Siebeck Alle lieben Berlin, nur die Köche nicht
Thomas Kellermann ist einer der besten - und ergreift die Stadtflucht
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Schönheit Berlins gepriesen wird. Vor allem amerikanische Zeitungen loben unsere Metropole immer wieder. Wie inspirierend sie sei, wie animierend, wie unwiderstehlich sie die kreative Jugend aus aller Welt anziehe, welche irgendwo zwischen Kreuzberg und Mitte ihre Zelte aufschlage. Und dann wird mit Begeisterung geschildert, wie die Kreativen sich tummeln auf dem märkischen Sand, wie sie Bilder malen, Mode machen, Filme drehen in den großen, leer stehenden Lofts, die für ganz wenig Geld zu mieten sind. Berlin, so kann man immer wieder lesen, gleicht heute dem New York der siebziger Jahre.
Der Gnade meiner frühen Geburt verdanke ich, dass ich in jener Epoche zufälligerweise in New York war. Dort wurde ich von Ganoven verfolgt, die es auf meine Besitztümer abgesehen hatten. Aber ich habe es nicht immer bemerkt, weil ich oft betrunken war.
Und noch etwas hatte ich gemein mit den Kreativen, die heute in Berlin den Ton angeben: Ich lungerte häufig in Kunstgalerien herum. New York hatte den Ruf, eine Kunststadt zu sein. Eine Stadt wie ein Magnet, der alle Punks, Warholianer und Bohemiens aus dem Schwäbischen an sich zog. Wie heute Berlin.
Nur eine Sorte kreativer Zeitgenossen fühlt sich von Preußens Hauptstadt wenig angezogen: die Köche. Kaum dass so einer sich zwischen Charlottenburg und Prenzlauer Berg einen Namen gemacht hat, schüttelt er schon wieder den Staub von den Füßen und legt den Rückwärtsgang ein. Was sollen die Amerikaner denken, die in ihren Zeitungen von den faszinierenden Zuständen in Berlin lesen und daraufhin ergebnislos die Straßen nach Trüffelomeletts durchstreifen? Von den Chinesen auf der Suche nach Rostbrathunden ganz zu schweigen.
Ich sehe sie vor mir, wie sie, angeführt von einem Maoisten, der den blauen Schirm mit den geheimnisvollen Schriftzeichen über dem Kopf schwenkt, vor dem Hotel Ritz-Carlton landen. »Hier«, lässt sich das verdienstvolle Mitglied der 6. Pekinger Roten Brigade vernehmen, »hier, im Restaurant Vitrum, steht der Genosse Kellermann am Herd, einer der größten Rührbrater dieser Stadt. Er wird uns ein Highlight der modernen Berliner Küche servieren.«
Doch der Genosse Kellermann wird Berlin Ende Mai verlassen und sich nach Bayern absetzen. Ihm, der zu den besten Köchen im Schatten der Schinkelschen Säulen gehörte, hats in Berlin nicht mehr gefallen. Man muss es zweimal lesen, um es zu glauben: Da steht ein kreativer junger Mann am vornehmsten Herd der deutschen Hauptstadt, von seinen Gästen gelobt und von US-Zeitungen als Beispiel für ein neues, junges Deutschland gefeiert, und dieser Thomas Kellermann verlässt Berlin.
Wenn das Schule macht, wenn diese Stadtflucht um sich greift, wie sieht dann die Zukunft unserer Metropole aus? Ich bin gleich los ins Land des Havelzanders. Am Hauptbahnhof angekommen, musterte ich misstrauisch die nach Bayern abfahrenden Züge, entdeckte aber gottlob keinen mir bekannten Küchenchef. Aber es wimmelte von frisch eingetroffenen Kanadiern, Chilenen, Ukrainern, Australiern, Tibetern, Mexikanern, allesamt Maler, Tänzer, Lyriker und Musiker auf der Suche nach dem New York der siebziger Jahre.
Ob die Erbswurstrührer und Schnitzelbrater schon am Tegernsee waren? Ich warf mich ins Taxi, als der Fahrer die Tür noch nicht richtig geöffnet hatte, und landete anstatt im Borchardt in der Charité. »Sind die Köche noch da?«, war meine erste Frage, als ich die Augen öffnete, worauf mir die Schwester eine Beruhigungsspritze gab.
Ja, ein paar sind noch an der Spree, erfuhr ich später. Und so konnte ich mich am nächsten Morgen aufmachen und einige von ihnen besuchen: Kolja Kleeberg im VAU, Christian Lohse im Fischers Fritz, Michael Kempf im Facil, Marco Müller im Rutz. Was ich bei ihnen erlebt habe, erzähle ich nächste Woche.
Restaurant Vitrum im Hotel Ritz-Carlton, Potsdamer Platz 3, 10785 Berlin, Tel. 030/33777634, www.restaurant-vitrum.com
- Datum 05.05.2008 - 11:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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Sehr geehrter Herr Siebeck, in der Tat, Berlin ist ein kulinarischer Problemfall. Aber man findet zwischen jovialem Currywurstdünkeln und pseudo-trendigem Fusion-Allerlei den ein oder anderen Koch, der nicht nur gutes Essen zubereitet, sondern auch nicht auf der Flucht ist. Zugegebenermaßen ist es nicht so einfach, da Berlin immer noch zwischen Illusionärem und Illusionistischem hin und her wankt. Aber erst neulich habe ich Thomas Kammeier wieder getroffen. Er führt das Hugo's im InterContinental und macht das nicht schlecht. Zumindest so gut, dass sich die Esser von Michelin mit einem Stern bedankten. Die Tische im Hugo's sind immer ausgebucht. Die Atmosphäre ist eher privat. Nur Thomas Kammeier verweigert sich: Er will nicht noch mehr Trubel, sondern nach eigenen Vorstellungen weiterkochen. Er bleibt den Molekular- und Trendküchen fern, aber dafür ist er sehr nah an seinen Kunden - und bleibt in Berlin. Mit besten Empfehlungen,Tibor Borbély
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