Oper »Das hat doch Charme!«

Wolfgang Wagner gibt in Bayreuth das Zepter ab. Ein Gespräch mit dem Regisseur und Festspielmacher Jürgen Flimm über das Ende einer Ära und einen Neubeginn mit Wagners Töchtern

DIE ZEIT: Nach 59 Jahren hat Wolfgang Wagner seinen Rücktritt angekündigt. Was bedeutet seine Entscheidung für Bayreuth?

Jürgen Flimm: Einen Neubeginn, der längst fällig war. Wagners verstorbene Frau Gudrun hat sich diesem Neubeginn immer verweigert, und es ist sein letztes großes Verdienst, dass er nun die Türen öffnet – auch wenn das schon vor zehn Jahren hätte passieren müssen.

ZEIT: War wirklich seine Frau an allem schuld?

Flimm: Das ist wohl so. Sie war die mächtigste Figur in Bayreuth und hat alles verhindert, was zu einer Öffnung der Festspiele geführt hätte. Sie wollte Änderungen nur in ihrem Sinne.

ZEIT: Es gibt Spekulationen über Wolfgang Wagners Gesundheitszustand. Wissen Sie Genaueres?

Flimm: Man sagt, es gehe ihm etwas besser als bislang – höre ich aus gut unterrichteten Kreisen. Jedenfalls hat er die Entscheidung, zugunsten seiner Töchter Eva und Katharina zurückzutreten, sicherlich aus freien Stücken getroffen.

ZEIT: Was sind Wolfgang Wagners Verdienste?

Flimm: Dass er nach dem Krieg die Festspiele stabilisiert hat. Das sah ja zunächst nicht gut aus, sein Bruder Wieland hat mehr inszeniert als sich gekümmert, er fuhr durch die ganze Welt. Wolfgang ist schön zu Hause geblieben und hat den Laden zusammengehalten. Er hat das Theater dann in diese Stiftung überführt – auch das war ein sehr kluger Schritt. Dass er künstlerisch nicht so toll war, wissen Sie, aber man kann nicht alles haben.

ZEIT: Von seinen Inszenierungen kommt also keine ins Schatzkästlein des Opernfreundes?

Flimm: Das glaube ich nicht. Aber wer kommt da schon rein? Das sind eh nicht viele, an die man sich in 20 Jahren noch erinnern wird. Nach dem Tod Wielands sind aus Bayreuth kaum große Innovationen mehr gekommen; die letzten Jahre waren nur ein hektisches Aufholen. Katharinas Einfluss war da schon zu spüren, die Engagements von Schlingensief oder Kusej, jüngere Leute, die sie kennt. Sie hatte damit bei ihrer Mutter sicher kein leichtes Spiel.

ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, dass die Wagners ihren Regisseuren gern ungefragt Nachhilfe erteilen. Wie sah das denn in Ihrem Fall aus?

Flimm: Sie haben immer wieder versucht, ihre Sicht auf die Stücke des Opas durchzusetzen. Dass Regie ein Kommentar zu einem Text oder einer Partitur ist, haben sie nicht verstanden. Wenn man sein Vorhaben in der Konzeptionsbesprechung erklärt hat, gab’s richtig Zunder. Mit finanziellen Tricks, »Das können wir nicht bezahlen!«, und dieses ganze Zeug, das zum Alltag schlechter Intendanten gehört. Bei vielen Kollegen hat sich Wolfgang auch auf der Probe eingemischt, ich bin dann einfach eine Zigarette rauchen gegangen. Einmal bin ich zwei Reihen zurückgeklettert und habe gesagt: »Hier, Herr Wagner, das Regiepult ist frei, Sie können die Szene inszenieren, wie Sie lustig sind, ich werde sie so beibehalten, wie Sie es wünschen. Aber ziehen Sie mir dann bitte die Gage für diese Probe ab.« Da hat er dann murrend den Rückzug angetreten.

ZEIT: Hatten die beiden in ihren stillen Stunden ein Bewusstsein ihrer Grenzen?

Flimm: Er ja, sie nicht.

ZEIT: Warum erträgt man diese ganzen Zumutungen? Weil es so etwas Besonderes ist, in Bayreuth zu inszenieren?

Flimm: Nein. Das war wohl mal. Mit dem Ring war es eine wahnsinnig schwere Zeit. Man probiert dort drei Monate ohne einen einzigen Tag Pause. An einem Pfingstsonntag bin ich abgehauen und in die Kirche gegangen, weil ich mal andere Texte und andere Musik hören musste, sonst wird man ja verrückt. Was niemand weiß: Beim Ring hat man ja pro Oper nur 14 Probentage. Das ist bei einem Stück wie Walküre eigentlich nicht zu schaffen. Bestimmte Grundsätze von Theaterarbeit gelten in Bayreuth gar nicht. Bei der Walküre hatten wir nicht mal eine Klavierhauptprobe, was die wichtigste Probe für den Regisseur ist. Ich hab von meinem Siegfried vor der Premiere nur einen einzigen Durchlauf gesehen, und danach ließ sich aufgrund bescheuerter Disposition nichts mehr ändern.

ZEIT: Haben Sie denn bei der Wagnerschen Nachhilfe etwas gelernt, was Sie noch nicht wussten?

Flimm: Null. Nur eins war mir wirklich neu: Nach landläufiger Meinung muss eine Direktion alles dafür tun, dass die Leute, die bei einem arbeiten, sich gut fühlen, dass man sie unterstützt. Diese Grundsätze eines Intendanten sind dort außer Kraft gesetzt. Davon kann jeder Regisseur ein Lied singen. Aber ich bin sicher, dass sich das mit Eva und Katharina ändern wird. Eva ist ein Profi, die wird überall in der Branche geschätzt. Katharina ist ein junger Mensch, die guckt nach vorne. Das ist eine gute Kombination, hoffentlich vertragen sie sich.

ZEIT: Ist dynastische Kontinuität noch zeitgemäß?

Flimm: Ach, das hat doch einen gewissen Charme! Dass man sich jetzt nicht auf den allgemeinen Kulturmanagermarkt begeben muss, weil man Fachleute in der Familie hat, die einen Bezug zur Eigentümlichkeit des Ortes haben. Das find ich schöner, als wenn da jetzt der Herr X hinkäme, der schon vier Stadttheater geleitet hat.

ZEIT: Ihr Kollege Peymann hat gesagt, da muss der beste Opernregisseur der Welt hin.

Flimm:(lacht) Ja, der Kollege Claus! Den schätze ich wirklich sehr für seine immergleiche Kraft zum Polemisieren. Aber das ist einer der wenigen Fälle im Theaterbereich, wo der Kollege Peymann sich zurückhalten sollte, denn davon versteht er zu wenig.

ZEIT: Was muss man eigentlich können, um die Bayreuther Festspiele zu leiten?

Flimm: Das ist nicht so schwer. Die machen eine neue Produktion pro Jahr, und vor jedem neuen Ring machen sie ein Jahr nur Wiederaufnahmen, zum Luftholen. In Salzburg machen wir jedes Jahr vier neue Opern und vier große Schauspielproduktionen, dazu 70 bis 80 Konzerte und vieles mehr.

ZEIT: Der Laden lief unter Wolfgang auch deshalb finanziell ganz gut, weil er die Künstler dazu brachte, in Bayreuth für ’n Appel und ’n Ei zu arbeiten.

Flimm: Das könnte das Problem der nächsten Jahre werden. Der Wolfgang hatte ein striktes Gagengefüge: Die Sänger werden nach Rollengröße bezahlt und nicht nach Namen. Mancher Star bekommt nur ein Sechstel dessen, was er normalerweise kriegt. Das hat der Wolfgang schlau gemacht.

ZEIT: Die Wagners sind unsere Windsors. Muss die Familie allein deshalb weitermachen?

Flimm: Die sind nur nicht ganz so unanständig wie die Windsors.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die Faszination des Publikums für diese Familienwirren und für ein musikalisches Œuvre, das man auch anstrengend und schwer verständlich finden kann?

Flimm: Da stelle ich die Gegenfrage: Warum hat noch niemand das Buch geschrieben Der Wagnerianer? Das werfe ich dem internationalen Feuilleton und der deutschen Kultursoziologie vor. Warum wird das Werk des Meisters auf ein Podest gehoben, wo es außerhalb jeder Konkurrenz mit anderen Komponisten steht? Das habe ich nie verstanden. Es gibt doch auch keine Bachianer.

ZEIT: Was bedeuten die Festspiele überhaupt noch? Es gab mal den Anspruch, in Bayreuth die maßstabsetzenden Wagner-Interpretationen zu zeigen.

Flimm: Diesen Anspruch hat die Firma fast verspielt. Aber das muss die Forderung an so ein Spezialfestival sein. Sonst ist es nur noch Wagner-Tourismus.

ZEIT: Nun scheint es nach der komplizierten Satzung der Festspielstiftung juristisch zumindest möglich, dass sich in den nächsten vier Monaten jedermann, der sich für qualifiziert hält, um die Leitung bewerben kann. Würden Sie das jemandem raten?

Flimm: Nein. Der Stiftungsrat hat ja offenbar Eva gebeten, von ihrer Bewerbung mit Nike abzulassen, und Katharina soll ihre beiden Schutzheiligen Ruzicka und Thielemann verlassen. Damit ist die Entscheidung gefallen, sonst würden sich die beiden nicht aus ihren bisherigen Teams herauslösen.

ZEIT: Hätte es Sie in einem anderen Leben gereizt, dort ein Konzept einzureichen?

Flimm: Nein, nie. Aus einem ganz simplen Grund: Die Veranstaltung ist mir zu monotheistisch.

ZEIT: Soll in Zukunft in Bayreuth auch anderes gespielt werden als nur Wagners Hauptwerke?

Flimm: Sicherlich. Die Feen und Rienzi und solche Sachen müssen gespielt werden. Auf dem Hügel würde ich aber nur Wagner spielen. Eine Idee von Nike Wagner finde ich nach wie vor sehr gut: Es gibt in der Stadt das tolle Markgrafentheater. Da könnte man Wagnersche Zeitgenossen spielen, in Konzerten und Opern. Dann sieht man nämlich, dass er in manchen Sachen total revolutionär, in anderen aber auch ein bisschen rückständig war. Ich kann mir vorstellen, dass Eva in diese Richtung denken wird. Leid tut es mir um Nikes Intellektualität. Es wäre natürlich das Ideal, wenn Nike jetzt noch als Chefdramaturgin mit dabei wäre. Aber das ist vielleicht ein bisschen viel unter Richards Barett.

Die Fragen stellte Christof Siemes

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Leser-Kommentare
    • hagego
    • 08.05.2008 um 17:16 Uhr

    Lasst den Werner Herzog mal so richtig durch Bayreuth wirbeln. Wenn sich der Staub dann wieder legt, beginnen die Wagner-Festspiele des 21. Jahrhunderts!       Jürgen Flimm hat recht, manches angerostete Stück Blech hat mehr Charme als ein modernes Plastik-Modul. Aber die Fenster und Türen sollten man auf dem Hügel schon öffnen, um frische Luft in die "Familiengruft" zu lassen.

  1. 1. In der Beendigung einer langjährigen, fast zerstörenden Blockade ein großes Verdienst zu erkennen, finde ich schon sehr 'stark'. 2. Ich kann den Charme der jetzt zunächst informel ausgekungelten Personal-Lösung überhaupt nicht erkennen. Peymann hat recht, die neue Leitungspersönlichkeit sollte ein sehr spezifisches Anforderungsprofil erfüllen. Papas Liebling zu sein, das reicht nicht. 3. Es ist zu hoffen, daß der Stiftungsrat im Rahmen der Beschlußfassung einen 'klaren Kopf' behält. Die Mitglieder laufen nämlich sehr deutlich Gefahr, durch das Abnicken einer nicht satzungsgemäßen Kungelei, ihrem Image auf Dauer schwer zu schaden. Achtung, der Bürger vergißt nicht! 4. Politiker, die Leitungspositionen nicht anforderungsgerecht besetzen, die brauchen wir in Deutschland nicht. Bayreuth lebt von Subventionen, für die die Bürger arbeiten mußten.    5. Katharina Wagner als neue 'Chefin', das wäre eine überaus große Provokation für uns Bürger!

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