Das ist die Hölle
Stuttgart
Prüfend glitt der Blick der Mutter über das Gesicht ihrer kleinen Tochter. Argwöhnisch musterte sie ihr Kind. » Was hast du für blaue Augen!«, sagt sie plötzlich. Unter normalen Umständen wäre die harmlose Beobachtung vielleicht eine kleine Schmeichelei gewesen. Doch in diesem Fall drückte der Ausruf der Mutter Fassungslosigkeit aus sogar Ekel, wie sich die Tochter heute noch erinnert. Er offenbarte ein schlimmes Geheimnis.
Ulrike Dierkes ist ein Inzestkind, und ihre leuchtenden Augen sind das Vermächtnis eines Verbrechers. Sie war zehn Jahre alt, als ihr die ersten Andeutungen zugeraunt wurden: Ihr Vater sei auch ihr Großvater und ihre Mama zugleich ihre Schwester. Das kleine Mädchen begriff kein Wort. Damals habe sie ja noch an den Storch geglaubt und nur instinktiv geahnt, »dass das eine Katastrophe ist«. Es dauerte noch Jahre, bis ihr das ganze Ausmaß dieser Katastrophe bewusst wurde, die ihr Leben für immer aus der Bahn geworfen hat.
Kinder, die einer inzestuösen Verbindung entstammten, sagt Ulrike Dierkes, heute 50 Jahre alt und dreifache Mutter, würden nie mehr davon loskommen, in ihrer Herkunft einen Makel zu sehen. Die meisten ertrügen es im Stillen, ihre Stigmatisierung bleibe unbekannt und werde oft auch nicht anerkannt. Nur selten, wie im Fall der sechs Geschwister, die der Vergewaltiger Josef F. in Amstetten mit seiner eingekerkerten Tochter gezeugt hatte, stehen diese Kinder im Rampenlicht und können mit staatlicher Fürsorge und allgemeiner Anteilnahme rechnen. Das könne zwar helfen, meint Ulrike Dierkes, doch die Wunde in der Psyche, die solch eine Abstammung schlägt, hat man sie erst einmal begriffen, verheile nie. Keine Therapie könne das bewirken und kein Maß an Zuwendung.
Ihrer Mutter hat sie nichts zu sagen, ihren Vater verachtet sie
Ulrike Dierkes kam 1957 zur Welt und wuchs in einem kleinen Dorf in Westfalen auf. Ihre Mutter war bei der Geburt 13 Jahre alt, seit Jahren schon war sie von ihrem Vater, einem renommierten Kunstmaler, vergewaltigt worden. Zu einer Zeit, in der die Umgangssprache noch den Begriff »Kind der Schande« kannte, in der die Deutschen sich sonntags um den Nierentisch versammelten, mehrheitlich christdemokratisch wählten und alles taten, um in der Nachbarschaft als fromm und ordentlich zu gelten, war der Zeitpunkt für eine heimliche und damals illegale Abtreibung verpasst worden. Also musste geschwiegen werden über diese, nun ja, Sache. Der Kunstmaler büßte für die Vergewaltigungen der Tochter später doch im Gefängnis. Ulrike, seiner Tochter und Enkelin, erzählte die Verwandtschaft, der Knast sei so etwas Ähnliches wie ein Krankenhaus.
Als der Vater entlassen wurde, zog die Halbwüchsige mit ihrer Mutter nach Berlin. In der Schule versagte sie, weil sie einzig ein Ziel beschäftigte. » Ich habe immer nur überlegt, wie kann ich das Rad zurückdrehen. Ich wollte ja diese Mutter erobern und diesen Vater.«
Erst »ein Verrat« bewirkte, dass sich Ulrike Dierkes von ihrer illusionären Sehnsucht befreien konnte. Eines Tages stellte die Mutter einem neuen Freund ihre Tochter vor. » Das ist meine Schwester«, sagte sie. Das halbwüchsige Mädchen rannte in sein Zimmer, packte ein paar Sachen zusammen und floh. Zu ihrer Mutter kehrte sie nie zurück. Vor 18 Jahren sind die beiden Frauen einander noch einmal begegnet, aber sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Und der Vater? Würde er heute noch leben, sagt Ulrike Dierkes, sie schickte ihm all die Rechnungen für die vielen Therapiestunden, in denen sie versuchte, ihr seelisches Gleichgewicht zu finden. Sie verachtet diesen Mann.
Wie weinerliche Wracks würden sich die grausamen Väter auf einmal aufführen, seien sie endlich ertappt worden, meint die Stuttgarterin.
Das vermutet sie auch von jenem Josef F. aus Amstetten. Die große Schockwelle, die nach Bekanntwerden des Verbrechens ganz Österreich und auch Deutschland erfasste, ist an Ulrike Dierkes vorbeigeflutet.
Sie kenne andere Frauen, erzählt sie, die fünf oder sechs Kinder vom Bruder, Vater oder Großvater bekamen. Das Besondere an dem Fall in Österreich sei das Einsperren der Opfer, aber nicht die Motivation, die den Täter antrieb.
Die Herrschsucht und die Machtgelüste, die inzestuöser Gewalt meist zugrunde liegen, sind für Ulrike Dierkes vertraute Phänomene. Damit beschäftigt sie sich seit vielen Jahren. 1996 gründete sie den Selbsthilfeverein Melina, der Inzestmütter, Inzestkinder sowie deren Familien betreut. Ulrike Dierkes sagt ihren Schicksalsgenossinnen, sie sollten damit aufhören, allein nach einem Ausweg zu suchen. Sie erklärt, dass es unmöglich sei, die Liebe der verlorenen Eltern zurückzuerobern, weil es diese Liebe nie gegeben habe, und dass sie keine Schuld träfe an dem Gefühl der Schande und der stummen Verzweiflung, die ihnen meist von Kindertagen an auf der Brust sitzt.
Sie rät, schleunigst das Leben mit professioneller Hilfe zu retten.
Es gibt Väter, die sind Säufer, Schläger, Betrüger oder sogar Mörder.
Deren Kinder haben trotz aller Dramatik die Chance, sich von solchen Elternbiografien mit der Zeit zu lösen und ein unbelastetes Leben zu führen. Inzestopfern könne das nicht gelingen, sagt Ulrike Dierkes: »Die schmoren in der Hölle.« Sie sind ja nicht mittelbar Betroffene einer Tat, sondern das direkte Produkt des innerfamiliären Verbrechens, lebender Beweis der Blutschande in einer Gesellschaft, die sich nur widerwillig mit dem Thema Inzest auseinandersetzt. Nicht aus Liebe werden Inzestkinder gezeugt, sondern aus gewalttätiger Begierde. Die unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit brennt ein Leben lang. » Jeder kämpft für sich allein ums Überleben«, sagt Ulrike Dierkes und sie meint damit auch sich selbst.
Eine verlässliche Statistik über die Zahl von Inzestopfern gibt es nicht. Der Tabubruch ist ein verschwiegenes und verheimlichtes Delikt, das fast immer unter der Wahrnehmungsschwelle der Gesellschaft begangen wird und meist nur stumme Opfer kennt. Ulrike Dierkes sind während ihrer zwölfjährigen Vereinsarbeit rund 500 Fälle in Deutschland bekannt geworden. Die Dunkelziffer muss jedoch ungeheuer groß sein. Grundsätzlich, fordert die Vereinsvorsitzende, sollten alle Teenager-Schwangerschaften auf inzestuöse Hintergründe untersucht werden.
Sie musste sich den Satz eintrichtern: »Du hast ein Recht, hier zu sein!«
Die Inzesthölle kennt allerdings Temperaturunterschiede. Mit den sechs Inzestkindern von Amstetten beispielsweise hat Ulrike Dierkes gemeinsam, dass das Verbrechen ans Licht kam und anschließend von der Justiz verfolgt wurde. Das private Grauen besitzt ein amtliches Aktenzeichen, und das sei immerhin besser, als mit einer bohrenden Ahnung leben zu müssen, die erst bewiesen werden will. Täter streiten ab, Zeugen schweigen, das erlebt der Stuttgarter Verein immer wieder.
Bis etwa ein beweiskräftiges DNA-Gutachten vor Gericht anerkannt wird, können Jahre verstreichen.
Manche Opfer werden selbst kriminell, aus Scham oder ihrem systematisch entwerteten Selbstbild heraus. Andere fälschen Urkunden oder machen falsche Behördenangaben zu ihrem Familienstand, um detaillierte Nachfragen zu Geschwistern, Eltern und Großeltern zu vermeiden.
Nur wer gelernt hat, mit seinem Schicksal zumindest teilweise Frieden zu schließen und die Wut hinter sich zu lassen, ist für die unvermeidlichen Kämpfe gewappnet, die in der einen oder anderen Weise fast jedes Inzestkind erwarten, das staatliche Anerkennung verlangt.
Anträge auf eine Behindertenrente aufgrund eines aus dem Inzest resultierenden Leidens beispielsweise müssen mit Beweisen unterfüttert werden. Erbschaftsregelungen, vor allem wenn auch Geschwister aus einer anderen, legalen Beziehung anspruchsberechtigt sind, erfordern, ungeheuer komplizierte Hindernisse zu überwinden. Die Stuttgarterin hat das selbst erlebt. Den Pflichtteil aus dem Vermögen des verstorbenen Vaters hat sie trotz anwaltlicher Hilfe nie erhalten.
Über drei Jahre hinweg, viermal wöchentlich, vertraute sich Ulrike Dierkes Psychotherapeuten an. » Ohne Hilfe von außen kommt man nicht raus«, sagt sie. Die Psychiater konnten sie zwar nicht von der alten Traumatisierung befreien, aber sie haben der Patientin beigebracht, wie man überlebt. Sie rufe sich, wenn es ihr schlecht gehe, positive Bilder ins Gedächtnis, sagt Ulrike Dierkes. Sie schreibt Gedichte, versucht, bewusst den Wechsel der Jahreszeiten zu erleben, betreibt Sport. Kleine Dinge. Und sie hat sich eine Botschaft eingetrichtert, tausendmal: »Du hast ein Recht, auf dieser Welt zu sein! Du bist nicht verantwortlich für das, was geschehen ist!« Solche einfachen Sätze, die für Außenstehende ganz selbstverständlich klingen, müssen Inzestopfer erst mühsam verstehen lernen.
Ulrike Dierkes hat autobiografische Bücher geschrieben, zuletzt Schwestermutter. Ich bin ein Inzestkind. Sie reist quer durch Deutschland und hält Vorträge. Das Reden hilft ihr, die Selbstzweifel, die sie nach wie vor verfolgen, zu überwinden. Sie ist dabei über die Jahre politisch geworden, kämpft gegen die Verharmlosung pädophiler Neigungen, die immer wieder geforderte Abschaffung des Inzest-Paragrafen im deutschen Strafrecht und die Verbreitung einer Lolita-Romantik, wie sie vorzugsweise von älteren Herren gepflegt wird. Für ihr Engagement wurde ihr vergangenes Jahr in Deutschland das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das war ein Zeichen des Respekts. Ihr wacher Verstand hat zwar viele Worte gefunden für die Beschreibung ihres Leidens, aber nur wenige, die trösten könnten.
Ein Teil der Hölle, in die sich diese Frau verdammt fühlt, findet sich darin, dass sie nur zu deutlich erkannte, wie unauflöslich verstrickt sie mit ihrem Schicksal ist. Entkommen könnte sie nur, wenn die Gesellschaft lernte, mit Inzest ähnlich offen umzugehen wie mit anderen sozialen Entgleisungen. Wenn sie anerkennte, dass heute aus der archaischen Vorstellung der Blutschande die Idee der Schande durch jene des Opfers verdrängt werden muss. Das versucht sie jeden Tag zu erklären, aber sie sieht dabei immer aufs Neue in verständnislose Gesichter. Die Aufgabe ist zu groß. Sie ahnt es längst. » Man kann nicht die Welt verbessern«, sagt die Schwestertochter. » Man kann nur lernen, das alles auszuhalten.«
- Datum 08.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.20 vom 08.05.2008, S.A13
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