Elitewettbewerb Nur halb Elite
Neun deutsche Universitäten dürfen sich seit vergangenem Oktober »exzellent« nennen – wegen ihrer Forschung. Doch die Lehre und Studienbedingungen sind genauso schlecht wie anderswo.
Normalerweise neigt Dieter Lenzen nicht zu Haarspaltereien. Als etwa die Berliner Freie Universität (FU) am 19. Oktober 2007 zu einer von deutschlandweit neun Elite-Hochschulen gekürt wurde, jubelte ihr Präsident: »Ich wusste immer, dass wir gut sind.« Ein halbes Jahr später allerdings nimmt es Lenzen auffällig genau. Der Exzellenzwettbewerb habe einzig und allein im Bereich der Forschung stattgefunden, betont der FU-Präsident, außerdem sage der Sieg weniger aus über die Qualität der Hochschule in der Gegenwart als über das Potenzial, das ihr die Gutachter zutrauten. »Der Exzellenz-Status ist ein Rabatt in die Zukunft.«
Dieter Lenzens Vorsicht hat einen Grund. Während die Freie Universität auf vielen Forschungsfeldern längst zur internationalen Spitze zählt, bleibt die Qualität der Lehre oft im Morast der Mittelmäßigkeit stecken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein FU-typisches Phänomen: Von Heidelberg bis München, von Freiburg bis Aachen, eine Sonderauswertung des
CHE-Hochschulrankings
ergibt an den neun Elite-Universitäten eine besorgniserregende Kluft zwischen den häufig brillanten Forschungsleistungen ganzer Fachbereiche und eklatanten Missständen bei der Studiensituation.
Ausschließlich grüne Punkte bei den Forschungsindikatoren, ganze Batterien roter in der Spalte mit den Lehrbewertungen, wobei Grün im Ranking für »Spitzengruppe« steht und Rot für »Schlussgruppe« – kein seltenes Bild an den Hochschulen, die sich spätestens seit der Exzellenzinitiative zu Deutschlands besten zählen. Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, sagt: »Die Annahme, ein exzellenter Forscher sei automatisch ein exzellenter Lehrer, ist natürlich Unsinn.«
Dass die neun Elite-Unis in Sachen Studierqualität kaum einen Deut besser sind als die Masse der deutschen Hochschulen, ist ein weiterer alarmierender Beleg für die jahrzehntelange Vernachlässigung der Lehre durch Politik und einen Teil der Wissenschaft. Doch jetzt schlägt das Pendel zurück. »Mir stinkt nichts mehr als Hochschulen, die sich seit der Exzellenzinitiative stolzgeschwellt Forschungsuniversitäten nennen«, sagt Wolfgang Herrmann.
Bislang hat die Politik alle ihre Hoffnungen auf die große Bologna-Studienreform gesetzt, die Umstellung aller Studienabschlüsse auf die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master. Bei Bologna steht der Student, zumindest in der Theorie, im Mittelpunkt, sein Lernerfolg soll durch mehr Leistungstransparenz und eine bessere Studienorganisation garantiert werden. Doch spätestens in den vergangenen Monaten haben Meldungen über erhöhte Abbrecherquoten und hoffnungslos überlastete Studenten klargemacht, dass eine Reform der Studienstruktur alleine nicht reicht – mehr Geld und ein ganz neuer Ansatz in der Lehre müssen her, damit die Reform zu einem vollen Erfolg wird.
Die neue Richtung vorgegeben hat ausgerechnet der einflussreiche
Wissenschaftsrat
, ein Gremium, in dem Politiker und Wissenschaftler an einem Tisch sitzen. Seine »Empfehlungen zur Qualität von Lehre und Studium«, die in dieser Woche verabschiedet werden sollen, sind ambitionierter Forderungskatalog und Versprechen zugleich: Nichts weniger als eine neue »Kultur der Lehre« ist das Ziel, in der die Reputation eines Hochschullehrers in gleicher Weise durch Leistungen in Lehre und Forschung entsteht.
Konkretere Maßnahmen, wie dieses Ziel zu erreichen sei, will der Wissenschaftsrat vorab nicht nennen, viele davon seien bereits bekannt, würden aber bislang weder systematisch noch flächendeckend eingesetzt.
Am meisten Sprengkraft dürfte jedoch eine Zahl entwickeln: 1,2 Milliarden Euro. Einen solchen Aufschlag für die Universitäten hatte der Wissenschaftsrat schon 2006 für nötig befunden – ein Plus von jährlich 15 Prozent für alle lehrbezogenen Ausgaben, um die Lehrqualität zu erhöhen, über Neueinstellungen die Betreuungsrelationen zu verbessern und so Anschluss an die in anderen Ländern üblichen Standards zu finden.
Was die 1,2 Milliarden so bemerkenswert macht: Sie sind eben auch von den Wissenschaftsministern der Länder abgesegnet, die im Wissenschaftsrat mitentscheiden. Sollte diese Summe durch die aktuellen Empfehlungen an prominenter Stelle erneut bestätigt werden, könnte eine spürbare Verbesserung der desolaten Finanzlage vieler Hochschulen nach Jahren der Sonntagsreden erstmals in greifbare Nähe rücken.
Wenn es einen Ort an der FU gibt, an dem Anspruch und Wirklichkeit einer Elite-Universität bereits eins sind, dann im »Brain«, der neuen, vom Reichstag-Umbauer Norman Foster entworfenen Philologischen Bibliothek, die die Form eines riesigen menschlichen Gehirns hat. Der Blick von den geschwungenen Lese-Emporen hinunter zu dem Teppich mit dem FU-Bärenlogo ist innerhalb von nur drei Jahren zum wohl meistfotografierten Uni-Motiv geworden. Die Studenten lieben es, auf den Emporen zu hocken, die sich wie Terrassen hin zur Decke stufen, von hier kann man perfekt die Drehtür im Auge behalten: ein ständiges Sehen und Gesehenwerden. Ein schickes Stückchen Uni.
Vom Brain zum Zimmer von Stefan Petri sind es nur ein paar Meter Luftlinie, ein Spaziergang durch schlecht beleuchtete, immergleiche Gänge. Auch hier, im Fachbereich Psychologie, ist die Wirklichkeit der FU zu Hause – in allen studienrelevanten Kategorien, von der Studienorganisation bis zur Betreuung der Studenten, liegt die FU-Psychologie im Schlussfeld aller deutschen Universitäten, einzige Ausnahme: die Bibliotheksausstattung, da reicht es
im CHE-Ranking für die Mittelgruppe
.
Besonders pikant: Gleichzeitig ist der Fachbereich dank seiner hervorragenden Forschungsleistung an einem im Rahmen des Elite-Wettbewerbs geförderten Exzellenzcluster beteiligt. »Die Situation der Lehre ist in einigen Bereichen verbesserungswürdig«, sagt Petri, Leiter des Studienbüros, wolkig, nachdem er sich an einem Besprechungstisch niedergelassen hat, der genauso grau ist wie die Betonwände in seinem Zimmer. »Darum hat der Fachbereich ja dieses Büro eingerichtet.«
Wer mit Studenten redet, dem wird ziemlich schnell klar, dass »verbesserungswürdig« lange Zeit eine nette Untertreibung für »katastrophal« war. Das Psychologie-Diplom, so erzählen sie hinter vorgehaltener Hand, sei ein Paradebeispiel für ein schlecht organisiertes, abschreckendes Massenstudium gewesen, in dem der Einzelne leicht verloren gehen konnte, mit Professoren, denen ihr zur Schau gestelltes Desinteresse an den Studenten teilweise nicht einmal mehr peinlich war.
Wobei dies offenbar vor allem für die unteren Semester galt. »Seit ich im Hauptstudium bin, geht es besser«, sagt Susanne Hartung, 26. »Jetzt fließen endlich auch konkrete Forschungsergebnisse in unsere Arbeit ein, die Gruppen sind kleiner, das macht Spaß.« Insgesamt, so findet sie, könne man sicherlich vieles besser machen, aber »so grottenschlecht ist die Lehre bei uns auch wieder nicht«.
Es ist einer dieser Sätze, die typisch sind für die Studenten der FU-Problemfächer. Aus ihm spricht ein wenig Schicksalsergebenheit, ein wenig Trotz. »Ich war nur an dieser Uni, woher soll ich wissen, ob es woanders besser ist«, sagt Christian Zimmermann, der Pharmazie studiert, noch so ein Fach, das ganz
tief in den roten Punkten steckt
. Dann bemängelt er aber doch sehr zielsicher die schlechte Laborausstattung, die miese Betreuungsrelation und die »zum Teil sehr bescheidene didaktische Qualität der Vorlesungen«.
Statistiken zeigen zudem, dass die Abbrecher- und Durchfallquote in der FU-Pharmazie teilweise exorbitant sind. Auch Zimmermann berichtet fast beiläufig, dass von den 90 Studienkollegen, mit denen er im ersten Semester begonnen habe, jetzt im siebten noch 16 übrig seien. Die meisten bleiben in der Organikprüfung nach dem ersten Studienjahr hängen. »Es ist halt ein hartes Fach, was soll man machen«, sagt Shvabskyy Rostyslav, der vor dem Institut für Pharmazie in der Sonne hockt. Der 24-Jährige hat die Organik-Hürde erst beim zweiten Mal geschafft, doch auch er will deshalb nicht in eine Professorenbeschimpfung verfallen. Nach Jahrzehnten schlechter Lehre, so scheint es, haben sich viele Studenten mit ihr arrangiert.
Bislang blieb ihnen auch wenig anderes übrig. Erst seit Uni-Präsidenten Rankings ernst nehmen müssen, bleiben schlechte Lehrleistungen immer seltener ungeahndet. »Natürlich ist der Erwartungsdruck vonseiten der Hochschulleitung gestiegen, weil wir so enttäuschend abgeschnitten haben«, sagt Matthias Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie. Nach dem letzten Ranking hat er sich mit seinen Kollegen hingesetzt, und sie haben Ursachenforschung betrieben. »Druck von außen kann dabei manchmal sehr heilsam sein«, sagt Melzig.
Im Ergebnis haben sie unter anderem ein Mentorenprogramm aufgelegt, durch das sich die Studenten erstmals regelmäßig mit ihren Professoren treffen können. »Statt nur abzufragen, müssen wir den Studenten dabei helfen, ihre Lernmethoden zu verbessern und durch die Unmengen an Wissen zu navigieren, die unser Fach ausmachen«, sagt Melzig – was bereits ziemlich genau nach dem klingt, was der Wissenschaftsrat den deutschen Hochschullehrern ins Stammbuch schreiben will.
Auch die FU-Psychologie geht neue Wege: Studienbüroleiter Petri und seine Kollegen haben den neuen Bachelorabschluss so gestaltet, dass er endlich jene Struktur vermittelt, die im Diplom gefehlt hat. Von der Bologna-Reform erwartet er sich viel: »Ich glaube, dass die Bachelorstudenten zufriedener sein werden und dass sich das auch im Ranking auswirken wird.« Dank des Erfolgs in der Exzellenzinitiative kämen zudem zwei zusätzliche Professoren in den Fachbereich. »Das ist eine spürbare Verbesserung, und ganz bestimmt profitieren die Studenten von dieser Dynamik.«
So zeichnet sich allmählich auch in den Problemfächern ein Mentalitätswandel hin zu einer neuen Wertschätzung für die Lehre ab, an der Freien Universität zusätzlich verstärkt durch ein Zwölf-Punkte-Programm »Qualitätsoffensive Lehre«, das Dieter Lenzen durchgedrückt hat: Die Einrichtung zentraler Studien- und Prüfungsbüros gehört zu den Maßnahmen, ebenso wie eine einheitliche Form der Lehrevaluation, mehr Einführungsveranstaltungen oder flächendeckende Mentoringprogramme für Erstsemester. »Das kostet richtig Geld, und das werden wir auch ausgeben«, kündigt Lenzen an. Elf Millionen Euro zusätzlich in den nächsten zwei Jahren macht die FU für die Initiative locker.
Auch die anderen Elite-Universitäten machen jetzt Nägel mit Köpfen. Die TU München will bis 2009 ein verpflichtendes Qualitätsmanagementsystem für die Lehre einrichten, ähnlich wie es der Wissenschaftsrat fordert. »Noch sind wir in der Hinsicht an den Universitäten sehr vorsintflutlich«, sagt Wolfgang Herrmann. »Wir müssen die ausschlaggebenden Indikatoren erst definieren, es gibt da ja bislang so gut wie nichts Belastbares.«
Das neue Präsidium der Universität Freiburg wiederum, gerade seit einem Monat im Amt, hat gleich eine Stabsstelle eingerichtet, die alle Bemühungen um »Exzellenz in der Lehre« koordinieren soll. »Natürlich hat die Exzellenzinitiative eine Strapaze für die Universität bedeutet, auch zulasten der Lehre. Das wird sich jetzt ändern«, sagt Vizepräsident Hans-Jochen Schiewer.
Eine Entschuldigung will er dabei nicht mehr gelten lassen: das knappe Geld. »Das ist ein Totschlagargument und letztendlich ein Gemeinplatz. Mit dem gewaltigen Strukturdefizit leben wir seit Jahrzehnten, jetzt kommt es darauf an, unter den widrigen Umständen neue Ideen zu entwickeln. Da gibt es genug Möglichkeiten.«
- Datum 09.05.2008 - 04:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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Meine Erfahrungen an deutschen Unis sind eher gut. Die Rankings halte ich nicht unbedingt für glaubwürdig. Man weiß nicht wer dahinter steckt und ob sie manipuliert sind. Die süddeutschen Unis zB klappern kräftig und finden starke Unterstützung durch konservative Eliten, Medien und Thinktanks (zB Bertelsmann). Die Umstruktierungen sind nicht demokratisch beschlossen worden. Zumal gerade im Süden Studenten an Unis mehr wie Schüler behandelt werden, was ihr Mitspracherecht betrifft.Schlechte Professsoren hat es schon immer gegeben. Aufgabe eines (Uni-)Professors ist es aber nicht, sich wie eine Glucke im seine Studenten zu kümmern. Ort der Auseinandersetzung von Professoren und Studenten ist das Seminar. Was die Betreuung von Studenten durch Tutoren in Arbeitsgruppen oder Praktika betrifft, so findet diese meist erfolgreich durch diplomierte und promovierte Dozenten statt, teilweise durch Studenten im Hauptfach. Studium und Lehrmaterial sollte sich ein Student, soweit möglich, selbst organisieren können. Wen das überfordert, sollte an einer FH studieren. Es laufen zunehmend Leute an der Uni herum, die gerne für jedes Fach ein Skript hätten, welches sie nur noch auswendig zu lernen brauchen. Gleichzeitig fallen studentische Freiheiten weg. Gefördert wird ein unkritischer Student mit gewissen Sekundärtugenden.
Am Ende lässt sich vieles auf die Gruppengröße zurückführen. Es ist einfach unsinnig,wenn die akademischen Betreuer sich riesigen Studentenzahlen gegenüber sehen, die nur noch eine mehr oder weniger formale Abfertigung zulassen. Nachdem an den Universitäten aber seit Jahrzehnten geradezu ein Raubbau an der personellen Ausstattung stattfindet, glaube ich an keine rasche Besserung! In diesem Lande hat Bildung seit ca. 1990 seinen eigentlichen Stellenwert verloren. Man verfügt über den Nachwuchs, als falle er vom Himmel und will überall in der ersten Liga mitspielen, hat aber vergessen, dass dafür Investitionen in Personal und Material nötig sind! Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um den richtigen Stellenwert der Universitäten in der Gesellschaft.
Erst werden vielerorts Studiengebühren erhoben, dann wird es an den Unis noch schlechter. Also dienten diese Studiengebühren doch gar nicht dazu, die Qualität insbesondere der Lehre zugunsten der Studierenden zu verbessern, wie immer wieder öffentlich behauptet wurde zu ihrer Rechtfertigung. Sie dienen dazu, Kinder von Arbeitern, Arbeitslosen und sogenannten "kleinen" Angestellten vom Studium abzuschrecken. Sie sind ein weiteres Instrument der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Als ein solches entlarven sie sich immer mehr. Wer richtig Geld hat, schickt seine Kinder auf teure Privatunis, vorher auf Privatschulen. Damit wird die Chance auf einen guten Arbeitsplatz gesichert, denn die werden immer knapper. Die soziale Spaltung geht also nachweislich weiter... Wer hat die notwendigen Beziehungen, und wer hat sie nicht.
rheinelbe
Dass sich weder Studiengebühren noch Gelder aus der Exzellenzoffensive nachhaltig positiv auf die Studienbedingungen in D auswirken, war vorher schon absehbar. Deutsche Hochschulabsolventen sind zwar auf Grund der hohen Qualität der alten Diplom-Studienabschlüsse beruhenden soliden Ausbildung im Ausland begehrte Arbeitskräfte, in D gelten sie jedoch als zu teuer, als zu anspruchsvoll und insbesondere in konservativen Kreisen als politisch verdächtig. Und nein: Studiengebühren wurden mitnichten deshalb eingeführt, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern - hier haben die Universität selbst nichts zu melden, bei der Einrichtung neuer Professorenstellen werden die Entscheidungen in den zuständigen Ministerien gefällt. Die Einführung von Studiengebühren diente einzig und allein der Senkung der Studierendenzahlen. Aspekte, wie 'Servicegadanke' und 'Kundenorientierung' der Hochschulen waren Schlagworte in politischen Sonntagsreden, mit denen das eigene Vorhaben verschleiert wurde.Übrigens: die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge führten zu einer wahren Bürokratie- und Kostenexplosion an den Hochschulen, zu einer Zunahme der Abbrecherzahlen und zu einem inzwischen allgemein zu beobachtenden dramatischen Qualitätsverlust im Bereich der deutschen Lehre, die sich inzwischen fast überall auf Grund regider administrativer Vorgaben im Vorkauen von Lehrsätzen beschränkt, die von den Studenten ins Kurzzeitgedächtnis eingepaukt und anschließend nachzubeten ist. Intellektuelle Eigenleistungen, ein wesentlicher Aspekt der deutschen Hochschullehre, sind unter solchen Bedingungen nicht mehr zu leisten; aber anscheinend glaubt man ja, so etwas bräuchte man nicht. Die Wirtschaft, so hieß es ja immer gerne, bräuchte praxisorientierte Mitarbeiter, die leicht zu händeln sind. Nicht die fachliche Qualifikation zähle, sondern mit betriebswirtschaftlichen Methoden messbare 'Softskills'... Dass die garantierte Fähigkeit eines Hochschulabsolventen, an Hand der Krawattenfarbe einer 'hochgestellten Persönlichkeit' deren Laune herauszuinterpretieren gehört, ist im Moment reine Spekulation.
Ich kann dem Artikel in vielerlei Hinsicht nicht folgen. Ich bin seit sechs Jahren Student an der FU Berlin, absolviere gerade mein Examen und war zwei Jahre lang als Tutor bei verschiedenen Dozenten am Fachbereich Neuere deutsche Philologie tätig.
Ein Hohelied an die neue Philologische Bibliothek anzustimmen, ist aus meiner Sicht völlig unsinnig. Ich möchte dazu raten, sich mal für einen Tag in ihr aufzuhalten. Es ist LAUT und meist schon um 12 Uhr völlig ÜBERFÜLLT. Laut deswegen, weil die Emporen in einen Hohlraum gesetzt worden sind, was vielleicht nett aussieht, jedoch dazu führt, dass sie auf der dritten Empore hören, wenn unten bei den Schließfächern ein Hefter herunterfällt. Freilich gibt es immer mehr Studenten die mit Laptops arbeiten. Ich habe nichts dagegen. Nur, wenn sie davon umringt sind und das ständige Getippe hören, geht das eigene Arbeiten nur noch mit Oropax. Vor allem, weil viele auch keine Rücksicht nehmen, wenn sie ihre Laptops anschließen, was jedes Mal einen unglaublichen Lärm verursacht.
Überfüllt deswegen, weil, wie der Artikel es bereits sagte, es schick ist, zu sehen und gesehen zu werden. Das führt dazu, dass viele Arbeitsplätze von denen eingenommen werden, deren Fachbereichsbibliotheken woanders sind: Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Biologen. Andererseits werden auch immer mehr kleinere Bibliotheken in die Philologische Bibliothek verlegt beziehungsweise sollen verlegt werden, wie etwa die Bibliothek für Politik- und Sozialwissenschaften, was die Studentenzahl nochmals beträchtlich erhöhen wird. Allerspätestens ab 14 Uhr können sie beobachten wie sich lange Schlangen vor den Schließfächern bilden. Bereits zwei Mal zog man bisher die Notbremse und verteilte an der Eingangstür Platzkarten, wobei nur ein kleines Kontingent an Fachbereichsfremde vergeben wurde. So sieht Elitenbildung an der FU aus.
Zur Lehre auch noch ein Wort. Um an der FU studieren zu können, müssen sie ein gutes Abi haben. Das heißt, die Erstsemester sind durchaus nicht blöd. Meine Erfahrung als Tutor für Bachelor-Erstsemesterveranstaltungen ist jedoch, dass man sich bemüht möglichst wenig zu vermitteln. Wenn man ein Semester damit vergeudet, Arbeitstechniken durchzukauen, die die Studenten sich auch nebenher aneignen können, kann man nach sechs Semestern keine guten Leute erwarten. Nach sechs Semestern ahnt man geradeso, was man da für ein Fach studiert, in welchen Dimensionen sich das abspielt. Hinter der Hand meinte kürzlich eine Professorin zu mir, dass sie es erstaunlich fände, dass es tatsächlich noch Studenten gäbe, die man mit den Bachelor-Lehrplänen noch nicht kleingekriegt hat. Ich kann ihr da nur zustimmen, die Lehrpläne und Diskussionen in den Seminaren in den Erstsemesterveranstaltungen reichen kaum über Sekundarstufe II hinaus und im vierten Semester wissen viele immer noch nicht, wie man ein Referat so hält, dass gleichzeitig Kerngedanken des Textes vermittelt und eine Diskussion angestossen wird.
Zum Schluss die ewige Wahrheit: An einer Massenuniversität wie der FU Berlin muss man Eigeninitiative und Organisationsfähigkeit mitbringen oder entwickeln. Der Gedanke: Der Professor wird mir schon sagen, was und wie ich es machen soll, bringt hier nichts und wird auch in absehbarer Zukunft nicht funktionieren.
Übrigens erklärte man seitens der Studierenden das laufende Sommersemester zum "Protestsemester". Themen sind unter anderen Elitenbildung und Studierbarkeit. Weitere Informationen unter: www.uniprotest.de
Dieser Artikel ist ein Musterbeispiel für journalistische Einseitigkeit, das ist wirklich traurig! Ich bin selbst Student an der FU und ich würde die Kommentare der zitierten Studenten (wenigstens wurden sie abgedruckt) teilen: "Es ist verbesserungswürdig, aber so schlecht ist es nun auch nicht." Das hat nichts mit Kapitulation, Trotz oder Schicksalsergebenheit zu tun, das ist eine normale Meinung vieler Studenten ohne Bitterkeit. Wer die Chance an der FU nutzt, sich auf eigenen Füßen Wissen und Fähigkeiten für ein selbst gewähltes Spezialgebiet anzueignen, der wird am Ende bessere Chancen im Berufsleben haben als Studenten von der Sorbonne oder Harvard - warum? Weil man gelernt hat, auch mal ein paar Schritte ohne Papa Professor zu gehen. Das ist eine harte Schule, so mancher scheitert an dieser Herausforderung. Aber wer durchkommt, der ist wirklich ein Alumni, ein Erleuchteter. Im Übrigen haben m.A. viele Defizite der FU-Lehre nicht viel mit Geld zu tun. Wer mehr als die Hälfte eines Seminars mit Referaten von wenig motivierten (aufgrund fehlender Benotung) und dadurch schlecht informierten Studenten besetzt, der kann nicht viel erwarten. Eine kleine Maßnahme (Benotung) würde hier Wunder bewirken. Mehr Geld wär toll, dann könnte man den Großteil der Lehrkräfte endlich bezahlen. Aber es ist nicht alles. Der Artikel legt seinen Fokus auf die völlig falschen Schwerpunkte (Bachelor und Bibliothek - sicher nicht die Vorreiter von Exzellenz) und ist von einer armseligen, auf jeden Fall unwissenschaftlichen Einseitigkeit. Nachsitzen!
Man kann ja über Studiengebühren trefflich streiten. Wer aber allen Erntes behauptet, sie seien eingeführt worden, um gezielt bestimmte Gruppen vom Studium "abzuschrecken", der befindet sich auf dem besten Wege in das verschwörungstheoretische Lilalabaland. Wie wenig man dort noch mit der Realität in Berührung kommt, zeigt die Auffassung, die (guten) Arbeitsplätze würden immer knapper. Jaja, besonders in letzter Zeit, nech: Ein Zuwachs von (mindestens) mehreren hunderttausenden sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen ist schon ganz alarmierend. Besser schnell nach Lilalabaland auswandern.
Friedrich Poeschel,
University of Oxford,
www.friedrich.poeschel.info
Natürlich hängt ein Studium vom Geldbeutel ab. Das ist eine ganz einfache und daher nicht bestreitbare Tatsache. Studiengebühren treffen nun mal in erster Linie ärmere Studierende. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern leicht nachvollziehbar. "Argumente" wie "nach Lilalabaland auswandern" sind hingegen unsachlich und verraten sofort die unfaire Absicht, den Diskussionspartner herabzusetzen, zumal in einer veröffentlichten Diskussion wie hier. Das ist nicht mein Stil. Auch einen Alleinvertretungsanspruch für das Erkennen von Realität gibt es nicht. Wie ließe er sich auch ableiten?
Nun aber schnell wieder zur Sache: Bald werden sicher die ersten wissenschaftlichen Studien erscheinen über die soziale Zusammensetzung der Studierenden nach Einführung von Studiengebühren. Und die guten Arbeitsplätze bekommen nur im Ausnahmefall die Kinder von Arbeitern, Erwerbslosen oder kleinen Angestellten. Darüber gibt es schon Studien, auch über die mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems.
Beste Grüße!
rheinelbe
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