Kreuzfahrten Planken, die die Welt bedeuten
Wenn das neue Kreuzfahrtschiff AIDAbella in See sticht, ist ein erstklassiges Showensemble mit an Bord. Oleksiy Yemtsov, Chef der Tänzer, erzählt vom Heimweh, von schnarchenden Sängern und dem Künstlerleben tief unter Deck
Eben noch strahlte Oleksiy Yemtsov übers ganze Gesicht. Jetzt sitzt er unten auf Deck eins vor einem Wodka Tonic und lässt die Schultern hängen. Das Harlekingesicht hat er sich abgeschminkt. Man sieht seine hohen Wangenknochen, die hellen Brauen, das markante Kinn und die Schatten unter seinen Lidern. Auf Deck eins des Kreuzfahrtschiffs AIDAbella liegt zwischen Fracht- und Maschinenraum die Bar für das Personal. Passagiere haben hier keinen Zugang. Sie fänden den Raum tief unter dem Wasserspiegel wohl ohnehin nur beklemmend und viel zu eng für die achtzig Leute darin. Hier sitzt Oleksiy Yemtsov aus der Ukraine, 31 Jahre alt, Chef der Tänzer an Bord, zwischen philippinischen Raumpflegern, indischen Kellnern und deutschen Köchen in Freizeitkleidung. Den ganzen Tag stand er mit seinem Ensemble auf der Bühne. Jetzt achtet er darauf, dass die Tänzer nicht zu viel trinken, und tröstet sie bei Heimweh oder Liebeskummer.
Ein paar Stunden früher, ein paar Decks höher: An einem verhangenen Aprilnachmittag läuft die AIDAbella zu ihrer ersten Probefahrt aus. Von Emden in die Nordsee und auf der Elbe bis zum Hamburger Hafen. 2500 Passagiere fasst das Schiff. Heute ist gerade mal ein Viertel an Bord, zumeist Ehrengäste und Reisebürovertreter. In festlicher Kleidung schlendern sie an der Reling entlang, lassen sich in der Bordpizzeria Häppchen reichen oder in der Pianobar ein Glas Sekt.
Die Bella ist das jüngste Schiff der AIDA-Gruppe. Bald nimmt sie Kurs aufs Mittelmeer, auf die Kanaren, auf Nord- und Ostsee. Sie ist so neu, dass sich noch ein Leimgeruch mit dem der Speisen vermischt. Mittendrin liegt das »Theatrium«, ein nach allen Seiten hin offener Raum mit Bühne. Wie ein gläserner Zylinder ist diese Mischung aus Theater und Atrium ins Schiff gesetzt. Bei jedem Auftritt sehen die Künstler Leute kommen und gehen, auch während der Proben.
Poseidon lehnt am Tresen und hält die Zigarette, als sei sie aus Elfenbein
An diesem ersten Abend wird Oleksiy auf der Bühne alles geben, was ihm an Kraft noch bleibt. Eineinhalb Monate lang hat er zehn Stunden täglich geprobt, in einer Seitenstraße nahe der Hamburger Reeperbahn. AIDA produziert seine Bühnenshows selbst – in der SeeLive-Schule, die das Unternehmen gemeinsam mit dem Theater Schmidts Tivoli betreibt. »Uns ist wichtig, dass man unsere Shows nur auf der AIDA sehen kann«, sagt Corny Littmann, der künstlerische Leiter.
Abgeschminkt nach dem großen Auftritt, wirkt Oleksiy Yemtsov mehr wie ein Fußballspieler als wie ein Musicaltänzer. Er geht, als klemmten Kürbisse unter seinen Armen, das lockige Haar trägt er vorne kurz und hinten halblang. Siebenmal war er auf einem der AIDA-Schiffe. Oder mehr? Er weiß es nicht, sagt er und seufzt. Sechs Jahre liegt es nun zurück, dass ein Freund ihm geraten hat, zum AIDA-Casting zu gehen. Damals war seine Frau hochschwanger, und er fragte sich, warum er sie für ein Schiff verlassen sollte, das den Ruf eines schwimmenden Ballermanns hatte. Zu Unrecht, wie er bald erkannte: »Ich wollte diese Sache dann unbedingt machen.«
Der Grund steht neben ihm in der Bar. Oleksiy sieht hinüber zum Bosnier Laris Gec, dem Chefchoreografen des Ensembles. »Dieser Mann ist wie Poseidon, der Gott der Meere«, sagt Oleksiy, und für einen Moment kehrt sein Strahlen zurück. Poseidon lehnt am Tresen, die Arme sehnig-muskulös, die Bewegungen elegant, selbst die Zigarette hält er, als sei sie aus Elfenbein. Von ihm hat Oleksiy gelernt, wie man die Tanzstile Modern Jazz, Step, Ballett und Hip-Hop miteinander verschmelzen lässt. Damals erzählte Oleksiy seiner Frau Nataliya, dass man von diesem Mann mehr lernen könne als bei jedem kostspieligen Coaching. Die war nicht begeistert. Ihr Sohn war gerade erst zur Welt gekommen. Er zeigte ihr Videomitschnitte der Proben, und plötzlich wollte auch sie auf dieses Schiff. Seit vier Jahren gehört sie zur Tanzgruppe, eine zierliche, schöne Frau mit blond gesträhntem Haar. Sie und Oleksiy kennen sich seit ihrer Kindheit, als sie gemeinsam in Kiew eine Tanzausbildung machten.
20 Uhr, die Gäste kommen vom Dinner. Sie haben Hummer, Rindersteaks und Früchte in Schokolade gegessen. Mit aufgeknöpften Jacketts und Gläsern in den Händen setzen sie sich in die Ränge und blicken erwartungsvoll zur Bühne. Das Ensemble zeigt einen Teil der Beatles-Show. Oleksiy trägt ein rot gestreiftes, hautenges T-Shirt, Nataliya einen marineblauen Minirock und Netzstrumpfhose. Sie und die anderen Tänzer haben sich weiße Gesichter und Kussmünder geschminkt. In Pärchenformation tanzen sie zu sechst, drehen saubere Pirouetten und strahlen dabei so sehr, dass es ansteckend wirkt. Als wollten sie gegen das umbrafarbene Interieur ansingen, stimmen danach drei Sänger laut und klangvoll die Ballade Yesterday an. Anschließend fahren die Tänzer aus dem Bühnenboden und bewegen sich langsam zum opernreifen Gesang eines Solisten. Ein paar Gäste summen mit und halten bewegt die Feuerzeuge in die Höhe.
Das Ensemble kommt aus der Ukraine, Russland, Slowenien, Deutschland und von der größten Zirkusschule der Welt in Kiew. Wer hätte eine so hochklassige Show auf einem Clubkreuzer erwartet? Die wenigen Gäste applaudieren so laut, dass die Truppe zwei Zugaben tanzt.
Gleich nach dem Auftritt zieht sich Nataliya in ihre Kabine zurück. Hier unten auf Deck drei, wo die Crew schläft, glaubt man, sich im Bauch eines Containerschiffs zu befinden. Im Reich der Gäste fällt es schwer, die Decks voneinander zu unterscheiden, so verwirrend wirken die Karos, Kreise und Schlangenlinien in den Teppich- und Möbelmusterungen. Hier unten geht man durch endlos lang wirkende, kalkweiße Flure. Die einzige Verzierung besteht aus signalgelben Schildern, die vor Drogenmissbrauch warnen.
Oleksiy verlässt die Personalbar und geht über eine Eisentreppe zwei Decks hoch zu seiner Frau, um ihr eine Cola zu bringen. Mit ihr teilt er sich ein Etagenbett in einer acht Quadratmeter großen Kabine. Man muss sich an ihm vorbeischieben, wenn man Platz nehmen will, auf dem unteren Teil des Doppelbetts. Der Kleiderschrank an der Wand gegenüber dem Bett verbindet sich mit einem Schreibtisch, über dem zwei Tuschemalereien ihres Sohnes kleben. Auf dem Bord darüber steht ein Flachbildschirm. Nachts hören sie durch die Wand den Sänger Eladio Pamaran schnarchen. Sie haben sich so an ihn gewöhnt, dass sie immer auf nebeneinanderliegenden Kabinen bestehen.
Oleksiy und Nataliya sind so beliebt, dass viele aus der Crew ihnen ihre Sorgen anvertrauen. Manchmal, sagt Oleksiy, kommen sie sogar, wenn ihnen etwas ins Klo gefallen ist. Oleksiy, was soll ich jetzt machen? Die Yemtsovs haben sich an ein Leben ohne Privatsphäre gewöhnt. Tagsüber fällt ein Lichtkegel durch das Bullauge in ihre Kabine. Sie sehen den Wasserhorizont und einen kleinen Teil des Himmels. »Irgendwann erfüllen wir uns unseren Traum von einer Tanzschule in Kiew«, sagt Nataliya und sieht ihren Mann an, wie um zu fragen, ob sie das richtig formuliert hat. Wenn sie spricht, beendet er oft ihre Sätze.
Das Zuhause von Oleksiy und Nataliya Yemtsov liegt im Laptop auf dem Schreibtisch. Nataliya klickt Fotos an. Von ihrer Plattenwohnung am Rand von Kiew, von der beigefarbenen Einbauküche, dem Ehebett mit dem Seidenüberwurf und ihrem sechsjährigen Sohn, der in die Kamera grinst. Makar heißt er, der Gesegnete. Wenn sie auf dem Schiff arbeiten, kümmern sich Nataliyas Eltern um ihn.
Die meisten Tänzerkarrieren enden mit Mitte dreißig, weil der Körper die Belastungen nicht länger verträgt. Jeden Abend von 20 Uhr bis Mitternacht zeigt das Ensemble vier Shows. Dreißig Minuten Auftritt, dreißig Minuten Pause. An keinem Stadttheater erledigen Tänzer so ein Pensum über einen so langen Zeitraum. Wie lange noch, Oleksiy? »Keine Ahnung«, sagt er. »Aber auf einer AIDA- Bühne möchte ich nicht sterben.« Was verdienen Sie im Monat? »Tausend Euro«, antwortet er ohne Umschweife. Für ihn ist das Leben auf der AIDA hart, aber er tut das, was er am liebsten tut. Er tanzt. Jeden Abend. Das sagt er und lächelt. So wie er Gäste anlächelt. Freundlich, mit hundemüden Augen. Manchmal, wenn sie nach Hause kommen, sagt Nataliya, grüßt sie wildfremde Menschen in der Kiewer U-Bahn. »Sie gucken mich an, und ich sage ›Hello!‹ – aus reiner Routine.«
Als die AIDAbella vor Stunden in die Nordsee einfuhr, schwankte sie nur leicht. Jetzt, in der Elbe, gleitet sie so unmerklich übers Wasser, als ob sie im Trockendock läge. »Wir könnten uns privat solche Reisen niemals leisten«, sagt Nataliya. Es gibt immer wieder Momente unterwegs, die sie nicht missen möchte. In Skagerrak angelten sie auf einem Katamaran Dorsche, länger als ihre Unterarme. In Irland besuchten sie eine Whiskeybrennerei und hörten das klangvollste Englisch. Auf Palma de Mallorca schlenderten sie durch die maurischen Gassen der Altstadt. An manchen Abenden, wenn über tausend Gäste die Show sehen und nach Zugaben schreien, als wären sie Weltstars, wissen sie, warum sie auf Schiffen arbeiten. Und vergessen, dass ihr Alltag aus Verboten besteht. Eine Prügelei an Bord, das Verlassen des Schiffs ohne Erlaubnis oder 0,5 Promille Alkohol im Blut wären Kündigungsgründe. Und genau wie kein Gast Zutritt zu ihren Decks hat, dürfen die Angestellten nicht ins Reich der Gäste. Bis auf Wenige. Täglich stehen abgezählte Buttons für jeden Bereich zur Verfügung. Kleine Schildchen, die sich die Schnellsten holen.
Der sechsjährige Makar versteht nicht, dass seine Eltern so lange fort sind
Einmal die Woche telefonieren die beiden mit ihrem Sohn. Er versteht nicht, dass seine Eltern so lang fort sind, sagt Nataliya, und ihre Stimme stockt dabei. Wenn sie ihn wiedersehen, erzählt er von Drachen, die aus dem Meer kommen, und Feuerbällen, die im Wasser versinken, und davon, wie er um Vulkanberge vor Island schifft, wo sich Wikinger verstecken.
»In der Ukraine müssen Jungen stärker sein als Mädchen«, sagt Oleksiy und schlägt sich auf die Stirn. »Wir haben da so einen Tick in unserer Mentalität. Ein Mädchen würde ich öfter anrufen, mir viel mehr Sorgen machen!« Dann lacht er, und man weiß nicht, wie ernst es ihm war. Ihr Sohn soll einmal ein Intellektueller werden, sagt er, ein Professor oder Ingenieur. »Warum denn bloß?«, fragt seine Frau, als hätte sie ihn das schon oft gefragt. »Weil ich es schon nicht geworden bin«, sagt Oleksiy etwas schärfer als vielleicht gewollt und kippt einen Wodka runter. Dann lächelt er sein AIDA- Lächeln. Schon morgen wird er wieder auf der Bühne stehen.
INFORMATION
Kreuzfahrten: Von Warnemünde aus starten im Sommer 2008 insgesamt zehn Ostseerundreisen nach St. Petersburg, Helsinki und Stockholm. Eine zehntägige Reise kostet je nach Kabinenkategorie ab 1595 Euro. Vom 20. September 2008 bis zum 11. April 2009 werden die Kanarischen Inseln auf der Strecke »Kanaren 1« angelaufen. Für sieben Tage ab/bis Gran Canaria sind mindestens 595 Euro zu zahlen. Im Hafen von Las Palmas beginnt die Rundfahrt mit den Stationen Madeira, La Palma, Lanzarote, Fuerteventura und Teneriffa
Auskunft: AIDA Cruises, Tel. 01805-18222222, www.aida.de
- Datum 13.05.2008 - 06:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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Wenn die Tänzer auf diesem Schiff wirklich nur € 1.000,-- verdienen für eine Arbeit, bei der sie sich kaputt machen, sollten sie um Gotteswillen keine Balletschule eröffnen, um künftiges Tänzern dieses Elend zu ersparen. Mein Vorschlag ist sich gewerkschaftlich organisieren und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.
AloisinJersey
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