Amstetten
Wenn kein Tabu mehr gilt
Die Untat von Amstetten verstört alle. An den normalen Horror haben wir uns längst gewöhnt
Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Die junge Frau hat es fast geschafft, ihrem Peiniger zu entkommen, hat sich einmal in die relative Sicherheit einer Lehrlingswohngruppe gerettet, ist ein anderes Mal von zu Hause ausgerissen, wird wie im Albtraum zurückgebracht von der Polizei, folgt schließlich ihrem Vater und Dauervergewaltiger in den Keller – geh nicht!, würde das Publikum an dieser Stelle beten –, und hinter ihr schließt sich das Verlies. Für 24 Jahre.
Das Schicksal Elisabeth Fritzls ist kein Film. Und obwohl Wirklichkeit wie Unterhaltungsindustrie uns gelehrt haben, fast jede denkbare und kaum noch denkbare Schrecklichkeit zu schlucken, ist der Fall Amstetten mit der üblichen Routine der Mediengesellschaft nicht zu bewältigen. Etwas hallt in uns nach, vielleicht weil der Täter jedes Tabu gebrochen, jede Regel der Zwischenmenschlichkeit verletzt hat; vielleicht – hoffentlich – weil wir uns das alles, trotz aller Abgebrühtheit, eben doch nicht wirklich vorstellen können: die Gewalt, die Angst, den Zustand totaler Unterwerfung einer Tochter durch ihren Vater, die Dunkelheit, die Enge, die Kinder, die Schmerzen, die endlos sich dehnende Zeit.
In Österreich selbst wird heftig darüber diskutiert, ob man es mit einem »österreichischen« Verbrechen zu tun hat, einer Folge von Verdruckstheit, Heimlichtuerei und seit dem »Dritten Reich« eingeübter Wegschaukultur. Doch wohin Nachbarn und Verwandte schauen und was sie bemerken (wollen), haben wir uns auch in Deutschland oft genug fragen müssen. Jüngst wieder im Fall dreier Babys, die im sauerländischen Wenden von ihrer Mutter getötet und in der Kühltruhe versteckt worden waren.
Es geht um einen Fall von – irrwitzig übersteigerter – Männergewalt
Über Behördenmentalitäten kann man natürlich grübeln angesichts der Treuherzigkeit, mit der Polizei und Jugendämter offenbar die Verschleierungsversuche des Täters akzeptierten. Doch selbst nahezu blinden Staatsdienern müsste man wohl zugutehalten, dass sie stets (und nicht nur in Österreich) auf vermintem Terrain arbeiten: Passiert eine Katastrophe, sind sie selbstverständlich schuld. Verstört aber gerade kein entsetzlicher »Fall« die Öffentlichkeit, dann wird ihnen ganz schnell unrechtmäßige Einmischung in Familienangelegenheiten vorgeworfen. Deshalb sollten wir uns gelegentlich daran erinnern, dass die staatliche Mitverantwortung für das Wohlergehen von Kindern eine große zivilisatorische Errungenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts war: Mühsam setzte sich die Einsicht durch, dass Kinder nicht einfach Besitz oder Verfügungsmasse ihrer Eltern sind. Josef Fritzl hat das nie begriffen.
Ob dieser Mann ein wahnsinniger oder ein zutiefst böser Täter ist, diese Frage wird nun erörtert – stellen doch heute bedeutende Vertreter der Hirnforschung den freien Willen infrage und gehen bei Verbrechern grundsätzlich von Krankheit oder Anomalität des Gehirns aus. Doch Elisabeth Fritzl und ihren Kindern würde es nicht helfen, ließe sich die Frage so oder so beantworten – ihr Leben bekommen sie nicht zurück, egal, ob ihr Kerkermeister ein schuldiger Mensch oder eine Art Naturkatastrophe war.
Relevanter scheint im Fall Josef Fritzl der bisher wenig thematisierte Umstand, dass es sich bei seinem Verhalten um – ins Irrwitzige übersteigerte – Männergewalt handelt. Frauen begehen unendlich viel seltener Verbrechen von vergleichbarer Brutalität, von vergleichbarem Sadismus. Das Autoritäre, das Gnadenlose, der Besitzanspruch, die Wahrnehmung von Frauen und Kindern als bloße Sexualobjekte – all dies kommt leider, in weniger exzessiver Form, immer noch in unserer ganzen Gesellschaft vor. Solchen Phänomenen, von häuslicher Gewalt bis zum Sextourismus, entschlossener entgegenzutreten könnte ein Weg für diejenigen sein, die im Namen Elisabeth Fritzls nicht nur trauern, sondern irgendetwas tun wollen.
Der Fall nötigt zu weiteren unbequemen Überlegungen. Was an Josef Fritzls Verbrechen so überaus quälend erscheint, ist neben der Dauer der Einkerkerung die Missachtung eines existenziellen Tabus: dass Eltern sich unter keinen Umständen an ihren Kindern vergehen dürfen, weil das den ultimativen Verrat an Schutzbefohlenen bedeutet. Auf bestürzende Weise wird uns hier plötzlich klar, in welchem Maße Tabus der Kitt eines friedlichen Zusammenlebens sind, wie zentral – im Sinne des großen deutschen Soziologen Norbert Elias – die Verinnerlichung von »Fremdzwang« zu »Selbstzwang« für den Prozess der Zivilisation ist. Und wie unverzichtbar die Übereinkunft, dass »man« bestimmte Dinge niemals tut – eben Kinder zu vergewaltigen.
Beim entsetzlichen Extremfall sind sich schnell alle einig. Aber sonst zeichnen sich moderne westliche Gesellschaften eher durch eine souveräne Verachtung für Tabus aus. Inzest, wenigstens zwischen Geschwistern – warum nicht, wenn beide es wollen? Der Tod als öffentliches Spektakel – warum nicht, wenn der Aktionskünstler Gregor Schneider einen willigen Todkranken für seine Installation findet? Sex immer früher, Gewalt als übliche Zutat der Unterhaltungskultur, die Absage an jeglichen Bedürfnisaufschub – warum nicht, wenn die Leute, die Kunden es so wollen?
Der liberale Großtrend zur Tabuverachtung muss keineswegs zu den Untaten von Amstetten geführt haben. Solche Kausalitäten lassen sich sowieso niemals nachweisen. Die Leistung aller tapferen Tabubrecher sieht im Lichte dieser Untaten allerdings etwas weniger heilsam und fortschrittlich aus.
Dass Eltern, dass überhaupt Erwachsene sich, anders als im Mittelalter, von Kindern fernhalten, ist ein Sieg des Zivilisationsprozesses, eine Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Dafür sind Triebverzicht und -kontrolle nötig; und außerdem die Erkenntnis, dass Kinder wirklich von den Erwachsenen verschieden sind: kleine Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Rechten. Vor manchen Praktiken und manchen Wahrheiten der Erwachsenenwelt müssen sie eine Zeit lang geschützt werden, um unversehrt heranwachsen zu können.
In unseren Romanen und Filmen gibt es viele Kerker zur Zerstreuung
Der amerikanische Medienökologe Neil Postman sah diese Geheimnisse, die zur Abgrenzung der Kinder- von der Erwachsenenwelt nötig sind, schon vor 30 Jahren durch die alles enthüllenden Massenmedien bedroht. Der Politologe Benjamin Barber führt in seinem jüngst erschienenen Buch Consumed den Nachweis, wie sehr der Spätkapitalismus im Kampf um neue Absatzmärkte darauf angewiesen ist, die kulturellen Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern einzuebnen – um auch diese als vollwertige Kunden erschließen zu können. Wieder gibt es keine Kausalität: Das von Barber und Postman diagnostizierte Verschwinden der Kindheit muss nichts zu den Untaten von Amstetten beigetragen haben. Sie zeigen nur, wie eine Gesellschaft womöglich aussähe, die erst den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern und dann das zugehörige Tabu vergessen hätte.
Unbehaglich sollte uns angesichts des Leids der Opfer von Amstetten schließlich auch werden, wenn wir einen Blick auf unsere ganz normalen Unterhaltungsgewohnheiten werfen. Der Horror dieses einen realen Verlieses mag uns wirklich bestürzen; aber in unseren Romanen und Filmen gibt es viele Kerker, die ausschließlich der Zerstreuung dienen.
Bestsellerautoren von Bret Easton Ellis (für gehobene Ansprüche) über Thomas Harris, Tess Gerritsen oder Mo Hayder bis hin zu Filmemachern wie James Wan und Leigh Whannell (Saw I bis IV) kommen nicht mehr aus ohne Folterkeller, abgesägte Gliedmaßen, aufgeschlitzte Bäuche und Väter, die zur Vergewaltigung ihrer kleinen Söhne gezwungen werden. Auf Großflächen verspricht Folter verheißende Filmwerbung: Sterben war gestern.
Vielleicht, wahrscheinlich sogar hat Josef Fritzl derartige kulturelle Anregungen nicht gebraucht, um seine Verbrechen zu begehen. Aber vielleicht hätte Elisabeth Fritzl es verdient, dass wir uns nicht an Fiktionen ergötzen, die ihrem Schicksal so unheimlich ähneln. Wenn unser Mitleid denn einen Pfifferling wert ist.
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- Datum 16.3.2009 - 11:17 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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