Zeitläufte Vom Ende einer ArtSeite 5/5

Heute befinden sich noch etliche ausgestopfte Riesenalke in naturhistorischen Sammlungen, darunter auch in Leipzig. Es ist eines der letzten Tiere, erlegt 1841. Insgesamt soll es etwa achtzig erhaltene Exemplare weltweit geben. Das zeigt, wie begehrt die Vögel bei Sammlern schon damals waren. Dabei beschleunigte das unerbittliche Wechselspiel von Angebot und Nachfrage noch die Ausrottung. Je seltener die Tiere wurden, umso höher stiegen die Preise, und umso größer waren auch die Prämien, die den örtlichen Jägern geboten wurden. »Früher«, merkt Alfred Brehm dazu resigniert an, »diente dieser Vogel den Isländern und Grönländern zur Speise, gegenwärtig wiegt man seinen Balg kaum mit Golde auf.«

Die Aura des Besonderen und Seltenen lebte weiter, auch nachdem die letzten Riesenalke getötet worden waren. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts verkaufte ein Unternehmen aus Liverpool unter der Markenbezeichnung Great Auk’s Head Ingwerwein; auch handgefertigte Zigaretten der Sorte Great Auk gingen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg über die Ladentheke. 1972 wurde in London ein ausgestopfter Riesenalk versteigert, der nachweislich aus Island stammte. Von dort kamen dann auch die erfolgreichen Bieter, die das Tier schließlich für den Gegenwert eines Einfamilienhauses erwarben.

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John Wolley und Alfred Newton war es wegen des Wetters 1858 nicht mehr vergönnt gewesen, hinauszufahren zum »Mehlsack«, um die Felsen zu inspizieren, auf denen die vermeintlich letzten beiden Riesenalke ihr Leben gelassen hatten. Sie mussten ihre stille Hoffnung begraben, vielleicht doch noch einige der wunderlichen Vögel zu finden.

Hätten sie nach allem, was sie inzwischen wussten, diese Tiere wirklich gefangen oder gar erlegt? Regen und Wind bewahrten sie davor, diese Entscheidung treffen zu müssen. Fast zwei Monate lang wanderten sie am Ufer von Reykjanes auf und ab – dann war die Brutsaison vorbei, und die beiden kehrten nach England zurück.

Der Autor ist Schriftsteller und Publizist und lebt in Hannover

 
Leser-Kommentare
    • marxo
    • 13.05.2008 um 10:54 Uhr

    Ähnlich erging es dem Apollofalter in Baden-Württemberg. Nicht nur, dass die Gebiete verbuschten. Vielmehr wurde ein systematischer Handel mit den Tieren betrieben. Kaum wurde eine neue Unterart beschrieben, verfolgten Männer mit Keschern bis zum letzten Stück den großen Falter. Heute gibt es in Baden-Württemberg kein Vorkommen mehr, an der Mosel noch ein kleines einer Unterart. Die eigentümliche Jagd nach seltenen Lebewesen ist kaum ökonomisch, sondern fast nur durch psychosexuelle Vorgänge zu erklären. Zwar ist den Wilderern von Tigern und Löwen durchaus ein wie auch immer berechtigtes Profitinteresse zu unterstellen, die Nachfrage wird allerdings durch die vielversprechende Aufwertung und angebliche Potenzförderung durch Tigerpräparate bestimmt. Ähnlich hervor taten sich die Söhne aus mitunter gutem Hause, sie individuierten sich durch das Erlegen von wilden Raritäten und befriedigten dadurch sowohl aggressive Impulse gegenüber den Eltern als sie auch im Verfolgen einer Angst aus dem Wege gingen, bzw. durch das systematische Erschlagen von wehrlosen Tieren einem Widerholungszwang Folge leisteten. Die sexuelle Ersatzbefriedigung, die das Jagen versprach, resultiert letztlich dann aus einer Verschiebung auf ein anderes Objekt. Heute werden in China und in subtropischen und tropischen Gebieten Schmetterlinge in Massen gefangen, um aus ihnen Kitsch zu fertigen, den sich völlig Unkundige an die Wand hängen. http://myblog.de/nichtide...

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