EM-Briefwechsel I Wuchtel auf Wuchtel

Bis zum Ende der Fußball-EM schreiben Eva Menasse und Harald Martenstein an dieser Stelle einander ungezogene Briefe. Das zum Anpfiff: Hitler, naturgemäß

Lieber Harald Martenstein,

seit zwei Jahren warte ich darauf, Ihnen Ihr niederträchtiges Foul heimzuzahlen, mit dem Sie damals, zur WM 2006, von Ihren Schwierigkeiten ablenken wollten, Elena Lappin im ZEIT- Kolumnenmatch zu überdribbeln. »Die unbegabtesten Fußballspieler der Erde sind die Österreicher«, schrieben Sie damals out of the blue, wo Sie doch England attackieren sollten, »eher tanzt die Grönländerin Hula-Hula, als dass in einem österreichischen Spiel ein Pass ankommt.« Klassisches Foul ohne Ball, lieber Martenstein, Sie wissen, die werden am strengsten bestraft. Und dann kamen Sie gleich mit Hitler und der gemeinsamen Auswahl und der 2:4-Blamage gegen die Schweiz, 1938, bei der WM.

Das hörte sich ja toll an, aber Hand aufs Herz (und wen, wenn nicht Sie, darf man zu solchen Gedankenspielen verführen): Was hätten denn Sie an Hitlers Stelle getan? In den dreißiger Jahren war Österreich eine Fußballweltmacht, es spielte, was heißt, es zauberte das Wunderteam um den begnadeten Matthias Sindelar. Ich möchte Ihnen nicht wehtun, aber ich muss Sie an die nackten Zahlen aus nur einem Jahr, nämlich 1931, erinnern: Im Mai haben wir in Berlin 6:0 gewonnen, im September zu Hause in Wien gleich noch einmal 5:0 (auf das sechste Tor haben wir aufgrund unserer sprichwörtlichen Gastfreundschaft verzichtet), und ich garantiere Ihnen, damals hat ein gewisser Adolf H. die Hand in der Hosentasche geballt und gedacht: »Wenn ich mal was zu sagen habe…« Der Einfluss des Fußballs auf den Anschluss Österreichs ist bis heute in keiner Weise erforscht! Ich bin aber zuversichtlich, dass Guido Knopp bereits recherchiert.

Dem Sindelar hat man damals übrigens für seine Verdienste ein Kaffeehaus günstig überlassen (zufällig gehörte es vorher Juden), aber das ist eine andere Geschichte, die hören auch meine Österreicher nicht sehr gern. Lassen wir das. Lassen wir auch Hitler – kennen Sie übrigens den: »Was sagt ein Österreicher zum Thema ›Niemals vergessen‹? – ›Cordoba!‹« – , denn so weit müssen wir gar nicht zurückgehen, um Ihren Hochmut gegenüber meinen mannigfaltig begabten Landsleuten zu dämpfen. Was war denn da 1986, im neu eröffneten Wiener Stadion? Ein gewisser Beckenbauer gab wutentbrannt dem Schiedsrichter die Schuld am 1:4-Debakel der Deutschen, dabei galt dieser Schiri damals als der beste der Welt. Na gut, er war ein Italiener, und vorurteilsbehaftet wie Sie sind, murmeln Sie jetzt bestimmt »Mafia«.

Ihren ganzen Übermut, lieber Martenstein, ziehen Sie doch nur aus dem Umstand, dass wir Österreicher im Fußball derzeit eine kleine Formkrise haben. Sicher, die haben wir schon länger, man könnte beinahe sagen: lange. Aber es hat sich einiges gebessert. Wir haben schon lange nicht mehr gegen die Faröer-Inseln verloren. Außerdem wird seit den beiden Spielen gegen Deutschland und die Niederlande heftig darüber diskutiert, warum wir sechzig Minuten lang angeblich grandios spielen (die das sagen, sind nicht unsere größten Experten), aber dann, in der letzten halben Stunde, eine Wuchtel nach der anderen kriegen, sodass der Endstand wirkt, als hätten sich unsere Spieler wirklich nur, wie Sie so boshaft schrieben, »das seidige Haar gekämmt«. Da sage ich: Was hat sich im Fußball nicht alles geändert, seit es ihn gibt! Vielleicht ändert sich ja bald die Spiellänge, vielleicht verkürzen die Konzerne, ihre Werbeeinnahmen im Blick, demnächst endlich die neunzig Minuten, die, verglichen mit der Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Grundschulkindes oder einer ins Stadion gezwungenen Ehefrau, anachronistisch lang sind. Lachen Sie nicht! Heutzutage ist alles möglich! Dieselben Konzerne haben bereits geschafft, dass ausnahmslos niemand mehr »die österreichische Bundesliga« sagen darf, sondern nur noch »T-Mobile-Bundesliga«. Und die zweite heißt verwirrenderweise Red Zac Erste Liga. Die österreichische Sportberichterstattung ist seither noch erschütternder geworden. Die Spieler verhaspeln sich dauernd. Und selbst den Reportern perlen diese Begriffe noch immer nicht so leicht von den Lippen wie ein Vierterl Veltliner ins Glas saust.

Sie sehen, wir haben es nicht leicht. Haben Sie ein bisschen Mitgefühl für ein sympathisches, sauberes kleines Land. Spielen Sie hier nicht den großen Herrn, das mögen wir schon an euren Touristen nicht, die mit ihren dicken Autos auf unseren Autobahnen rasen und dauernd versuchen, unseren Dialekt nachzuäffen, ständig beteuernd, sie fänden ihn »niedlich«. Denken Sie demütig daran, dass ihr Deutschen bei den letzten beiden Europameisterschaften kein einziges Spiel gewonnen habt. Mein Vater nennt das: In der Vorrunde sein Abschiedsdebüt geben. Und das, wo doch die ganze Welt weiß (und euch dafür hasst), dass ihr Deutschen immer das größte Glück bei der Auslosung habt. Immer kriegt ihr die schwächsten Gegner. Diese EM beweist es ja wieder: Ihr spielt gegen uns.

Ihre Eva Menasse

Die Schriftstellerin Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Vienna«

 
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