Arbeitswelt : Unser täglich Brötchen

Schöne neue Arbeitswelt: Brandblasen an Armen und Händen, der ständige Kampf gegen den Schimmel und ein Chef, der seine Arbeiter wie Sklaven behandelt. ZEITmagazin-Reporter Günter Wallraff war wieder undercover unterwegs. Diesmal als Niedriglöhner in einer Fabrik, die Brötchen für Lidl backt

Ich hätte diesem Brief, der keinen Absender und keinen Namen trug, kaum Beachtung geschenkt, wenn ich nicht schon wenige Tage nach seinem Eintreffen einen Anruf erhalten hätte, der mir von dem gleichen Umstand berichtete: dass die Arbeiter einer Backfabrik im Hunsrück unter unwürdigen Bedingungen schufteten und dass dringend Hilfe geboten sei, dies aufzudecken. Ich bat den Anrufer, mir Details und seinen Namen zu nennen, aber er sagte nur: »Wenn herauskommt, dass ich mit Ihnen gesprochen habe, werde ich fristlos entlassen. Ich wäre nicht der Erste, dem das passiert. Hier geht die Angst um.« Dann legte der Anrufer auf.

Die Backfabrik Weinzheimer liegt in Rheinland-Pfalz, in dem 3200-Einwohner-Städtchen Stromberg. Auf der Homepage wirbt die Fabrik mit ihrer 600 Jahre alten Backtradition. Das Logo der Firma ist ein stilisierter Laib Brot. Laut Eigenwerbung vertreibt das Unternehmen seit dem Jahr 1900 »Original Hunsrücker Brot«. In Wahrheit werden hier keine Brote mehr gebacken, das ergeben meine ersten Recherchen, sondern ausschließlich Brötchen, genauer: Aufbackbrötchen. Und diese wiederum ausschließlich für Lidl, europaweit.

Ich will wissen, wie es in einer Firma zugeht, die sich einem einzigen Großabnehmer ausgeliefert hat, noch dazu dem Discounter Lidl, der dafür bekannt ist, aus seinen Mitarbeitern und Zulieferern das für ihn Optimale herauszupressen und dessen Konzernherr Dieter Schwarz auf diese Weise mit seinen mehr als 10 Milliarden Euro Ersparnissen zum viertreichsten Deutschen emporstieg.

Viele Produkte, die wir kaufen, werden nicht mehr in Deutschland hergestellt, sondern in China, Indien oder Rumänien, wo man den Arbeitern weniger zahlt, wo sie weniger gut oder gar nicht versichert sind und weniger gut oder gar nicht gegen Gefahren geschützt. Wie reagiert ein Betrieb, der in Deutschland produziert, auf den Kostendruck? Kann es sein, dass die Arbeitsbedingungen der sogenannten Dritten Welt bereits Einzug gehalten haben in unsere »schöne neue Arbeitswelt«?

Ich will es wissen. Auf der Homepage steht, dass in der Firma »qualifizierte Mitarbeiter im Einklang mit der Backkunst backen«. Ich bin zwar weder qualifiziert, noch verstehe ich etwas von Backkunst, dennoch rufe ich an, um mich als Arbeiter anzubieten. Von einem Angestellten erfahre ich, sie suchten »20 bis 30 Jahre alte Männer, die robust sind und belastbar« – also nicht mich. Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heiße ich jetzt. Ich muss es mit Chuzpe versuchen.

Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich. So schwinge ich mich im Sportdress auf mein Rennrad, um direkt vor dem Büro der Fabrik vorzufahren. Die Strecke führt durch Wälder zur Fabrik, die nahezu romantisch an einem Bach liegt. Das Wasser, das durch das Bachbett fließt, trieb hier vor 600 Jahren die ersten Mühlen an.

Ich bin an diesem Februarmorgen nicht der Einzige, der in der Firma vorstellig wird, um Arbeit zu finden, und so will ich durch meine Kleidung und mein Auftreten auffallen. Der Dame am Empfang sage ich: »Mein Name ist Frank K. Ich soll hier eingestellt werden.« – »Schicken Sie uns Ihre Bewerbungsunterlagen«, sagt sie, als eine etwa 30-jährige Frau den Raum betritt, die von der Empfangsdame als Ehefrau des Inhabers begrüßt wird. Ich wende mich an sie: »Man hat mir gesagt, ich könnte hier sofort anfangen. Ich bin die 50 Kilometer von zu Hause mit dem Rennrad gefahren.« – »Mag schon sein. Aber ich habe zu tun.« Ich gebe trotzdem nicht auf. Jetzt oder nie! »Ich weiß ja, dass Sie eigentlich Jüngere suchen. Aber ich mache Triathlon, habe den Ironman geschafft: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad und den Marathon noch obendrein. Ich kann Ihnen ein sportärztliches Attest vorlegen, in dem mir das biologische Alter eines 30-Jährigen bescheinigt wird.« Ich habe mich vorbereitet und seit einigen Monaten reichlich Ausdauer- und sogar Krafttraining absolviert, dennoch übertreibe ich gewaltig. Bei meiner letzten Undercover-Recherche im Callcenter habe ich gelernt: »Den anderen nicht zu Wort kommen lassen! Gegenenergie aufbauen! Positive Bilder erzeugen! Auf den Abschluss drängen!« Ich sage also: »Ich kann ja die ersten Tage umsonst hier arbeiten. Sie gehen kein Risiko mit mir ein.«

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Kommentare

88 Kommentare Seite 1 von 18
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Oh wie schön!

Das liest man doch gerne... Nein, mal im Ernst: Ein ganz großes Lob an Herrn Wallraff, der erneut gezeigt hat, wie wichtig es ist, derartige Verhältnisse aufzuklären. Es ist offenbar irgendeine moralische Hemmschwelle in den letzten Jahren (?) gefallen, sonst würden sich nicht die Arbeitgeber wie die menschenverachtenden, selbstherrlichen Fabrikbesitzer des Frühkapitalismus aufführen.
Die Wirtschaft, insbesondere unser wirtschaftliches System ist so konstruiert, dass eine Selbstverpflichtung oder Selbst-Regelung gegen solche Verhältnisse geradezu ausgeschlossen ist. Auch wenn ich von übermäßigem Staat/Bürokratie/Maßregelungen wenig halte: HIER ist ein exemplarisches Beispiel für sinnvolles Eingreifen durch den Gesetzgeber gegeben.
Mit besten Wünschem, absolutneuromancer

Veränderungen gibt es nur durch eine revolutionäre Wahl

Eine Veränderung kann es nur durch eine politische Revolution per Wahlstimme geben. Wallraff ist ja im Gegensatz zu mir ein Linker und kann deshalb eben wegen des Zusammenbruchs des Kommunismus hier keine politische Alternative mehr empfehlen. (gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir derartigen Äußerungen keine Plattform geben wollen. Die Redaktion/jk)In derselben Zeit-Ausgabe findet sich ein längerer Artikel über Deutschlands derzeit größten Populisten, Oskar Lafontaine. Der Wallraff-Artikel könnte die Folge haben, diesem einmal Wähler zuzutreiben und gleichzeitig die Bereitschaft der Zeit-lesenden und SPD/ Grüne wählenden Bürgerschicht fördern, mit diesem ein Bündnis einzugehen. Eine Lösung des extremkapitalistisch bedingten Verelendungsproblems wäre das zwar nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Denn bevor die Leute national wählen können, müssen sie sich innerlich erstmal von der in vielen Jarhrzehnten Bundesrepublik gelernten "Hypnose" befreien, radikale Parteien seien per se schlecht. Die Linkspartei gilt als " softradikale" Partei, deren Wahl kann der erste Schritt sein zur richtig radikalen nationalen Wahl. Und meines Erachtens kann man der jetzigen großkapitalistisch bedingten Verelendungsradikalität nur mit ebenfalls radikalen nationalorientierten Maßnahmen beikommen.

So ein Schwachsinn

Wozu radikale Parteien einzig in der Lage sind haben sie ja schon genug bewiesen.Schutzzölle als Königsweg zu empfehlen ist leider ziemlich vereinfacht gedacht (typisch radikale Partei eben ...), nur ein Gedanke dazu: Wenn Deutschland Schutzzölle erheben würde (was innerhalb der EU sowieso nie ginge), dann würden andere Länder dies natürlich als Reaktion ebenso tun. Da aber ein Großteil unseres BIP vom Export abhängt, kann man sich sehr leicht überlegen, was passieren würde.Gegen die von Wallraff beschriebenen Missstände helfen bestimmt keine radikalen Parteien, sondern entsprechende ordnungspolitische und arbeitsrechtliche Maßnahmen.Im übrigen sollte man seine Mitmenschen aufklären, denn Lidl funktioniert ja nur so gut, weil so viele Menschen dort "billig" einkaufen wollen. Dass dies auf Kosten anderer Menschen geht, ist vielen wahrscheinlich gar nicht bewusst.

Sozialabgabe

Schutzzölle sind wohl keine Lösung, aber vielleicht eine Sozialabgabe die in dem Land aus dem die Güter importiert werden reinvestiert werden muss. Und zwar Zweckgebunden und vom Importland kontrolliert in den Ausbau von Ausbildung, Gewerkschaften und was noch nötig ist um die Situation der Mehrheit der Menschen im Erzeugerland, nämlich der (Mit)Arbeiter, zu verbessern. Das hätte auch den Vorteil, dass Firmen im eigenen Land wieder Konkurrenzfähig werden würden. Mit 10€ Monatslohn wie in China kann nämlich keiner mithalten.Gewalt ist der letzte Ausweg der geistig Schwachen.

Mensaarbeit

Liebe Online- Redaktion,
 ich hab so an die 2 Jahre in der Mensa der Uni Tübingen gearbeitet. Die Frauen im Keller, die die gereinigten Bestecke von Fließband herunter sammeln haben meistens chronisch Schulterschmerzen oder/und  regelmäßig Bandscheibenvorfälle.  An einer Sehnenscheidenentzünung, aufgrund auszehrender Fließbandarbeit, bin ich auch nicht vorbei gekommen.  Die hygienischen bedingungen finde ich hanebüchen im Vergleich zu den restaurants, in denen ich gearbeitet habe.
Naja, denken sich viele Studenten(ich studiere auch): Hauptsache die Studiengebühren werden nicht erhöht und bitte, meine  Mahlzeit nur 2, 55€s kosten.
 

Während ich diesen Artikel las, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich hier den Arbeitsprozess einer Firma las, die irgendwo in Indien unter harten Bedingungen Waren für die Industrieländer herstellen lässt.Mal ehrlich, dieser Artikel eignet sich doch hervorragend, um sein eigenes Verhalten zu reflektieren.Ich bin nicht für bessere arbeitsbedingungen in Deutschland, sondern internantional, es ist total sekundär, wer nun darunter leidet, Fakt ist doch, dass wir hier von Lebewesen sprechen, ja, selbst die im Artikel erwähnten Tiere taten mir Leid.Es muss sich was ändern!

Das ist erst der Anfang

Zur Einstimmung ein Zitat von Gunner Heinsohn (ganzer Artikel nachzulesen hier:http://www.zeit.de/feuill...)„Für den Wohlstand einer Nation sorgt am stärksten ihr Innovationspotenzial. Bei der Fähigkeit, neue Produkte und Verfahren zu erfinden und anzubieten, die noch kein anderer hat und deshalb auch nicht billiger verkaufen kann, fällt Westeuropa stetig zurück. Die gesamte Anglo-Welt stellt 2005 mit 415 Millionen Einwohnern 6,43 Prozent der Welt- bevölkerung. Die verfügen mit 291 von 500 aber über 58 Prozent der größten Unternehmen der Erde, sind also um den Faktor 9 überrepräsentiert. Deutschland birgt 2005 mit 83 Millionen Einwohnern 1,27 Prozent der Weltbevölkerung und von den 500 größten Unternehmen 32 bzw. 6,4 Prozent. Für Frankreich mit 0,84 Prozent der Weltbevölkerung stehen 25 bzw. 5 Prozent der Unternehmen zu Buche. Die Europäer sind also um den Faktor 5 bzw. 6 überrepräsentiert. Obwohl beide Länder noch tüchtig wirtschaften, ist ihr Abstand zu den Anglos unübersehbar.“°Oder einfach: Wir haben die Wahl zwischen Innovation oder Sklavenarbeit.Und da sich die Mehrheit der Deutschen sich für Sklavenarbeit entschieden hat, ist das nur der Anfang.Bald wird die Mehrheit so arbeiten müssen, wie von Wallraff beschrieben. °Bis dahin können wir aber lustig auf dem Vulkan tanzen. Lasst uns noch ein paar tolle Projekte ersinnen (Bedingungsloses Grundeinkommen), und lasst uns noch ein paar tausend "wissenschaftliche" Untersuchungen anstellen.Änder wird das alles nichts, aber man sollte die psychologische Wirkung nicht unterschätzen.

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