Der Zweck des Lebens

Normalerweise reden Politiker nicht viel über ihr Menschenbild, außer vielleicht mit einigen Floskeln aus den Präambeln ihrer Grundsatzprogramme. Manchmal jedoch blitzt das Bild eines Politikers vom Menschen unversehens auf, man redet so dahin, und plötzlich ist mehr Wahrheit raus, als man wollte. So war es kürzlich bei Jürgen Rüttgers. Der CDU-Politiker rechnete vor, dass Geringverdiener, die 35 Jahre lang in die Rentenkasse einzahlen, in Zukunft nicht mehr herauskriegen als eine Grundsicherung. Und dann kam der Satz: »Da stellt sich der Bürger zu Recht die Frage: Warum soll ich überhaupt noch arbeiten, wenn es auch ohne Arbeit die gleiche Rente gibt?«

Nun soll es hier nicht um die Rente gehen, sondern ums Leben. Deshalb: Ja, es ist tief enttäuschend, wenn am Ende eines Arbeitslebens der Gang zum Sozialamt steht. Und ja: Wer es ordnungspolitisch verantworten kann, der soll dafür kämpfen, dass ungleiche Beiträge zu gleichen Renten führen. Das ist ein absolut legitimer Beitrag im ewigen Verteilungskampf. Aber was für einen Bürger hat Rüttgers da vor Augen, der sich fragt, warum er überhaupt noch arbeiten soll, wenn doch am Ende so wenig Rente dabei herausspringt? Denken wirklich viele Menschen so: Ich gehe lieber nicht zur Arbeit, weil die Rente mal gering sein wird? Was sollen das für Leute sein, die eine solch existenzielle, das Ganze des eigenen Lebens betreffende Frage Arbeit oder keine danach entscheiden, ob sie als Rentner 50 Euro mehr oder weniger bekommen?

Offenbar denkt sich Jürgen Rüttgers diese Bürger als Rentenerwartungsmenschen, als versicherungstechnische Kalkülmaschinen.

Sind die Bürger so? Und wenn ja, warum wirft dieser christliche Politiker ihnen ein »zu Recht« hinterher, ein ethisches Bravo? Ein rechtschaffen denkender Landesvater müsste doch sagen, dass jeder Mensch die sittliche Verpflichtung hat, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten nützlich zu machen und vom Mitmenschen nicht mehr zu nehmen, als er ihm gibt. Und selbst wenn man von solchen sittlichen Verpflichtungen nichts hält, so sollte man zumindest nicht die Wirkungen langfristiger Arbeitslosigkeit sei sie erzwungen oder gewählt auf das Gemüt eines Menschen so herunterspielen. Oder woraus zieht der Rüttgerssche Mensch seinen Lebenssinn, nachdem er die Option Arbeit verworfen hat? Schwerlich wird er sich auf die ehrenamtliche Arbeit stürzen, denn die bringt gar keine Rente.

Mit so einem Menschen jedenfalls lässt sich kein Staat machen, am wenigsten ein Sozialstaat. Denn wenn hier alle anfangen, Spitz auf Knopf ihren persönlichen Ertrag aus der komplizierten und gigantischen deutschen Umverteilungsmaschinerie zu errechnen, um dann bei unbefriedigenden Ergebnissen in einen unbefristeten Streik zu treten, dann geht bald gar nichts mehr. Dann werden die einen »zu Recht« nicht arbeiten, die nächsten »zu Recht« schwarzarbeiten, die dritten werden »zu Recht« auswandern oder zumindest ihr Geld auswandern lassen, und wieder andere werden »zu Recht« möglichst oft zum Arzt gehen, weil sie sonst 35 Jahre lang in die Krankenkasse eingezahlt haben und am Ende nur so gesund sind wie ein arbeitsloser Raucher.

Rüttgers Behauptung, dass derjenige, der sich betrogen fühlen darf, zu nichts mehr verpflichtet sei, bringt die gegenwärtige Stimmung in Deutschland ganz gut auf den Punkt. Sie zeigt auch, dass es bei den Debatten um die Rente immer schon um mehr ging als nur um ihre Höhe, kaum eine andere Frage wurde moralisch so überladen.

Erst ging es um die »Generation, die Deutschland wieder aufgebaut hat«. Dann wurde die Rente zum »Lohn für Lebensleistung« erklärt, womit plötzlich der Wert eines Lebens an der Höhe der Rente gemessen wird, obwohl doch der Wert des Lebens mit dem Lohn rein gar nichts zu tun hat. Und nun, auf der letzten Stufe der Übermoralisierung, soll schon der Sinn der Arbeit sich am zu erwartenden Rentenertrag messen.

Damit ist die Rente nicht mehr Ergänzung zum Arbeitsleben, sondern sein Maß, der Sozialstaat ist nicht mehr die Erweiterung des Marktgeschehens, sondern sein Zweck.

Nun darf man gewiss davon ausgehen, dass Jürgen Rüttgers das alles nicht so meint, und als vernünftiger Mensch, der er außerhalb seiner sozialpopulistischen Interviews ist, würde er ganz bestimmt jeden streng zurechtweisen, der keine Lust hat zu arbeiten, nur weil die Rente am Ende vielleicht nicht stimmt. Aber warum sagt er es dann?

Nicht nur Rüttgers, die halbe Republik redet sich gerade in einen wogenden Sozialpopulismus hinein, bei dem vieles auf der Strecke bleibt. Erst die Ordnungspolitik, dann der gesunde Menschenverstand und alsbald auch die Gerechtigkeit.

 
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