Unredlich und bedauerlich

Wie rasch kann ein Wissenschaftler seine Seriosität verlieren, wenn er von Bildungsforschung in die Bildungspolitik wechselt. Der renommierte Bildungsforscher Rainer Lehmann verkündet, die sechsjährige Grundschule in Berlin zeige, dass die Verlängerung der Grundschulzeit um zwei Jahre nicht leistungsförderlich sei. Mit dieser Aussage verstößt Lehmann gegen mehrere Prinzipien wissenschaftlicher Redlichkeit:

Er zieht öffentlich Schlüsse aus einer Untersuchung, die noch gar nicht öffentlich ist. Weder die Untersuchung noch die Interpretation können also überprüft werden.

Er behauptet, über Leistungen allgemein zu sprechen, hat sie aber nur in den Fachbereichen Lesen und Mathematik untersucht.

Er geht mit keinem Gedanken auf zahlreiche andere Studien ein, die das Gegenteil seiner Schlüsse belegen, nämlich gerade die Leistungsstärke gemeinsamen Lernens. Nur ein Beispiel: Im März 2007 veröffentlichte das Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung eine Studie. Sie belegt, dass in Berlin und Brandenburg, den beiden Ländern mit sechsjähriger Grundschule, die Abhängigkeit der Leistungen von der sozialen Herkunft am geringsten ausgeprägt ist.

Er lässt die internationale Erfahrung außer Acht, dass Länder mit längerer gemeinsamer Schulzeit auch über sechs Jahre hinaus nicht schlechter abschneiden als Länder mit früher Selektion.

Er geht just in dem Moment mit seiner nicht überprüfbaren Interpretation in den Medien hausieren, wo sie wegen der Hamburger Koalitionsvereinbarung auf besonderes öffentliches Interesse stößt.

Bedauerlich, dass die ZEIT so unkritisch mit Lehmanns Aussagen umgeht.

Dr. Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbandes, Duisburg

Danke, Herr Lehmann. Jetzt wissen wir es. Reiche haben mehr Geld. Kein Wort darüber, dass die Berliner Grundschulen grottenschlecht ausgestattet sind, kein Wort über die Ergebnisse der Iglu-Studie, die die Leistungsfähigkeit der gemeinsamen Schulzeit gegenüber der Viergliedrigkeit wiederholt nachgewiesen hat.

Das Ganze schmeckt doch sehr nach Dünkel - die Kinder der gehobenen Klasse sollen so wenig Berührung wie möglich mit den »Schmuddelkindern« haben. Weltweit ist die längere gemeinsame Schulzeit, auch was die Leistung der Besten angeht, erfolgreich. Nur in Deutschland wird munter weiter früh selektiert. Bei einer internationalen Bildungstagung auf dem Sonnenberg fragte eine pfeiferauchende Dänin genervt angesichts dieser deutschen Besonderheit: »Sagt mal, hat das mit eurer politischen Vergangenheit zu tun?«

Hasso Rosenthal, Weener

 
Service