Spielen Lebensgeschichte

In die Schule ging der spätere »verehrte Lehrmeister und Erzieher des Volkes« nur, wenn Zeit dafür war, höchstens ein paar Monate im Jahr. Schreiben und rechnen müsse man schon können, meinte sein Vater. Weit vor aller Bildung aber rangierte Geschäftstüchtigkeit, und die lernten seine sieben Kinder, indem sie von früh an in seinem Fischladen mitarbeiteten. Voller Vergnügen erinnerte sich der Sohn später an das Auffädeln gepökelter Fische, das Melken von Stören und den Stolz, allein zum Einkaufen auf den Großmarkt geschickt zu werden. Als die Geschäfte prosperierten und Handelsbeziehungen ins Ausland geknüpft wurden, befand der Vater, es helfe nichts, nun müsse der Sohn auch Sprachen lernen. Mit 15 Jahren war dann aber Schluss mit den Schulweisheiten. Der Vater fragte, welchen seiner Geschäftszweige er weiter betreiben wolle, und übertrug ihm die Verantwortung für ein Nebengeschäft, das damals noch niemand als Beruf betrachtet hätte. Es lebte von glücklichen Zufällen, die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren gingen weit über normale Geschäftsrisiken hinaus, und es erforderte ausgedehnte Reisen.

Mit Feuereifer und Unternehmergeist machte sich der junge Mann ans Werk und stach nicht nur bald die wenigen Konkurrenten aus, sondern entwickelte Verfahren, planmäßig in den Besitz seines »Materials« zu kommen. Bald hatte er eine Monopolstellung und wurde zum Pionier eines Handelszweigs, der von der Faszination für die »Wunder der Welt« lebte, zu einer Zeit, als diese Hochkonjunktur hatten. Bei aller Begeisterung für seine Ware blieb er stets Kaufmann, und wenn die Bilanzen seines »fressenden Kapitals« zeigten, »dass keine Seide mehr daraus zu spinnen« war, ließ er sich etwas einfallen. Er ging unters fahrende Volk und entwickelte auch da Methoden, die Schule machten. Seine ausgedehnten Unternehmungen kulminierten in einem grandiosen Projekt. Darin wollte er die »Erfahrungen und Beobachtungen, die ich im Lauf der Jahre sammelte, … in die Praxis« umsetzen. Seine Vorstellungen stellten sich als zukunftsweisend heraus, wenngleich sich manche Skurrilität daruntermischte. Gegen viele Widerstände schuf er auf einem Kartoffelacker sein »Paradies«.

»Mein eigener Weg hat durch die Kreise des fahrenden Volks aufwärts geführt durch das Lager der Wissenschaft und vielfach bis zu den Stufen der Throne. Auf den weitverzweigten Feldern meiner Arbeit in allen Ländern der Erde bin ich vielen Menschen begegnet, um unter Menschen aller Stände und jeder Farbe Freunde und Förderer zu finden. Gekrönte Häupter, die Gewaltigen der Erde und Häuptlinge wilder Völkerstämme, Gelehrte und Tierbändiger, Weltreisende und Artisten, Philosophen und Gaukler sind mit bestimmend in mein Leben getreten.«

Ein Höhepunkt war, als das für ihn maßgebliche gekrönte Haupt ihn auszeichnete und sagte: »Sie haben hier ein bildendes, wissenschaftliches Institut geschaffen, wie keiner zuvor.« Wer war’s?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 18:
François Mitterrand (1916 bis 1996) war Abgeordneter, Bürgermeister, Staatssekretär, Minister und von 1981 bis 1995 französischer Staatspräsident. Kurz vor seinem Tod gestand der Résistance-Kämpfer Mitterrand ein, auch Kontakte zum Vichy-Regime gehabt zu haben. Das Bonmot stammt von François Mauriac, das Zitat von seiner Übersetzerin Brigitte Sauzay

 
  • Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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  • Schlagworte François Mitterrand | Abenteuer | Schule | Fisch | Staatssekretär
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