»Die Kindheit in der Tasche«

Die Zeit: Herr Matthes, worin besteht das Wunder des Theaterspielens?

Ulrich Matthes: Um es mit Friedrich Schiller zu sagen: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Ich habe Anglistik und Germanistik studiert und das Studium abgebrochen. Mir fehlte in der Literaturwissenschaft die kindliche Seite der spielerische Umgang mit den Texten. Max Reinhardt hat gesagt: Ein Schauspieler ist derjenige, der sich seine Kindheit in die Tasche gesteckt hat. Das Theater gibt mir eine Verbindung zur Kindheit, die ich nicht abreißen lassen möchte.

Zeit: Ist jeder Mensch ein Schauspieler?

Matthes: Natürlich. Um zu überleben, muss man ein Schauspieler sein.

Man schafft ja sonst das Leben gar nicht. Man ist ständig in Rollensituationen. Das darf man sich allerdings nicht zu bewusst machen, sonst dreht man durch.

Zeit: Müssen Politiker Schauspieler ihrer selbst sein?

Matthes: Na klar. Nehmen Sie Angela Merkel. Sie geht mit ihrem Politikerstatus relativ selbstironisch um. Bei Merkel kann ich mir immer das junge Mädchen vorstellen, das sie mal war. Das kann ich bei einem Erwachsenendarsteller wie Guido Westerwelle nicht oder ich will es nicht. Ein beliebtes Spiel von mir ist, auf Flughäfen oder an anderen öffentlichen Orten, dass ich mich frage, wie alle diese wichtigen, seriösen Menschen als Kinder gewesen sind: Wie haben die wohl gespielt, ganz real, auf dem Spielplatz, im Hof, zu Hause? Diesen Röntgenblick, hindurch durch die Erwachsenenhülle, den muss man haben als Schauspieler. Sonst bleibt das Spiel reine Konzeption, Wichtigtuerei.

Zeit: Hat das Theater in den letzten Jahrzehnten einen Bedeutungsverlust erlitten?

Matthes: Ja, zweifellos. Mein alter Kollege Thomas Holtzmann erzählte mir einmal, dass in seinen jungen Jahren am Bühneneingang nach der Vorstellung Trauben begeisterter Mädchen auf ihn gewartet haben. So etwas ist heute unvorstellbar. Der Theaterschauspieler ist heute von marginaler Bedeutung für das Kulturleben einer Stadt. Gesellschaftlich hat das Theater kaum mehr Relevanz. Der Bedeutungsanspruch, mit dem Claus Peymann in Berlin angetreten ist er sagte ja, er wolle der Reißzahn sein im Regierungsviertel , ist absurd. An solche Sätze glaubt überhaupt niemand mehr.

Zeit: Warum nicht?

Matthes: Weil es keine Tabus mehr gibt, sei es inhaltlicher oder formaler Art, die das Theater noch brechen könnte. Ich bin mir sehr unsicher, ob das gut so ist oder ganz furchtbar. Vielleicht beides.

Zeit: Wird es in 50 Jahren noch die einzigartige deutsche Theaterlandschaft geben?

Matthes: Es wird vielleicht einige Bühnen in kleinen Städten nicht mehr geben, aber noch die Theaterlandschaft und ein Theaterpublikum.

Warum? Es riecht einfach anders im Theater als zu Hause Zeit: Gibt es Fortschritt im Theater?

Matthes: Das Theater schielt auf unheilvolle Weise aufs Kino.

Umgekehrt ist das nicht der Fall. Ich nehme wahr, dass auch im Theater die Schnitte immer schneller sind. Aber ich denke, es wird auch wieder die Gegenbewegung geben, es werden junge Regisseure kommen, die wieder Geschichten mit den Mitteln des Theaters erzählen wollen.

 
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