Nahrungskrise Warum die Bauern klagen
Raubtierkapitalismus, Ausbeutung, Heuschrecken. Das Vokabular jeder linken Demo. In diesen Tagen aber finden sich solche Begriffe auf den Plakaten, die gestandene Milchbauern aus der baden-württembergischen Provinz gemalt haben. Die Landwirte ziehen damit durch die Städte, am Zügel die Kuh und in den Augen die Wut der Revoluzzer.
Deutschlands Milchbauern finden die Welt gerade äußerst ungerecht.
Rund um den Globus steigen die Preise für Grundnahrungsmittel, in der Dritten Welt brechen Hungerrevolten aus. Doch wer Milch macht, muss für seine Produkte derzeit einen beispiellosen Preisverfall hinnehmen.
Gerade mal 30 Cent wollen große Handelsketten wie Lidl oder Aldi für den Liter Milch noch bezahlen. Kleine Bauern in unwirtlicheren Regionen können dafür kaum noch produzieren.
Zum Teil hat das direkt mit den steigenden Nahrungsmittelpreisen zu tun. Denn mit dem Getreidepreis steigen auch die Kosten für viele Futtermittel. Außerdem wird Energie immer teurer. So warnt der Bauernverband bereits davor, dass eine größere Zahl von Landwirten ihre Höfe bald aufgeben müsse wenn sich nichts ändert.
Erst vor einem Jahr sah die Lage in den Kuhställen noch ganz anders aus. Damals genossen die deutschen Milchbauern plötzlich den Kapitalismus, fühlten sich als neue Lieblinge des Weltmarktes. Der Preis für den Liter stieg damals so hoch wie seit Jahren nicht. Global wurde mehr Milchpulver nachgefragt, auch weil sich die Mittelschichten im Süden das plötzlich leisten konnten. Deutlich mehr als 40 Cent bekamen die deutschen Bauern plötzlich für einen Liter Milch.
Laut wurde auch das Murren über die Milchquote, mit der die EU seit Jahren die europäische Milchproduktion beschränkt, damit es nicht wieder einen Milchsee gibt. Viele Milchbauern protestierten damals gegen diese Bevormundung aus Brüssel. Lieber wollten sie produzieren, was immer das Euter hergab.
Doch in diesem Jahr haben die deutschen Bauern die Auswirkungen des Weltmarktes mit anderen Vorzeichen zu spüren bekommen. Vor allem die steigende Nachfrage nach Milchpulver hat auch die Konkurrenz im Ausland geweckt. Die produziert, wiederum ganz nach den Regeln des Marktes, nun mehr. Und das lässt die Preise wieder fallen.
In Deutschland verschärft sich die Lage allerdings noch durch zwei weitere Faktoren. Erstens sorgt die starke Nachfragemacht der Lebensmittelketten für zusätzlichen Druck. Aldi und Co können ihre Lieferanten ziemlich schnell und massiv an den unteren Rand der Preisskala drücken. Schließlich bleiben denen wenige Alternativen, denn Milch verdirbt schnell, und die Konkurrenz ist groß. Zweitens sorgt die Reform des EU-Agrarmarktes für weiteren Druck.
Bisher wurden die europäischen Bauern vor niedrigen Preisen durch Quoten geschützt. Jeder Landwirt durfte nur so viel Milch produzieren, wie es seine Quote erlaubt. Damit sorgte die EU-Kommission dafür, dass die Milchmengen in der Europäischen Union vergleichsweise klein und die Preise damit vergleichsweise hoch blieben. Diese Sonderrechte sind aber teuer für die Verbraucher. Nach dem Willen der europäischen Regierungen sollen sie bis spätestens 2015 auslaufen. Daher hebt die EU die Mengenbeschränkung schon jetzt nach und nach auf. Also gibt es mehr Milch, und das drückt den Preis. Am Ende dieser Reform sollen Europas Milchhöfe dann (in einem knappen Jahrzehnt) der Weltmarktkonkurrenz standhalten ergo billiger produzieren oder aufgeben.
Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/nahrungskrise
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.25
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