US-Vorwahlen Mrs. "Rocky" Clinton
Die Nominierungsschlacht der Demokraten geht am Dienstag in North Carolina und Indiana in eine neue Runde. Obama verliert den Heiligenschein, Clinton ist an-, keineswegs aber ausgezählt
Wehe, wem in diesem Kampf ums Weiße Haus der Siegerkranz über dem Haupt schwebt, gerät der doch regelmäßig zum Mühlstein um den Hals. War nicht Clinton vor einem Jahr »Hillary, the Inevitable«, die »Unvermeidliche«? Dann kam aus dem Nichts der junge Obama, der prompt die erste Vorwahl in Iowa gewann. Dann triumphierte die Totgesagte in New Hampshire. Dann wieder der unaufhaltsame Aufstieg des Barack O., der seitdem überall vorn liegt: bei den Delegierten, Stimmen und den Spenden.
Aber das amerikanische Wahlvolk ist eine wankelmütige Dame Fortuna, und so zog Clinton gerade in Pennsylvania mit zehn Punkten Vorsprung davon. Noch grausamer ist das Kommentariat, wenn es sich zu langweilen beginnt. In der New York Times pflegte Clinton-Basher Maureen Dowd ihre Säure gleichmäßig gegen Bill und Hillary zu verspritzen; plötzlich schwärmt sie: »Während Hillary leuchtet, wirkt Obama immer blasser.« Der feuerrote Kolumnisten-Kollege Paul Krugman (hier stünde er knapp rechts von Lafontaine) setzt nach: »Nachdem (Obamas) Zauber verflogen ist, will man wissen, wo er eigentlich hinwill.«
Die Pittsburgh Tribune zur Obama-Baisse: Er »wähnte die Kandidatur gewinnen zu können, indem er den Kriegsgegner und Anti-Bush gab«. Just damit hat Obama auch die Herzen der Europäer erobert. Doch das reicht nicht mehr, wenn der Dollar wegschmilzt, der Benzinpreis sich im Vergleich zum Vorjahr zu verdoppeln droht und die Rezession immer lauter lärmt.
Plötzlich klingt Obamas Rhetorik hohl. Was heißt denn » change«? Und »hope«? Wie kann ich mit »Wandel & Hoffnung« meine Hypothek bedienen? Oder: Wie authentisch ist dieser Mann, der John F. Kennedy bis in die Satzmelodie und Körpersprache imitiert? Was bedeutet sein Slogan: »Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben?« Wir waren doch schon immer hier…
Derweil offeriert Hillary, der angezählte »Rocky«, der immer wieder hochkommt, einen Programmpunkt nach dem anderen, je nachdem, was gerade funktioniert: die nationale Krankenversicherung, neue Jobs, einen starken »Commander-in-Chief«, der Amerikas Macht zu bewahren versteht. Den unentschiedenen »Superdelegierten« aus dem Partei-Establishment hämmert sie ein: Nicht nur liege ich mit Obama im Rennen gegen McCain gleichauf; ich habe auch die Vorwahl in all den großen Staaten gewonnen, die im November wahlentscheidend sind: New York, Kalifornien, Ohio, Florida, Michigan, Pennsylvania…
Sie kann auch diese Rechnung aufmachen: In diesen Staaten leben 172 Millionen, in Obama-Land nur 101. Jedenfalls trifft zu, was Time- Kolumnist Joe Klein gerade notiert hat: »Obama ist noch der zahlenmäßige Favorit, aber nicht mehr der Darling seiner Partei.« Und John McCain sieht zu, wie sich Clinton und Obama zerfleischen.
Die nächste Prüfung ist am 6. Mai. North Carolina mit seinem hohen Schwarzenanteil wird erwartungsgemäß an Obama gehen. In Indiana ist das Rennen offen. Gewinnt dort der Underdog »Rocky«, werden im Kolosseum noch mehr Daumen nach oben zeigen. Bis sich das Kommentariat abermals zu langweilen beginnt.
- Datum 05.05.2008 - 12:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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# Silberschnur. Hm, hm, hm, "Sie sagte: Rocky, ich bin noch niemals gestorben, ja dadadadada-a-a...'"
Eine veränderte Einstellung entspringt einer veränderten Stellung.
Obamas ultraknapper "Wahlsieg" in Guam mit gerade mal 7 Wählern zeigt erneut, wie völlig unentschieden das Demokratische Wahlvolk noch immer verbleibt. Selbst die Superdelegierten, auf deren Entscheidung man hofft, schwanken nach wie vor zwischen beiden Bewerbern um die Kandidatur. Falls der kommende Dienstag wieder keine Entscheidung bringt, dürfte es auf dem Parteikongress im August etwas turbulent zugehen, was die Parteileitung jetzt unter allen Umständen zu vermeiden sucht.
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