Als ich meine erste Beethoven-Sonate den Mädchen in der katholischen Jugendgruppe vorspielte, warf ich meine Haare wild umher, gab den Titan am Klavier und guckte grimmig. Ich wollte diabolischer wirken als Schröder (der genialisch-introvertierte Pianist bei Charlie Browns Peanuts), der mit Beethoven alle Herzen gewann. Die Mädchen, die mir zuhörten, fanden mich süß und nannten mich einen "kleinen Amadeus". Eine herbe Enttäuschung, wenn man Beethoven spielt. Mozart war nett, gepflegt, niedlich. Ich wollte ein Rebell sein. Vor allem wollte ich pathetisch donnern. Vom wirklichen Beethoven hatte ich keine Ahnung.

Wie rebellisch Beethoven wirklich sein kann, erfuhr ich erst viel später – als ich unter einer kuriosen musikalischen Mangelernährung zu leiden begann. Immer wieder hörte ich in Konzerten meine Lieblingssinfonie, Beethovens Eroica – und nie machten die Dirigenten, was mir tief im Innersten vorschwebte. Die Fünfte (Ta-ta-ta-taaa) konnten alle, die Eroica konnte keiner. Gewiss, im Konzert waren alle Noten da, aber der Geist des Stücks blieb fern. Wo war die Wildheit? Abwesend. Wo blieb die revolutionäre Gestik? Blieb blass. Wo bejubelte die Musik Napoleon, trauerte tränenlos und entband Kräfte, um Bastionen zu stürmen? Nirgends. Wann hörte ich, dass die Eroica die erste politische Sinfonie war? Nie.

In der Fachliteratur hatte ich oft von einem historischen Ereignis gelesen, das jene Kräfte des Werks gleichsam zur Implosion gebracht haben soll: die denkwürdige Live-Aufnahme der Wiener Philharmoniker unter Hermann Scherchen von 1958. Also das Duell eines auf seinen Traditionsschätzen fafnerisch ruhenden Orchesters und eines Dirigenten, dem diese Tradition suspekt war. Scherchen am Pult predigte Fortschritt, anspringende Artikulation und das Feuer aus der Glut der originalen Metronomangaben; die Philharmoniker bauten ihren Stacheldraht dagegen: Komm uns nicht zu nahe! In Wien gewann Scherchen, aber das Orchester war kein Verlierer. Der eigentliche Sieger war Beethoven.

Und ich, der Hörer – als ich die Platte endlich besaß, die als vergriffen galt. Nach langem Suchen hatte ich sie in einem Londoner CD-Laden gefunden, das Westminster-Label leuchtete auf dem Etikett wie eine Verheißung, und die Aufnahme war noch viel spannender, enthusiastischer, als meine kühnste Erwartung je vermutet hätte. Das Orchester klang wie ein Prometheus, der in seinen Fesseln ächzt, aber da Scherchens Motivationskunst noch größer war als seine Strenge, entstand Einzigartiges: das Neue. So hatte ich Beethoven kaum jemals zuvor musiziert erlebt, nicht einmal von mir, dem Rebell am Klavier. Diese CD war besser als Schröder und ist bis heute die einzige, die ich nie verliehen habe. Sie entdeckte den echten Beethoven für mich. Beethoven soll sich später von Napoleon losgesagt haben. Mir doch egal.

Oft klingt auch heute die Eroica noch wie Mozart, den Mädchen süß fänden. Wenn ich einer Dame die Wucht Beethovens beweisen will, lege ich Scherchen auf. Wenn sie mir gefallen soll, die Dame, muss sie beim Hören elektrisiert vom Sofa springen. Andernfalls lasse ich die Finger von ihr. Mit der Zeit entwickelt man ja so seine Prinzipien.

Ludwig van Beethoven: "Eroica". Westminster/Universal 471 241-2

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