wir von den kleinen, weniger schutzwürdigen Ichs Behinderter.

Mit einer solchen Skalierung, die vom Bakterium bis zum Papst reicht, steht Hofstadter unter den Ethikern nicht allein. Sie führt notwendigerweise zu unangenehmen Gleichungen, etwa zwischen der Geistesstufe eines Pferdes und eines behinderten Babys. Da sträubt sich alles, freilich ist Empörung kein Argument. Vielmehr wäre gegen Hofstadter zu begründen, warum die menschlichen Gesellschaften eine Ethik brauchen, die jedem Mitmenschen die gleiche Würde zuspricht.

In diese Konsequenzen seiner Überlegungen stößt Hofstadter nicht vor. Na und? Es sind nicht die schlechtesten Bücher, die der Leser aus der Hand legen muss, um kopfschüttelnd weiterzudenken.

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 06.05.2008 um 21:16 Uhr

    1)
    „Ich“ : „Hey, du kannst ruhig „Du“ zu mir sagen!“  2)„Vielmehr
    wäre gegen Hofstadter zu begründen, warum die menschlichen Gesellschaften eine
    Ethik brauchen, die jedem Mitmenschen die gleiche Würde zuspricht.“ -
    Umgekehrt: Hofstadter muss logisch begründen, warum er nicht jedem Mitmenschen
    die gleiche Würde zubilligt. Würdefragen sind Bewertungsfragen und Hofstaedter
    wäre gezwungen nachzuweisen, warum seine, oder irgend eine Bewertung die eine
    gestufte Würde des Menschseins und der Natur annimmt, durch das
    „Bewertersubjekt“, z.B. Hofstaedter, oder ein 
    „Bewerter-Kollektiv“, formal logisch „wahr“, bzw. „richtig“  sein soll. - Das dürfte sehr schwer fallen. 3) Was
    Hofstadter mit seinen „Differenzierungswünschen“ der Würde, vom Bakterium bis
    zum Nobelpreisträger, eher umständlich und leise kritisiert, ist unser
    allgemeiner Hang, der Natur einen betrachterunabhängigen Wert einzuräumen. Tragfähiger
    wäre wohl, streng rationalistisch davon auszugehen, dass alle Wertungen und
    Differenzierungen Menschenwerk bleiben und daher nie unabhängig gedacht werden
    können. Hofstadters
    Problem: In den meisten  menschlichen
    Entscheidungsfällen sind schon die 
    rational einzustellenden Begründungen zu  komplex, um leicht, und sicher vor Katastrophen, einer
    getroffenen Entscheidung/Wertung zu folgen. Wenn also triftige Entscheidungen
    anstehen, ist es doch rational und emotional wesentlich leichter, nur relativ
    sichere Abwägungen zu treffen, die Umkehr oder Änderung schon mit zu bedenken
    und nichts unmöglich zu machen,  „piecemeal“ und Rückholbarkeit als
    Selbstschutz der Menschheit und des Menschen zu betreiben.  Anwendungsfall:
    Sehr wohl würde sich die Menschheit vereinen, gelte es etwa einen Meteoriten
    auf Kollisionskurs oder „feindliche“ Außerirdische abzuwehren.  Aber bei der so bedauerlich beschränkten
    wissenschaftlichen und formal logischen Kapazität in irdischen Fragen, dürfen
    wir wohl kaum weiterhin bereitwillig den logisch auftretenden terrible
    simplificateurs trauen, die den „Markt“ oder einen irgendwie gearteten
    Wertungsgedanken, eine erweiterte „Züchtungsregel“,  als Maßstab für den Umgang mit den natürlichen Ressourcen und uns
    selbst als Gattung und Individuum anempfehlen.     Grüße Christoph
    Leusch   

  1. Das ich geht meistens davon aus, dass das du  ungefähr verstehen kann was das ich meint.Um den vorhergehenden Komentar zu verstehen, musste ich mich ziemlich anstrengen, was nicht weiter verwunderlich ist bei diesem Thema, da die Prämisse wer denn nun zum was denken berechtigt ist, nicht ganz klar ist.Denken kann das ich ja nur ich bezogen, weil es ein ich -Systhem ist und nicht über sich stehen kann, obwohl es oft so tut, als ob das ginge. Mathematik ist da auch kein Weg aus der Misere.Nach dem Motto: Wie viel Wert ist das Leben des dunklen Huhns auf meinem Schoß?Es ist exakt das Wert, was ich (ich, persönlich, mir mich) und nicht du oder jemand der es essen möchte, ihm für einen Wert b e i m e s s e.Da es ja keinen Gott gibt (jedenfalls keinen, der uns allen gleich wichtig usw. ist:-), der uns ein übergeordnetes Wertesystem gibt...ist der Vorschlag den Wert einer Seele zu bemessen, über die Bemessung  ihres aktiven Fassungsvermögens, für mich ein hilfloser Versuch zum Zenbuddismus zu konvertieren...

    • Anonym
    • 07.05.2008 um 13:11 Uhr
    3. dinner

    wer je vor einer amerikanischen speisekarte sass, weiss, was hier gemacht wird. es wird segmentiert bis zum letzen korn salz, bis zum letzen natural herb. roasted to perfection.
    die frage ist nicht what's on the menu?
    die frage ist.
    where's my dinner?

  2. "Goedel, Escher, Bach" hatte ich in den Achtziger Jahren gelesen und wollte, konnte es schon damals nicht verstehen.
    Die Einzigartigkeit des menschlichen Bewusstseins durch selbstreferentielle Rueckkopplungsprozessen zu erklaeren, die Hofstadter aus dem Goedelschen Unvollstaendigkeitssatz herzuleiten bemueht ist, ist wissenschaftlicher Unfug.
    Goedels Thema war die Frage, ob eine universelle Evidenzquelle der Axiomatik existiere. Hofstadter aber hat eine rein technische Herangehensweise an die Dinge. Er diskutiert nicht Goedel, sondern bedient sich rein spekulativ dessen Erkenntnisse und deutet diese um. Goedels axiomatische Erkenntnisse sind sozusagen die Software fuer die Hofstadtersche Bemuehungen, Denken zu interpretieren und zu modellieren, also eine Hardware fuer "kuenstliche Intelligenz" zu erschaffen.
    Nun ist dem Ich kein bestimmtes Hirnareal zuortenbar. Das Ich ist ein dynamisches Funktionssystem. Als Substrat dient ihm ein ganzes Buendel an Gehirnteilen, der sog. "kortikothalamische Ausdehnungsbereich". Durch Lernprozesse - nichts anderes als synaptische Konditionierungen und hieraus folgend  Akkumulation von Engrammen - wird das Ich und somit das Bewusstsein veraendert.
    Hofstadter ist ein typisches Produkt des wissenschaftlichen amerikanischen Mainstreams. Seine Spekulationen sind rein markttechnisch orientiert.  Es geht ihm nicht um das Humanum an sich, sondern um die Ausbeutbarkeit desselben. 

    • GEBE
    • 08.05.2008 um 16:17 Uhr

    "Jesus Christus spricht:“Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” (Matthäus 28,20)Das ICH als Gemeinsamkeit des Göttlichen Ganzen im Menschentum, als persönlicher  Wesenskern des Individuums (indivi duum = unteilbare Zweiheit) und zugleich das Verbindende innerhalb des Menschentums. .Das ICH  als dasjenige, welches freie geistige Essenzbildung ist im Wesen des Einzelnen, aus dem geistigen Ganzen als solchem. Und es ist der innere Zustand, der sich verwandelt (transubtantiiert, wesenswandelt), der durch den Tod geht vom Leben zwischen Geburt und Tod in ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt zu einem neuen Leben zwischen Geburt und Tod ....Das ICH ist die durch die Christustat im Mysterium von Golgatha in die Menschheit gegebene Begabung des Menschenwesens zur Entwicklung der Freiheit..Es möge nützen!

    Herzlichst Ihr
    GEBE

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