Strafe und Lust
Es ist, als würde er um sein Leben reden. Georges-Arthur Goldschmidt ist nicht aufzuhalten. Man muss ihm wirklich nur eine Frage stellen, schon sprudeln die Worte aus ihm heraus, mit Druck, mit Witz, mit Lust an der Erzählung. Als wäre er ganz Mensch nur im Wort. Sein langjähriger Freund Peter Handke, den er jetzt den »früheren Freund« nennt, schrieb einmal über ihn: »G. wechselt so schnell von einem Thema zum anderen, dass einem schwindelig wird und in diesem Schwindel wird man unempfänglich für G. als Person.« Vielleicht hat Handke es genauer gespürt als andere.
Vielleicht, gut möglich, handelt es sich um eine Art Ablenkungsmanöver: Georges-Arthur Goldschmidt, der alles erzählt, dessen Bücher immer wieder um das eigene Trauma kreisen wie um ein schwarzes Loch, der viel von sich preisgegeben hat, vielleicht spricht er nur deshalb so viel, weil er weiß, dass er das Schweigen nicht überlebt hätte. Einen einzigen Satz wird er sagen an diesem ersten warmen Tag im April, in dem er sich zu erkennen gibt: »Ich bin ein Autist, der sprechen gelernt hat.«
Der Ort für das Rendezvous steht schnell fest: Café Zimmer an der Pariser Place du Châtelet. Das klingt nicht nur deutsch, das ganze Kaffeehaus wirkt auch so mit seinem Gründerzeitdekor, mit dunklen, gedrechselten Möbeln, mit Troddeln und Volants. » Wienerisch aufgetakelt« nennt Goldschmidt das, als er den Treffpunkt beschreibt.
Hier trifft er sich gern, seit 30 Jahren schon, die Metro führt ihn direkt aus Belleville, wo er wohnt, ins Zentrum der Stadt. Franzose ist er geworden, Beamter sogar, als Deutschlehrer hat er gearbeitet, nebenbei Essays geschrieben, aus dem Deutschen ins Französische übersetzt, allein an die 20 Bücher von Handke, aber auch Kafka und Nietzsche, bis er spät, als er schon über 60 war, selbst mit dem Schreiben begann.
Am 2. Mai wird er seinen 80. Geburtstag feiern. Aber der Mann, der das Café betritt, wirkt nicht gebrechlich, nicht müde, nicht wie ein Mensch, der das meiste schon hinter sich hätte. Er kommt einem vor wie »das Kind mit grauen Haaren«, wie Hölderlin den Dichter nannte, wie jemand, dem die Zeit kaum etwas anzuhaben scheint. Immer noch wildes, gelocktes Haar, wenn auch weniger. Immer noch blaue Augen, die die Herausforderung suchen. Tatsächlich gehört Goldschmidt zu den wenigen Menschen, in deren Gesicht man das Kind, das er war, noch erkennen kann. Als habe er, weil er alles verlor, sich das zumindest bewahrt.
Georges-Arthur Goldschmidt ist ein Schwarzfahrer des Schicksals. Die Formulierung hat Konjunktur, seit er sie das erste Mal benutzt hat.
Gemeint ist damit: Er gehört zu denjenigen, die eigentlich nicht hätten überleben dürfen. » Normalerweise hätte aus mir Rauch, ein Lampenschirm oder Seife werden müssen.« Ein »Drückeberger« ist er, so sagt er es, weil er so gerne mit Worten spielt und weil das Überleben auf ihm drückt, obwohl es ihn auch beflügelt.
1928 wurde er als letztes von drei Kindern in einem großbürgerlichen, protestantischen Elternhaus in Reinbek bei Hamburg geboren. Mit dem Judentum hatte man schon lange nichts mehr am Hut. Beide Seiten der Familie waren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zur evangelischen Kirche übergetreten. Als seine Eltern ihn am 18. Mai 1938 gemeinsam mit dem älteren Bruder in einen Zug nach Italien setzten, begriff Goldschmidt erst gar nicht, warum seine Eltern ihn wegschickten.
Jürgen, so hieß er damals noch, war gerade mal zehn und glaubte tatsächlich, er würde dafür bestraft werden, dass er die Finger nicht von sich hatte lassen können und sich immer wieder selbst befriedigt hatte. Es war eine sehr große Strafe für das bisschen Lust. » Ich bin ein Jude dank des Hitler«, sagt Goldschmidt.
Ihm blieb nur das Bild der Eltern auf dem Bahnsteig, die zum Abschied die Hüte abgenommen hatten. Diesen Augenblick und was folgte, das Jahr in Italien bei Freunden der Eltern, die Flucht nach Frankreich, das Leben in einem katholischen Internat in Savoyen, das Jahr im Versteck bei einem französischen Bergbauern, hat Goldschmidt immer wieder beschrieben. Seine Bücher verkaufen sich, obwohl auf Französisch geschrieben, in Deutschland deutlich besser als in Frankreich. Es ist der Erfolg des »schlechten Gewissens«. Aber das stört ihn nicht.
Drei seiner »autofiktionalen« Bücher hat er sogar auf Deutsch geschrieben: Die Absonderung, Die Aussetzung, es folgte im vergangenen Jahr Die Befreiung. In diesen Büchern beschreibt er ein und dieselbe Urszene: wie Arthur Kellerlicht, sein Alter Ego, von der strengen Internatsdirektorin Mademoiselle Lucas gezüchtigt wurde - wie die seltsame Gemengelage aus Scham und Schmerz in erotische Erregung umschlug - wie schließlich die Demütigung zu seiner Rettung wurde: »Ich triumphierte, indem ich aus der Strafe wiederum Lust gewann.« Bei der Lektüre eines gewissen Jean-Jacques Rousseau wird der junge Goldschmidt erkennen, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf diesem Weg gerettet hat.
Und was wäre aus ihm geworden, wenn er nicht vertrieben worden wäre?
Ein Anton Reiser, den er den »unglücklichen Rousseau« nennt?
Goldschmidt stimmt zu. Gut möglich. Auch in Deutschland wurde geschlagen, gezüchtigt, geprügelt. Aber was er in früher Kindheit als schwarze Pädagogik kennen und fürchten gelernt hatte, schien ihm in Frankreich ein erotisches Kompensationsgeschäft, das er selbst in Worten festmachen kann. Goldschmidt macht sich einen Spaß daraus, die ganze Latte der deutschen Vulgärbegriffe lautstark im Café rauszuschreien, um dann den Lobgesang auf die französische Tracht Prügel, fessée genannt, dieses »wunderbare Wort« zu singen, das zugegeben viel mehr nach Hintern klingt, nach Sex, nach: Was sich liebt, das schlägt sich. » Eigentlich liebte die mich«, sagt er noch über Mademoiselle Lucas, die ihn, das protestantische Judenkind, im katholischen Internat versteckt und gerettet hatte.
Seine Eltern hat Goldschmidt nie wiedergesehen. Seine Mutter starb 1942, »an Kummer«. Sein Vater überlebte Theresienstadt und starb zwei Jahre nach seiner Befreiung. Er hatte nach dem Mangel das viele Essen nicht mehr vertragen. Goldschmidt sieht sich dennoch nicht als Opfer.
Er ist ein Schwarzfahrer des Schicksals. Ein Glückspilz, der nie erwischt worden ist. Ein Autist, der sprechen gelernt hat.
- Datum 30.04.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.68
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