Die Chirurgin sitzt in einem dunklen Haus mitten in einer dunklen Stadt. Die Elektrizität ist in der ehemaligen Hauptstadt Rangun zum Erliegen gekommen, genauso wie die Internetverbindung und die Mobilfunknetze. Immerhin funktioniert die Festnetzleitung der Chirurgin noch, auch wenn die Verbindung erst nach mehreren Dutzend Versuchen steht. Es knackt in der Leitung, während sie die Lage in ihrer Stadt schildert. Nur ihren Namen solle man bitte nicht erwähnen, das könnte gefährlich sein.

»Es sieht hier aus wie im Krieg«, sagt sie. 40 Prozent der Stadt seien komplett zerstört, die Obdachlosen suchten in Schulen oder buddhistischen Klöstern Schutz, doch auch die könnten längst nicht alle versorgen. In den Geschäften gibt es keinen Reis mehr zu kaufen, Wucherer und Hamsterkäufer haben alle Vorräte gehortet. Von außen kommt kein Nachschub, beinahe alle Straßen sind durch umgefallene Bäume und Bauschutt blockiert. Nur noch wenige Autos fahren auf den Straßen, Busse verkehren überhaupt nicht mehr. »Die Patienten kommen erst gar nicht zu uns ins Krankenhaus«, erzählt die Chirurgin. Doch auch die Ärzte können nicht zu den Patienten fahren, es gibt kein Benzin. Die Toten werden nicht mehr begraben oder eingeäschert, »in einer Woche werden Seuchen ausbrechen«, sagt sie.

Der Sturm kam, als ihn keiner mehr erwartet hatte, Stunden nach der offiziellen Warnung. Die meisten Birmanen lagen schon in ihren Betten, erleichtert, war ja gar nicht so schlimm gewesen. Es kam viel schlimmer. Erst der wütende Wind, dann der rasende Sturm, schließlich der unerbittliche Regen. Zwölf Stunden lang zog der Zyklon Nargis am Wochenende über den Südwesten Birmas, das 1989 in Myanmar umbenannt worden ist. Er hinterließ ein Land, das seine Bewohner kaum mehr wiedererkennen. Mehr als 20000 Tote meldet die Regierung am Dienstagabend, es ist gut möglich, dass die Zahl um Zehntausende steigen wird.

Und die Regierung? Was tut sie, um den Menschen zu helfen? Die Chirurgin lacht bitter. »Wir sehen nicht viel von ihr. Es gibt keine Hilfstruppen. Ein paar Soldaten versuchen, mit langen Macheten die umgestürzten Bäume zu fällen, doch sie haben so gut wie keine Ausrüstung. Fünf Soldaten teilen sich eine Machete.« Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Und sie sind wütend. Schon erzählen sie, die in Jahrzehnten von Militärherrschaft und Armut einen bitterschwarzen Sarkasmus kultiviert haben, sich folgenden Witz: Willst du Soldaten sehen? Dann geh mit einem Plakat in der Hand auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren. Im Nu werden Hunderte da sein. Wenn du sie aber einmal wirklich brauchst, wird sich keiner von ihnen blicken lassen.

Wer kein Geld hat, braucht gar nicht ins Krankenhaus zu gehen

Vergangenen Herbst gingen überall im Land buddhistische Mönche auf die Straße, um gegen die Militärjunta zu protestieren. Bald schlossen sich ihnen Nonnen und weite Teile der enttäuschten Bevölkerung an. Einen rauschhaften Moment lang hofften die Menschen, es könnte gut gehen, ihre Chance sei endlich gekommen. Der Moment währte kurz. Tage später schlug das Regime zurück, hieß seine Soldaten, auf das eigene Volk zu schießen, und eröffnet die Hexenjagd auf alle, die sie als »Rebellen« und »subversive Elemente« brandmarkte. Die Welt war entsetzt, ein paar Wochen lang, dann wurde es still um Birma. Bis zum vergangenen Samstag.

»Wir haben alles im Griff, die meisten Probleme sind gelöst«, lässt die Regierung das Volk übers Radio wissen. Sie weiß, dass dem nicht so ist. Sie war darüber informiert, dass der Sturm kommen würde, vorbereitet aber war sie nicht. Hilflos und vollkommen überfordert steht sie vor dem Desaster. Und ist zum ersten Mal bereit, das zuzugeben. Die Junta hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, berichtet Unicef, und auch wenn das wie ein ganz natürlicher Schritt wirken mag – für Birma ist es das nicht. Nach dem Tsunami von 2004 verweigerte das Regime die Hilfe westlicher Länder, denn die Militärs misstrauen ihnen zutiefst. Es war nicht zuletzt die Angst vor einem Angriff aus dem Westen, der sie dazu verleitet hat, im Jahr 2005 die Hauptstadt von Rangun ins Landesinnere zu verlegen, nach Naypyidaw, in die »Heimstatt der Könige«, die sie aus dem Nichts aufbauen ließen, fernab von feindlichen Mächten, fernab vom eigenen Volk.